Schatten der Zeit

Das Kinodebüt des Oscar-Preisträgers Florian Gallenberger ist großes Gefühlskino mit einem Hang zum Ethnokitsch.

Schatten der Zeit

Vor fünf Jahren wurde Florian Gallenberger für seinen Diplomfilm Quiero ser, einer Geschichte um zwei mexikanische Straßenkinder, zuerst mit dem Studenten-Oscar und dann 2001 mit dem Oscar für den besten Kurzfilm ausgezeichnet. Schatten der Zeit ist nun Gallenbergers Langfilm-Debüt, das gemeinsam von Helmut Dietl und Norbert Preuss produziert wurde - ein Duo, das bereits für Rossini (1996) und kürzlich für Vom Suchen und Finden der Liebe (2004) verantwortlich zeichnete. Schon Quiero ser wirkte durch eine Dramaturgie nah am Gefühlskitsch, malerischem Bildwerk und einer Exotik der Fremde. Auch Schatten der Zeit wurde in der Ferne an Originalschauplätzen gedreht – diesmal in Indien. Und wieder stehen die Lebensläufe zweier Kinder in bitterarmen Verhältnissen im Mittelpunkt.

Eingeleitet wird der Film mit der Rahmenhandlung eines alten Mannes, der leere Hallen einer verlassenen Teppichfabrik durchstreift. Gelegentlich berühren seine verlebten Hände herumliegendes Werkzeug. Seine langsamen Schritte werden von getragener Musik untermalt. Immer wieder hält er inne und hängt seinen Erinnerungen nach. Kurze Bildsequenzen zeugen von einer Vergangenheit unter den harten Bedingungen der Kinderarbeit. Mit den Fingern streicht der Mann über die Kerben an einem Holzpfosten, in dem seine Körpergrößen verewigt sind. Schon zu Beginn des Films bemüht der Regisseur unterschiedlichste Zeitsymbole und betont die Bedeutung des Phänomens Zeit für seine epische, einen Zeitraum von 60 Jahren umfassende Handlung.

Schatten der Zeit

Mit einer Rückblende wechselt der Film in die Blütezeit der Fabrik im Indien der Kolonialzeit. Alles läuft auf Hochtouren, in Akkordarbeit werden überwiegend von Kindern und Jugendlichen Teppiche hergestellt. Warmes Licht durchflutet die staubige Luft und hüllt das Szenario der Kinderarbeit in hübsche Nostalgie. Der 11-jährige Ravi spart jede Rupie seines spärlichen Lohns, um sich eines Tages freizukaufen. Er kennt die Spielregeln der Fabrik. Nur wer schnell ist und flink arbeitet, kann auf bessere Zeiten hoffen. Neu in der Fabrik ist Masha, die mit der Arbeit überfordert ist. Ravi nimmt sich des Mädchens an und eine kindliche Liebe beginnt. Als Ravi erfährt, dass Masha an einen Mädchenhändler verkauft werden soll, opfert er seine Ersparnisse und verpfändet seine Arbeitskraft für die nächsten Jahre, um Masha frei zu kaufen. Beim Abschied am Fabriktor verspricht ihm Masha, jeden Vollmond im größten Shiva-Tempel Kalkuttas auf ihn zu warten.

Jahre später verlässt auch Ravi als junger Mann die Fabrik und macht sich auf den Weg in die Stadt. Er beginnt, bei einem alten Teppichhändler zu arbeiten, dessen Enkelin sich in ihn verliebt. Ravi hat aber nur die Suche nach Masha im Sinn. Sie ist in den Jahren zu einer begehrten „Tänzerin“ des Bordells geworden, in dem sie schon als Kind zwangsprostituiert worden war. Als Klischee der unschuldigen Hure geht sie noch immer jeden Vollmond zum Tempel, in der Hoffnung, ihre Liebe zu finden. Doch nicht zum letzen Mal werden sich beide nur knapp verpassen.

Schatten der Zeit

Während im ersten Teil des Films die Bildgestaltung noch kunstvoll reduziert gehalten war, wird es im zweiten Teil bunter und überbordend. Mit Anleihen ans Bollywood-Kino illustriert die Kamera Jürgen Jürges´ zunehmend lediglich eine Handlung, die sich in melodramatischer Formelhaftigkeit entspinnt und viel für Auge und Herz übrig hat. Darin finden Bollywood-Kino und das klassische Hollywood-Melodram einen gemeinsamen Nenner: Es geht hier wie dort nicht um Realitäten, geschweige denn um Sozialkritik, sondern um reines Unterhaltungskino bigger than life.

Schatten der Zeit vereint ein visuell etwas angekitschtes Indienbild mit Genremustern des Melodrams und erzählt ohne großen Kunstwillen oder gesellschaftskritischen Subtext ein gefühlsgeladenes, buntes Ethno-Märchen für den internationalen Markt. Darin ist der Film gelungen und bekanntlich ist es nicht selbstverständlich für deutsche Regisseure, Filme zu machen, die auch international funktionieren. Die Armut der Dritten Welt wählt Gallenberger jedoch lediglich als Rahmen seines Liebesmelodrams und hält schamhaft jegliche Kritik an den Verhältnissen aus dem Film heraus.

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