Scanners - Ihre Gedanken können töten

Körper vs. Geist, oder: die Agonie des Cartesianismus.

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In seinem Film Scanners von 1981 verbindet David Cronenberg Descartes mit Darth Vader. Die Story um ein Häuflein hirnmutierter Gedankenkontrolleure hat mit ihren Mindgame-Duellen, PSI-Gurus, Initiationsriten und Vaterkomplexen viel von einer psychopathologisch radikalisierten Version der Jedi-Saga. Aber natürlich geht es bei Mr. Body-Horror Cronenberg nicht um eskapistisches Märchenerzählen, sondern um eine Kost, die ungleich schwerer im Magen liegt. Zum Beispiel, unter anderem, um den guten alten Leib/Seele-Dualismus.  

Der gleicht bei Cronenberg keiner göttlich-wundersamen Spaltung des Menschen, sondern ist eine sehr physische, sehr blutige Angelegenheit. Körper und Geist reiben sich aneinander, ihre Trennung geschieht in Schmerzen. Da scheint es um das Immateriellste überhaupt zu gehen in Scanners, um PSI-Kräfte, Telekinese, Gedankenlesen. Aber wenn bei Cronenberg ein Scanner seinem Opfer in den Kopf eindringt (oder ins Herz, oder in die Glieder ...), ist da nichts von heimlichem Hineinschleichen à la Obi-Wan Kenobi, nichts von Descartes unsichtbarem Dämon: Der Akt gleicht viel eher einer äußerst brutalen, äußerst schmerzhaften Penetration. Oder besser: Entjungferung.

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Von Kopfweh über Nasenbluten, von spontaner Selbstentzündung bis hin zur Schädelexplosion kann hier alles vorkommen, wenn Körper auf Geist trifft und die beiden miteinander ringen. Denn gänzlich unkörperliche Phänomene gibt es bei Cronenberg nicht. Von dieser Warte aus betrachtet erscheint Scanners unwahrscheinlich aktuell. Während sich manche Akademiker heutzutage mit ihren Embodiment-Theorien der körperlichen Dimension all jener „geistigen“ Phänomene wie Intentionalität, Emotion und Denken widmen und die Neurobiologie von der Allmacht des Hirns schwadroniert, zeigt Cronenberg einfach mal, wie stark Körper und Geist, Hirn und Wille miteinander verstrickt sind. Und, was sich später in Videodrome (1983), Die Fliege (The Fly, 1986) und eXistenZ (1999) noch radikalisieren soll: wie mit der Grenze von Körper und Geist auch jene zwischen Mensch und Maschine, organischer und anorganischer Materie, Filmbild und Betrachter stürzen.

Der Horror, das Magische oder das Geheimnisvolle: Alles Unheimliche entspringt in Scanners nicht aus einer Opposition zu den Prämissen der Naturwissenschaften, sondern aus deren exzessiver Übersteigerung. Jeder Dualismus ist ein Kreisschluss. Der Wahn ist der Ratio nicht gegenübergestellt, sondern ihr heißester Aggregatzustand. Und so wirken die „wissenschaftlichen“ Erklärungen der telekinetischen Phänomene in ihrer zwar wilden, dabei jedoch viel eher banalen denn haarsträubenden Verquickung von ESP-Strahlen, profitgeilen Pharmakonzernen und Reminiszenzen an den Contergan-Skandal erschreckend nahe.

Doch ist diese fast exzessive Erklärungssucht auch eine der, wenn nicht gar die größte Schwäche von Scanners. Cronenberg ist eben ein Kontrollfreak. Und er ist, selbstverständlich nicht ohne Grund, stolz auf seine polyvalenten Filmtexte. Er will sicherstellen, dass sie von den richtigen Seiten aus betrachtet werden, und legt dazu schon gut sichtbare Fährten für Zugänge aus Richtungen wie der Critical Theory, der Cyberpunkbewegung oder der Kybernetik. Deswegen wohl ist Cronenberg auch immer ein Liebling der etwas risikofreudigeren Schichten der Intelligenzija gewesen: weil er das Material für Attacken gegen Ideologen, Kapitalisten, Sexisten, Rassisten, Reduktionisten etc. schon mundgerecht vorgekaut liefert. Scanners macht da keine Ausnahme, und wie in Videodrome und Crash gibt es mit der Figur von Dr. Ruth (Patrick McGoohan) auch so etwas wie einen Guru, der die relevanten Theoriegebäude durchbuchstabiert. Cronenbergs psychopathologisches Profil ist das des Paranoikers, der seine Filme immer schon unendlich klar und tief reflektiert hat, damit kein Kritiker mehr kommen kann und eine verborgene Ebene freilegt.

Nichtsdestotrotz aber ist es eine Freude, dem Kanadier auf seinen vielleicht etwas zu hell beleuchteten Wegen zu folgen. Das liegt einerseits daran, dass es an sich schon grandios ist, einen Regisseur so tief in so düstere Gefilde vordringen zu sehen, andererseits jedoch an der einmaligen Fähigkeit Cronenbergs, die Mächte von inszenatorischem Klassizismus und relativierendem Trash zu verbinden. A- und B-Movie mixt er wie kein zweiter zu einem perfekten Cocktail.

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Wenn die Schauspieler darum kämpfen, den teils haarsträubenden, absurd schmucklosen Dialogen einen halbwegs glaubwürdigen Ausdruck mitzugeben, wenn sie ihre Psychoduelle mit konvulsivischem Zittern und wildem Grimassieren zu veranschaulichen suchen, während Howard Shores spaciger Synthiesoundtrack die unsichtbaren telekinetischen Strahlen hörbar macht, dabei Licht, Kadrage und Montage jedoch von ausgewählter Klarheit und kompositorischer Nüchternheit zeugen, dann ist das großes Cronenberg-Kino. Zu wenig Trash, und die Thematik würde in lächerlichem Ernst verpuffen, zu viel, und niemand würde es wirklich ernst nehmen. So ist Scanners unendlich unterhaltsames Kino, das sowohl Körper als auch den Geist (oder besser: Hirn und Zwerchfell) vollkommen befriedigt

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