Schau mich an!

Die Französin Agnès Jaoui erzählt in ihrer zweiten Regiearbeit eine amüsante, aber auch bittere Geschichte über die Abhängigkeit der Menschen von Berühmtheit und Status. In deren Mittelpunkt steht die Mitzwanzigerin Lolita, die, um sich ihren Berufswunsch Sängerin zu erfüllen, erst einmal lernen muss, sich von ihrem ebenso egozentrischen wie dominanten Vater, einem berühmten Schriftsteller, zu distanzieren.

Schau mich an! (Comme une image)

„Am meisten interessiert es mich auszuloten, wie schwierig, wie widersprüchlich es ist, ganz Mensch zu sein und seinem eigenen Wesen treu zu bleiben.“ sagt Agnès Jaoui, die Regisseurin der französischen Komödie Schau mich an! (Comme une image). Wie in ihrem erfolgreichen Debüt Lust auf anderes (Le goût des autres, 2002) bringt sie nun zum zweiten Mal ein starkes Schauspielerensemble zusammen, um einige der vielen Facetten des menschlichen Wesens auszuloten.

In Schau mich an! geht es um Lebensentwürfe, um Bilder von Schönheit und Erfolg, die wir alle in unserem Kopf tragen. Die Hauptfigur ist Lolita Cassard (Marilou Berry) eine junge Frau aus Paris. Sie ist Anfang 20, ein bisschen pummelig und hat den festen Wunsch, Opernsängerin zu werden. Lolita hat mit ihrer Namensvetterin aus Vladimir Nabokovs Roman allerdings eher wenig gemeinsam. Sie spielt nicht mit ihrer Sexualität. Lolita sucht Liebe und Anerkennung. Aber die Menschen, bei denen sie diese am meisten sucht, verwehren sie ihr. Anders als ihr Vater Etienne (Jean-Pierre Bacri), ein erfolgreicher Schriftsteller, strebt sie nicht nach Berühmtheit und Bewunderung, sondern danach, ihre ganz privaten Träume zu erfüllen. Ihr Vater versteht das nicht und legt ihr durch sein egoistisches Verhalten ständig Steine in den Weg. Der berühmte Etienne benutzt seinen Einfluss und seine Beziehungen als Druckmittel. Das funktioniert zumindest bei Pierre Miller (Laurent Grevill), einem jungen Schriftsteller und seiner Frau Sylvia (Agnès Jaoui), die Lolita Gesangsunterricht gibt. In deren Fähigkeiten hat sie zunächst aber kein besonderes Vertrauen und auch menschlich hat sie zunächst kein großes Interesse - bis sie herausfindet, wessen Tochter sie ist.

Schau mich an! (Comme une image)

Alle Charaktere haben zu Beginn des Films Bilder ihres jeweiligen Lebensziels im Kopf: Pierre möchte berühmt werden, Sylvia möchte, dass Pierre ein erfolgreicher Schriftsteller wird und Lolita möchte Sängerin werden. Sie glauben, ihre Ziele nur mit Hilfe des egozentrischen Etiennes erreichen zu können und setzen deshalb die Grenzen des im menschlichen Umgang miteinander Tolerierbaren jeden Tag ein Stück weiter nach hinten: Sie buckeln, verbiegen sich und lassen sich beleidigen.

In ihrer ersten Hauptrolle steht Marilou Berry, die Tochter der bekannten französischen Schauspielerin Josiane Balasko, das erste Mal mit erfahrenen Akteuren vor der Kamera, ist ihnen dabei aber absolut ebenbürtig. Manchmal spiegelt ihr Gesicht die Verletzungen, die ihr Vater ihr fast ununterbrochen zufügt, manchmal zeigt es den kindlichen Trotz, mit dem sie ihre Ziele verfolgt. Marilou Berry ist präsent, gerade auch in den Szenen mit Jean-Pierre Bacri, der ihren Vater als kleinen Sonnenkönig spielt, der es für selbstverständlich erachtet, dass die ganze Welt sich nur um ihn dreht und sich wie eine Art Hofstaat unterwürfig um ihn versammelt. Dass ausgerechnet Bacri, einer der beliebtesten und meistbeschäftigten Schauspieler und Drehbuchautoren Frankreichs die Rolle eines beliebten und erfolgreichen Autoren übernommen hat, kann sicherlich als ironischer, selbstreferentieller Kommentar zum Starstatus unserer Zeit verstanden werden.

Schau mich an! (Comme une image)

Mit Schau mich an! wurde das siebte Drehbuch des engagierten Schauspielerpaares Jean-Pierre Bacri und Agnès Jaoui für die Leinwand adaptiert. Bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes haben sie dafür die goldene Palme erhalten. Ihre Geschichten sind meist nah an der alltäglichen Realität, zwar übertreiben sie die hervorstechenden Charaktereigenschaften der Menschen, geben die Figuren aber nie der Lächerlichkeit preis. Zu den früheren Büchern Bacris und Jaouis gehören unter anderem Smoking/No Smoking (1993) und Das Leben ist ein Chanson (On connaît la chanson, 1998; beide verfilmt von Alain Resnais), die jeweils mit einem César, Frankreichs Pendant zum Oscar, ausgezeichnet wurden.

Agnès Jaoui sagte in einem Interview zu ihrem letzten Film, dass sie, vom Theater kommend, sich sehr auf den Dialog konzentrieren würde. Wie sein Vorgänger ist auch Schau mich an! ein Film, der sich sehr auf seine brillanten, treffenden Dialoge verlässt und verlassen kann. Aber Jaoui hat sich weiterentwickelt: „Zum ersten Mal ist einer unserer Filme nicht die exakte Kopie des Drehbuchs. Trotzdem vermisse ich keine der Szenen, die es nicht in den fertigen Film geschafft haben.“ Im Vergleich zu ihrem Erstling wirkt Schau mich an! tatsächlich flüssiger und leichter. „Ein Film, der einen im Vorbeigehen streichelt.“ schrieb der Tagesspiegel über Schau mich an!. Man wird auf zarte Weise berührt von den Figuren, ihren Problemen und Träumen. Vielleicht ist das so, weil man sich selber in Bacris und Jaouis Büchern immer wieder zu erkennen meint. Schau mich an! ist ein Film über echte, lebendige Personen, der ohne moralischen Zeigefinger unbequeme Fragen stellt, dafür aber mit viel Humor und Augenzwinkern.

 

Kommentare


Martin Z.

Der Film spielt hauptsächlich in der Welt der Schriftsteller und Verleger. Da gibt es nörgelnde Ehefrauen, Teenies mit Liebeskummer und Gewichtsproblemen, Schreibblockaden und viel Gesang. Im Zentrum dieser vielen Handlungsstränge steht allerdings die Tochter eines erfolgreichen Schriftstellers, die unter der fehlenden Anerkennung leidet. Fein beobachtet, und recht unterhaltsam kommt diese Komödie daher; manchmal blitzt sogar ein schlagfertiger Dialog auf. Dem Zuschauer geht es jedoch wie manchen Akteuren: es fällt einem schwer sich zu Recht zu finden und Anteil zu nehmen Also kann man nur das Ganze munter an sich vorbei plätschern lassen. Und sagt am Ende: ’Na ja, so sind sie halt, die Franzosen’.






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