Scarred Hearts – Vernarbte Herzen

Makabre Freude am Wälzen im Schlamm: Der rumänische Regisseur Radu Jude zeigt das Leben in einem der Welt entrückten Sanatorium als exzentrische Gesellschaft von Todgeweihten.

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Es dauert nicht lange, bis Scarred Hearts aus dem wahlweise vermuteten Historien- oder Krankheitsmelodrama ausschert. Rumänien, Ende der 1930er Jahre. Das weltgeschichtliche Unheil nimmt schon seinen Lauf, ist aber noch weit weg. Ein Vater fährt seinen Sohn in ein Sanatorium am Schwarzen Meer, verspricht ihm seine Unterstützung, preist das Leben in der Kur mit einer wohlwollenden Heuchelei, die keinem der beiden entgeht, als ein normales an, losgelöst von allen Verpflichtungen bis auf die, gesund zu werden. Doch irgendetwas ist faul, auch wenn der Umschlagmoment schwer auszumachen ist. Vielleicht ist es die Szene, in der Emanuel (Lucian Rus) wie ein toter Fisch auf dem Tisch liegt und von einem lässig rauchenden Arzt untersucht wird; keine Spur dieser ergriffenen Würde, mit der die Schicksalsschwere so gern eingefangen wird. Genauso wenig wird das Leiden zur Schau gestellt und dem Zuschauer mit Betroffenheitsgebot an den Kopf geworfen. Die Situation erscheint schlichtweg: lächerlich, und liegend aus Shakespeares Richard III. zu deklamieren erscheint darin tatsächlich als etwas ganz Angebrachtes.

Gottes Anatomie im Schaukasten

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Vielleicht gibt es auch keinen Umschlagmoment, nur falsche Erwartungen. Dabei ist schon der Vorspann Vorwegnahme, diese Aneinanderreihung von Zeichnungen kranker Körper zu Monteverdis „Magnificat“ aus der „Marienvesper“. Man vermutet weniger eine Generalveredlung der Schöpfung als einen fatalistischen Lobgesang auf das Absonderliche. Vielleicht wird auch die Schöpfung angeprangert, dieses eklatante Gefälle zwischen dem edlen Projekt und der monströsen irdischen Wirklichkeit. Monströs wie die Diagnose, die dem jungen Chemiestudenten Emanuel anfangs im Sanatorium gestellt wird: Morbus Pott, Knochentuberkulose. Lieber hätte er sich von ihrer romantischeren Schwester, der Lungentuberkulose, befallen lassen, sinniert Emanuel, doch es sind nun einmal seine Knochen, die sich auflösen. Prompt ist der dürre Körper eingegipst und an ein Bett fixiert, damit er nicht auseinanderbricht, das Prozedere ist nicht frei von Witz und weckt gleichzeitig Assoziationen an Folterkammern und mittelalterliche Scharlatane.

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Da liegt Emanuel also, zur Bewegungslosigkeit verdammt und zur Kontemplation gezwungen, und die Kamera tut es ihm gleich. Statische Einstellungen durchziehen den Film, auf einen befreienden Schwenk wartet man vergebens. Bewegung gibt es nur, wenn sich jemand erbarmt und Emanuels Bett irgendwo hinrollt. Doch der Rahmen bleibt eisern starr, keiner vermag dagegen anzukämpfen, ein beengendes 4:3-Format mit abgerundeten Ecken, als würden wir in einen Schaukasten gucken. Radu Jude streut Einstellungen ein wie Gemälde, gönnt sich eine sehr gelungene Nachstellung von Rembrandts „Anatomie des Dr. Tulp“. Scarred Hearts – nach dem gleichnamigen semi-autobiografischen Roman des rumänischen Schriftstellers M. Blecher (1909–1938) – fußt lose, so der Vorspann, auf dem gesamten literarischen Werk des frühverstorbenen Autors. Wie Emanuel erkrankte M. Blecher in jungen Jahren an Knochentuberkulose und verbrachte seinen frühen Lebensabend in Krankenhäusern und Sanatorien. Ein Jahr vor seinem Tod veröffentlichte er Vernarbte Herzen. Immer wieder werden im Film weiße Auszüge auf schwarzem Hintergrund eingeblendet. Es geht um die Nichtigkeit menschlicher Existenz, um das Leben im Angesicht des Todes und irgendwann auch um die Faszination, die dieses Leben ausübt.

Unterm Gips fault der Anstand

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Denn zweifellos entwickelt dieser Ort einen Sog, und der Film brilliert darin, ihn darzustellen. Das Sanatorium wirkt wie ein Schiff, das ins Nirgends steuert, unwiderruflich vom Mutterland gelöst, unfähig, seine Insassen jemals zurück in ihr Leben zu entlassen. Denn offenbar hält nicht Krankheit diese Gesellschaft am Rande der Welt zusammen, sondern die Erfahrung der Krankheit; immer wieder kehren die Geheilten zurück, irren ohne Berechtigung inmitten der Moribunden, als wären sie außerstande zu begreifen, dass sie fortkönnen, als hätte sie das Wissen um den Abgrund ihrer Perspektive beraubt. Das Fleisch unter dem Gips fault, die Muskeln schwinden, und die Ambitionen der Vergangenheit tun es ihnen gleich; bald sehnt sich Emanuel nicht mehr fiebrig Heil und Heilung entgegen, bald richtet Scarred Hearts nicht mehr das Augenmerk auf eine bessere Zukunft, sondern bleibt in der Gegenwart stecken wie in Schlamm. Das Sanatorium war schon der Welt entrückt, nun wird es der Zeit enthoben.

Scarred Hearts findet eine makabre Freude daran, sich im Schlamm zu wälzen. Es wäre widerwärtig, sich in diesem Zustand um bürgerliche Moral zu scheren, befindet Emanuel, der zwei Affären parallel unterhält und damit die dekadente Endzeitstimmung der Einrichtung trifft. Gegessen wird – notgedrungen – im Liegen, unweigerlich drängen sich Bilder auf von römischen Gelagen und Trauben, die in den Mund wachsen; Heiterkeit auf Zimmerfeten, es wird geraucht und getrunken, was das Zeug hält. Selbst Erotik darf nicht fehlen, wenngleich auch sie, wie alles andere, den Anstrich von Lächerlichkeit bekommt. Die Szene, in der Emanuel, vom Becken bis zum Hals eingegipst, in eine ähnlich gepanzerte Insassin eindringt, gehört zu den gelungensten des Films. Gips gegen Gips, am Ende ist jeder allein.

Trailer zu „Scarred Hearts – Vernarbte Herzen“


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