Schattenwelt

Connie Walther rettet die filmische RAF-Diskussion aus dem Vergangenheits-Grab, das Eichinger ihr geschaufelt hat, ans Licht der Gegenwart.

Schattenwelt

42 Jahre nach dem Tod Benno Ohnesorgs, 41 Jahre nach dem Attentat auf Rudi Dutschke und 37 Jahre nach dem Anschlag auf ihr Verlagshaus betreibt die Springer-Presse wieder Hetze. Christian Klar wird auf Schritt und Tritt verfolgt, Fotos werden geschossen, ein Praktikum mitverhindert. „Mörder“ prangt es von den Titelseiten, immer wieder Abstimmungen, ob dieser Mensch überhaupt frei sein sollte, schließlich, ob er hätte freigelassen werden dürfen. Er sollte! Und zwar im rein juristischen Sinne. Christian Klar, einer der konsequentesten und brutalsten RAF-Terroristen, einer der Unbeirrbaren und Unbelehrbaren, hat seine Schuld nie eingesehen, zumindest nie öffentlich eingestanden. Aber er hat sie abgesessen. 26 Jahre in deutschen Gefängnissen, zum Teil isoliert. Die Folgen dieser Politik, aber auch die tiefe Verankerung der einst (selbst-)oktroyierten ideologischen Wurzeln, sind in Günter Gaus’ Gespräch mit dem Terroristen hör- und sichtbar.

So sieht die Realität aus. Connie Walther liefert ihre filmische, fiktional aufgeladene Version in der Parallel-Schattenwelt.

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Medienrummel vor der freiburger Justizvollzugsanstalt. Ein Terrorist wird freigelassen. Eine Wohnung steht bereit, die ihm nicht vertraut ist. In der Küche Konserven. Die Sprache des Mannes ist kurz, präzise, leicht brachial. Schon das unterscheidet diesen Bernd Widmer (Ulrich Noethen) deutlich von seinem Vorbild Christian Klar, wie man es vor allem aus dem Gaus-Interview kennt. Wo dort nur noch die ideologischen Phrasen zackig über die Lippen kommen und das meiste andere im Gestammel mündet, spricht Widmer wie vermutlich auch vor seiner jahrzehntelangen Haft. Er spricht nicht nur so, er sieht auch noch ein wenig so aus, als befinde er sich im Untergrund und in der Vergangenheit. Die Konserve also: Leben ist im Knast stehengeblieben – da wären wir exakt bei Gaus’ Einstiegsfrage.

Draußen ist es weitergegangen. Für Widmers damalige Lebensgefährtin (Eva Mattes), für den Sohn (Christoph Bach), für den Polizisten (Uwe Kockisch) und für die Tochter eines Opfers (Franziska Petri).

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Was macht nun ein Klar, was macht eine Mohnhaupt, was macht ein Widmer, wenn sie nach unvorstellbar langer Haft in eine andere Welt, die weder dem Gefängnisinnern noch dem Außen der Erinnerung ähnelt, entlassen werden? Kommunizieren sie untereinander? Arbeiten sie ihre Vergangenheit auf? Diverse Printmedien und Seiten im Netz haben diesen Fragen ganze Essays und Kolumnen, häufig satirischer Form, gewidmet. Wird ein Ex-Terrorist politisch aktiv? Versucht er sich ein neues Leben mit neuem Umfeld aufzubauen? Gibt es doch irgendeinen Kontakt mit Opfern und Hinterbliebenen? Oder gar öffentliche Auftritte? Schreibt man seine bestsellerverdächtigen Memoiren, pendelt man als Autor und Vorzeige-Ex-Terrorist durch die (Medien-)Lande – Modell Boock?

Peter-Jürgen Boock, der sich von seiner Vergangenheit distanzierte, wie kein anderer werbewirksam und in eigener Sache sukzessive Gruppen-Interna ausplauderte, lebt, anders als Klar, gut vom „Mördersein“. In Büchern und Talkshows ist er gern gesehener, weil einziger Gast aus dem harten RAF-Kern. Nun hat er gemeinsam mit Connie Walther an Uli Hermanns Vorlage für Schattenwelt gearbeitet. An dieser Vorlage scheitert das filmische Projekt.

