Saw 6

Der sechste Beitrag zur Splatterfilmreihe Saw ist spekulativ, repetitiv und sadistisch. Und, auf eine gewisse Art und Weise, großartig.

SAW6

Die Filmreihe Saw gehört zweifelsohne zu den überraschendsten Erfolgsgeschichten der jüngeren Kinohistorie: Im Jahr 2004 begründeten Regisseur James Wan und Drehbuchautor Leigh Whannell mit ihrem radikal stilisierten, doppeldeutig betitelten Serienmörderstreifen den letzten großen Horrorfranchise in der Nachfolge der Slasherfilmserien der 1980er Jahre. Das Geheimnis dieses Filmes, der vom Sundance Festival bis hinein in die Multiplexe Zuschauer wie Kritiker nachhaltig zu beeindrucken vermochte, schien dabei vor allem in der Fülle seiner zunächst nur mäßig ausgereizten Potenziale zu liegen, denn als dichtes Horrorkammerspiel, das er wohl zunächst zu sein anstrebte, funktionierte er im Grunde eher wenig. Ob ausgetüftelter Masterplan oder kreativ umgedeutete Schwächen: Immer wieder ließ Regisseur Wan seine klaustrophobische Ausgangsposition und somit gleichzeitig auch seinen Spannungsbogen scheinbar nachlässig fallen, um redundante Rückblenden und einen überflüssigen kriminalistischen Nebenplot in Szene zu setzen. Dieses Abschweifen und Verzetteln freilich griffen die in jährlichem Turnus nachgeschobenen Sequels auf und überhöhten es zum originellen Strukturmodell für die in nur fünf Jahren bereits zur potenziell endlosen Reihe avancierten Saw-Filme, die nicht, wie die klassischen Horrorfranchises, immer und immer wieder die gleiche Erzählung auf leicht variierte Weise schrieben. Stattdessen umkreisen sie seit Jahren die exakt gleiche Erzählung, in immer neuen Schleifen, Exkursen und Perspektivverschiebungen.

SAW6

Endgültig augenfällig ist dieses Prinzip mit dem Tod des zentralen Protagonisten Jigsaw (Tobin Bell) am Ende des dritten Filmes geworden. Darren Lynn Bousman, Regisseur des zweiten bis vierten Films und somit recht eigentlich verantwortlich für die Überführung der Reihe vom effektiven, aber letztlich mittelmäßigen Serienkillerfilm zu einer der grundlegenden Ausformulierungen postmodernen Splatterkinos, riss von diesem Wendepunkt ausgehend alle chronologischen Hemmnisse ein und inszenierte Saw IV so mutig wie furios als hyperaffektiven Anmerkungsapparat zu seinen Vorläufern. Den Mythos vertiefen und verzweigen, nicht bloß die Geschichte um jeden Preis weitererzählen, so ist spätestens von diesem Moment an die Fortschreibung der Saw-Reihe zu lesen. Ein interessantes und avanciertes Konzept, nach dem Ausstieg Bousmans von den Regidebütanten David Hackl (Saw V) und nun Kevin Greutert konsequent fortgeschrieben, wenngleich mit äußerst unterschiedlichen Resultaten. Wo sich Hackl, der zuvor als Production Designer vor allem für die Konstruktion der auf grausige Art verspielten Todesfallen Jigsaws verantwortlich war, zu sehr auf die obligatorischen Plotwendungen konzentrierte und über diesen die mindestens ebenso bedeutsame Wuchtigkeit der formalen Umsetzung aus den Augen verlor, führt nun Greutert im sechsten Film die Reihe in die Balance zwischen Form und Inhalt und somit in die Erfolgsspur zurück.

