Schande

In der Verfilmung des gleichnamigen Romans des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers J.M. Coetzee spielt John Malkovich einen Professor, der mit den neuen Gegebenheiten in der Zeit nach der Apartheid nicht zurecht kommt.

Schande

Der Literaturprofessor David Lurie (John Malkovich) ist ein Vertreter der weißen Oberschicht Südafrikas: gebildet, feinsinnig, nicht offenkundig rassistisch, aber die Vorteile von Abhängigkeiten gerne mehr oder weniger subtil ausnutzend. Schande (Disgrace) beginnt mit einer Szene, die im ersten Eindruck die Begegnung zweier Liebender sein könnte, wenn der Altersunterschied zwischen dem gut fünfzigjährigen weißen Mann und der dunklen Frau nicht so groß wäre. Nach kurzer Zeit ist klar: Sie ist eine Prostituierte, Lurie ihr Stammkunde. Als sie ihm klarmacht, dass ihr Geschäftsverhältnis dem Ende zugeht, macht sich Lurie auf die Suche nach Ersatz – und findet ihn in einer schönen, ebenfalls dunkelhäutigen Studentin namens Melanie.

Im Buch heißt es über das Verhältnis der beiden einmal: „Es ist keine Vergewaltigung, nicht ganz, aber doch unerwünscht, gänzlich unerwünscht.“ Der Film, der solches nicht ausspricht, nähert sich der Ambivalenz von Luries Person noch nuancierter. Die Aggressivität, die ihm von einem selbsternannten schwarzen Beschützer Melanies entgegenschlägt, trifft den Professor – und zunächst auch den Zuschauer - völlig unvermittelt. Lurie ist sich offenbar nicht klar darüber, dass er seine Stellung ausnutzt, um sexuelle Gefälligkeiten zu erhalten.

Schande

Diese sexuellen Machtverhältnisse spiegeln sich im zweiten Teil des Films, den der wegen des Skandals entlassene Professor auf der abseits gelegenen Farm seiner alleinstehenden Tochter verbringt. Dort werden beide Opfer eines brutalen Überfalls schwarzer Jugendlicher, der für ihn mit gekränkter Männlichkeit und einigen äußeren Blessuren und für sie mit einer – im Film nicht gezeigten – Vergewaltigung endet. Schande gräbt dabei tief in den Traumata des modernen Südafrikas, wo die sexuelle Gewalt zum Alltag gehört.

Es sind solche Parallelstrukturen und Spiegelungen, die Buch und Film zusammenhalten: Auf der einen Seite Lucys schwarzer Nachbar und früherer Gehilfe Petrus, als Vertreter des aufstrebenden Teils der schwarzen Bevölkerung: rau, wortkarg, seine neuen Rechte mit schweigsamer Beharrlichkeit einfordernd. Er hat Lucy einen Teil ihres Landes abgekauft und baut dort nun sein Haus.

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Auf der anderen Seite Lurie, der sich über die „pikante historische Note“ amüsiert, die er darin sieht, dass seine Tochter ihn bittet, Petrus bei der Arbeit „zur Hand zu gehen“. Die Ironie und die Arroganz sind die einzigen Formen von Distanz die ihm noch geblieben sind, ihm, der die Realitäten nicht anerkennen kann. Beim abschätzigen Blick auf das Buch, das seine Tochter gerade liest, zeigt sich dieser gelehrte Snobismus. Über den Realisten Charles Dickens rümpft der Litaraturprofessor, der Liebhaber des Romantikers Lord Byron, die Nase.

Die literarischen Verweise sind nicht zufällig, wie es in dem gesamten Film kaum eine Szene gibt, die – übrigens niemals aufdringlich - nicht auf tiefer Liegendes verweist. Dickens und Byron stehen für zwei entgegengesetzte Richtungen der Literatur; von jenem ist sogar überliefert, dass er von diesem und seiner radikal ichbezogenen Romantik weniger als nichts hielt. Dass Lurie wiederum derart über den Realismus in Person von Dickens die Nase rümpft, hat natürlich auch mit seinem eigenen Verhältnis zu der ihn umgebenden Welt zu tun (mit seinem Vorbild Byron teilt er zudem das Schicksal, wegen eines Skandals seine Heimatstadt verlassen zu müssen – der Grund, warum er überhaupt bei seiner Tochter Unterschlupf sucht).

Malkovich ist in diesen Szenen so gut wie lange nicht, stellt eine faszinierende Ansammlung von selbstgewissen Posen und Manierismen zur Schau, ohne dabei die ebenfalls sehr präsente Debütantin Jessica Haines als Lucy, eine verhärmte, fast asexuelle Erscheinung, an den Rand zu drängen. Der australische Regisseur Steve Jacobs, dessen erst zweiter Film Schande erstaunlicherweise ist, setzt den vielschichtigen und sperrigen, auch deprimierenden Stoff in schlichter, aber sehr angemessener Weise um. Das exzellente Drehbuch von Anna Maria Monticelli erliegt nicht der Versuchung, die Geschichte leichter verdaulich zu machen, etwa indem es die Zwiespältigkeit, die fast alle Figuren in sich tragen, glättete.

Schande

Petrus bleibt in seiner Indifferenz gegenüber dem an Lucy begangenen Verbrechen rätselhaft. Lucys Bereitschaft, sich mit der Demütigung zu arrangieren, verletzt jedes Gerechtigkeitsempfinden. Der Vater der Studentin Melanie, auch er eine Spiegelung, diesmal eine Art bürgerliche Version von Petrus, nimmt Luries grotesken Versuch einer Entschuldigung nicht an.

Als Weißer lebt man nun sozusagen in feindseliger Umgebung. Als das Buch Schande 1999 erschien, wenige Jahre nach dem Ende der Apartheid und kurz nach dem Abschlussbericht der Wahrheits- und Versöhnungskommission, sorgte es für die entsprechende Aufregung in Südafrika. Das letzte Bild des Films nun zwängt, in einer rückwärtigen Kamerafahrt, zum ersten Mal das Haus Lucys und den kleineren Rohbau von Petrus' neuem Heim in einen Rahmen, umgeben von karger Landschaft. Sie werden miteinander auskommen müssen.

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Kommentare


QWER

nach dem film werde ich nicht mehr urlaub in süd afrika machen
schwarze nazis unstütze ich nicht!!!


elisabethbraune

ein in so viele Zerrissenheiten zeigender Film. Es gibt nichts Absolutes. Es gibt nur die Notwendigkeit auszuhalten; Annäherungen an Lebbares und den Versuch auszuhalten und trotzdem zu lieben - zu leben wie auch immer






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