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Connie Walther, die mit 12 heißt: ich liebe dich (2007) einen herausragenden TV-Film der vergangenen Jahre inszenierte, versucht den Medienwechsel zu nutzen: eine Farbkomposition, die mit Entsättigung arbeitet, und eine Kadrierung, die mit großen, weiten, distanzierenden Kinoeinstellungen operiert. 12 heißt: ich liebe dich hatte die Möglichkeiten des TV-Formats genutzt, überwiegend enge Räume zum Schauplatz gewählt und sich auf die Protagonisten konzentriert. Claudia Michelsen und Devid Striesow entwickelten ein intensives und intimes, perfekt aufeinander abgestimmtes Spiel, das die gesamte Handlung trug. Das Melodrama lebte dabei von den Auslassungen, dem Unausgesprochenen, den Ambivalenzen. Eine Liebe, die gezeigt, aber nicht erklärt wird. Und ein Film, der sich so einen Freiraum erarbeitet, in dem die nächste Szene sich immer unvorhersehbar entwickeln kann. Ein Prinzip, dem die Regisseurin auch in ihrem neuen Projekt folgt. Beide Geschichten wählen politische Stoffe als Ausgangsbasis, um dann Fragen von Schuld und Nähe am Fallbeispiel einer Zweierbeziehung zu erörtern.

Der Racheplan einer zunächst unkenntlich mit der Vergangenheit des Protagonisten assoziierten Frau ist am effektivsten von Christian Petzold in Toter Mann (2001) dekliniert worden. Schattenwelt drängt Valerie deutlich weniger elegant in Bernds Leben. Diese Frau ist verhaltensauffällig, ihr Kind hat sie wegen Gewaltanwendung verloren. Beides Opfer, beides Täter. Zu simpel drängt das Drehbuch derlei Analogien in den Vordergrund. Die Ausgangslage, Gestaltung der Resozialisierung eines unmenschlich lange Inhaftierten, findet hier keinen Platz, stößt auch auf keinerlei Interesse. Vielmehr ist Widmers Ankommen in der neuen Welt einzig als Odyssee, als Road-Trip zu seinem Sohn gezeichnet, der ganz offensichtlich unter der Rolle des Vaters leidet: Trunkenheit unter Stress, Paranoia und Schutzbedürfnis. Ach ja, er lebt außerdem in einer homosexuellen Beziehung.

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Nicht zuletzt die Beteiligung Boocks lässt einen Schattenwelt zumindest für eine Weile nach Subtexten abklopfen. An wen sind die unterschiedlichen Figuren angelehnt, welche neuen Informationen über RAF-Mitglieder und -Taten liefert der Film, welche abstrakten Einblicke in die Gefühlslage, Probleme, Reintegration und Vergangenheitsbewältigung ehemaliger Langzeitinhaftierter sind durch die Partizipation eines Ex-Terroristen eingeflossen?

Doch die Fährte führt ins Nichts. Obwohl der Film, anders als Petzold in Die innere Sicherheit (2000), ganz konkret die RAF nennt und sich an deren Taten orientiert, führt Walthers Konzept, mit Andeutungen und Auslassungen zu arbeiten, den Figuren einen scheinbaren Freiraum zu gewähren, hier in eine Sackgasse. Was zum einen daran liegt, dass sich im Gegensatz zum vorangegangenen Film immer wieder erklärende und psychologisierende Dialoge einschleichen. Schattenwelt will bewusst von der aktuellen Diskussion weg, lässt sich wie eine deutsche Variation des modernen amerikanischen Schuld-und-Sühne-Klassikers The Crossing Guard (1995), nur leider ohne Vilmos Zsigmond an der Kamera und ohne ein funktionierendes Ensemble, lesen.

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Ulrich Noethens Spiel ist ganz auf die barsche Kommunikation des selbsternannten Guerilleros ausgerichtet, der schwäbische Akzent kommt zupass. Aber das Drehbuch lässt ihm keinen Raum, seine Figur und deren Innenleben weiter zu erforschen. Seiner Mitspielerin Franziska Petri steht er befremdet gegenüber. Warum sich dieser Widmer überhaupt jemals auf die von Anfang an offensichtlich durchgeknallte und gefährliche Valerie einlässt, bleibt lange unklar. Bis zu einer Stelle, an der Widmer ihr attestiert, sie wäre auch für die Gruppe prädestiniert gewesen. Da sind die beiden schon eine Weile zusammen unterwegs, unheilvoll aneinandergekettet, und ein völlig unnötiger dramatischer Zwischenfall steht noch bevor.

Zu diesem Zeitpunkt möchte man aber bereits zurückkehren zu den besseren Artikeln über Klar, vielleicht sogar zu den Karikaturen, zu einem Buch über die RAF oder einfach zu einem Petzold-Film. Auf einen wirklich aktuellen audiovisuellen RAF-Beitrag warten wir weiter.

Trailer zu „Schattenwelt“


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Kommentare


Charlie Driggs

Schwäbische Justizvollzugsanstalt? Das werden die badischen Freiburger aber gar nicht gern lesen.


Sascha Keilholz

Ah, ja - und zu Recht. Werde das ändern.
Besten Dank für den Hinweis.






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