SAW6

Zunächst knüpft Saw 6 direkt an seinen Vorgänger an: Detective Hoffman (Costas Mandylor), der bereits seit zwei Filmen im Verborgenen Jigsaws Werk fortführt, ist noch immer nicht enttarnt, doch in der Nachfolge des mörderischen Masterminds werfen Machtkämpfe ihren Schatten voraus: Die Witwe des Killers, Jill (Betsy Russell), erhält ein geheimnisvolles Paket, von John/Jigsaw selbst vor dem Ableben drei Filme früher gepackt. Ein weiteres Mal scheint dieser die Fäden des folgenden Geschehens fest in den Händen zu halten – doch geht es darum wirklich noch? Saw 6 beantwortet diese Frage mit einem entschiedenen: ja, aber. In der Filmerzählung stehen im Grunde zwei Diskurse nebeneinander. Der erste wirkt als Reflex auf die einigermaßen geradlinigen Survival-Plots, um die herum die besten der Saw-Filme so furios ausfransten. Der makabre Moralismus Jigsaws, aus den inzwischen fest etablierten Rückblenden heraus in die Gegenwart der Erzählung hinein verlängert, wird hier direkt auf den aktuellen Diskurs um Wirtschaftskrise und Immobilienblase übertragen. Der übliche „Test“, der sich als roter Faden durch die ansonsten weitgehend zersplitterte Filmhandlung zieht, wird diesmal an einem Versicherungsmanager vollzogen, der im Verlauf des blutigen Hindernisparcours gezwungen wird, das abstrakte, durch Bilanzen und Zahlenkolonnen gefilterte Töten seines täglichen Tuns in ein konkretes Morden durch die eigene Hand zu übersetzen. Auf der anderen Seite wird hingegen die ständig unter der Oberfläche der Saw-Filme schwelende Frage konkret ausgeformt, inwiefern die Figur des Jigsaw für einen schlichten Serienkiller oder doch eher für eine radikalisierte soziale Protestbewegung steht, die sich nach dem Ableben ihres zum Religionsstifter und Erlöser verklärten ideologischen Führers im Ringen um Macht und Deutungshoheit aufreibt und in ihren Idealen verrät. Ein moralistischer Terrorismus manifestiert sich in der Gestalt Jigsaws, der in all den Helfern, Epigonen und Erben der Filmreihe eher in eine fluide soziale Kraft transformiert wird.

SAW6

Diese blutig-überspitzte Form des Widerstandes gegen gesellschaftliche Missstände zählt, in all ihrer politisch bewusst unkorrekten Amoralität, zum legitimen Handwerkszeug des sozialkritischen Splatterkinos. Die tatsächliche intellektuelle Leistung von Saw 6 jedoch besteht darin, diesen Diskurs weiterzuführen und ihn darüber hinaus jenseits der Glorifizierung in seinem Umkippen in den bloßen, selbstzweckhaften Gewaltrausch zu porträtieren. Man muss sich hier nichts vormachen: Die Schauwerte dieses Filmes wie seiner fünf Vorgänger sind im Wesentlichen in der Faszinationskraft zerreißenden Fleisches, schmerzverzerrter Gesichter und durch Maschinen zermalmter Körper begründet, und wer nicht imstande oder willens ist, diese Faszination auf die individuelle Wahrnehmung zuzulassen, dem wird sich die Komplexität und Tragweite der unaufhaltsam expandierenden Saw-Kosmologie niemals erschließen. Über diesen Schauwert hinaus, welcher Jahr für Jahr aufs Neue den jeweils aktuellen state of the art cineastischer Gewaltdarstellung definiert, skizziert Saw 6 die ausgeübte Gewalt jedoch auch in ihrer letztlichen Verfehltheit: Immer wieder erweisen sich Jigsaws Schüler als unwürdig, dem dunkel-alttestamentarischen Moralkodex ihres Mentors gerecht zu werden, immer wieder lässt der Film die sozialrevolutionär kaschierten Gewaltphantasien seiner Killer in bloßes, sadistisches Morden aus Lust oder Rache kippen. Die Essenz seines Horrors liegt in den verzerrten, hasserfüllten Fratzen der im Überlebenskampf zu allem bereiten Opfertäter, und in solchen Momenten erreicht er eine wahrhaft verblüffende Luzidität, die ihm, wie eine Drohung über den USA und der Welt schwebend, die erschreckende, nihilistische Großartigkeit eines bedeutenden Splatterfilms verleiht.

Trailer zu „Saw 6“


Trailer ansehen (1)

Kommentare


Luise

Bin damit völlig einverstanden! Sie überraschen uns immer! Natürlich ist nicht den ganzen Film immer interessant, aber einige Kleinigkeiten sind echt gut!






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.