Schatten

Schatten (Shadows) atmet den Geruch der New Yorker Straßen wie kein Film vor ihm. Dieser Auftakt der Regiekarriere des Schauspielers John Cassavetes ist genauso atmosphärisch wie politisch und die Initialzündung für eine Erneuerung des amerikanischen Kinos.

Schatten

Es bietet sich an, Cassavetes Erstlingswerk in einem Double Feature mit einem anderen Debüt aus demselben Jahr, Jean-Luc Godards Ausser Atem (A bout du souffle) zu sehen. Beide Filme prägten die Kinoproduktion ihres jeweiligen Entstehungslandes auf Jahrzehnte hinaus und beide atmen eine eigenartige Leichtigkeit und Unbeschwertheit, die sowohl Godard als auch Cassavetes in ihrer späteren Karriere nur noch selten erreichten.

Schatten erzählt in episodenartiger Struktur von drei afroamerikanischen Geschwistern, Ben (Ben Carruthers), Lelia (Lelia Goldoni) und Hugh (Hugh Hurd). Die Handlung ist in der New Yorker Jazzszene situiert, die treibenden Rhythmen auf der Tonspur tragen zu der fiebrigen, manchmal fast traumartigen Atmosphäre bei, die den gesamten Film durchzieht.

Schatten

Auf der Handlungsebene geschieht nicht allzu viel. Der Alltag der Geschwister wird von verschiedenen Problemen in Liebesbeziehungen oder am Arbeitsplatz bestimmt. Doch auf beiden Ebenen täuscht die scheinbare Normalität. Schatten ist ein Film über Rassismus. Ohne moralisierenden Gestus beschreibt Cassavetes mit erstaunlich einfachen Mitteln die Mechanismen der Ausgrenzung, im öffentlichen wie im privaten Leben. Lelias Beziehung mit dem Weißen Tony (Anthony Ray) geht aufgrund unüberwindbarer Vorurteile auf beiden Seiten in die Brüche und Hugh muss sich damit abfinden, dass Schwarze auch im Showgeschäft stets nur die zweite Wahl bleiben.

Schatten war, was die filmische Darstellung von Rassismus angeht, in den USA ein Durchbruchsfilm. Das Hollywoodkino blieb noch bis tief in die sechziger Jahre hinein den alten Darstellungskonventionen verpflichtet, die Afroamerikaner nur als Staffage vorsahen. Bis heute finden sich in Amerika außerhalb des „Black Cinema“ nur wenige Filme, die eine derart konsequente Auseinandersetzung mit den Problemen der Schwarzen in den USA wagen.

Cassavetes Werk verdankt seinen Erfolg zu großen Teilen der Leistung seiner drei Hauptdarsteller, die allesamt vorher fast vollständig unbekannt waren. Vor allem Ben Carruthers etablierte mit seinem energetischen Stil das Bild eines neuen Selbstverständnisses der jungen, urbanen Schwarzen in Amerika, ein Bild, das unter anderem die Filme Spike Lees bis heute prägt. Bezeichnenderweise gelang keinem der drei zweifelsfrei extrem talentierten Schauspieler im Folgenden eine größere Karriere. Hollywood war noch nicht dazu bereit, sein Starsystem in ethnischer Hinsicht zu erweitern und so blieben auch für Goldoni, Hurd und Carruthers meist nur kleine Nischen im Fernsehen und dem Independentkino.

Heute ist der Film nicht nur als historisches Dokument in Bezug auf Rassismus interessant. Schatten nimmt aus vielen Gründen eine Schlüsselposition in der amerikanischen Filmgeschichte ein. Cassavetes Werk bewies 1959, was außerhalb der Hollywoodstudios mit geringem Budget möglich war und wies den Weg für die verschiedenene Formen des amerikanischen Independentfilms. Vor allem das New Yorker Undergroundkino um Andy Warhol und Jonas Mekas hatte die Lektion verstanden und etablierte bald eine ganz eigene Kinotradition, die den dominierenden Prinzipien des restlichen amerikanischen Filmschaffens diametral entgegenstand. Nicht umsonst war Mekas von Anfang an einer der größten Bewunderer von Schatten und seine euphorische Werbekampange in der Village Voice war an dem Erfolg des Films nicht unbeteiligt.

Schatten funktioniert auch mit knapp 50 Jahren Abstand noch ausgesprochen gut. Das improvisierte Spiel führt zu lebensnahen Dialogen, deren Authetizität nie aufgesetzt erscheint, Cassavetes Regie arbeitet, mehr als in allen seinen späteren Filmen mit Ausnahme des Opus Magnus Die Ermordung eines chinesischen Buchmachers (The Killing of a Chinese Bookie, 1976) über Stimmungen, die Kamera findet stets die richtige Mischung aus Nähe und Distanz zu den Charakteren.

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