Savages

Alles ist Screen – und Oliver Stone will doch nur spielen.

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Eine zersplitterte Eröffnungssequenz zieht ohne Umschweife alle audiovisuellen Register: auf ein mit Kerkersound unterlegtes Schwarzbild folgen verwackelte, als Videocam-Aufnahmen kodierte Handkamera-Bilder, die immer wieder abbrechen und neu ansetzen. Sie wirken wie Probeaufnahmen für den nächsten Film der Hostel-Reihe, geben gefesselte Körper preis, einen Maskierten, eine aufheulende Motorsäge. Dann Schwarzweiß-Aufnahmen einer wunderschönen Blondine am Strand, in Zeitlupe, gefolgt von einer rückwärtslaufenden und wieder farbigen Zeitraffer-Sequenz.

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Oliver Stone bleibt, das zeigt auch sein neuester Film Savages gleich zu Beginn, im amerikanischen Großkino der Proll eklektischer Bildsprache. Wie kein anderer klebt er Bilder verschiedenster Form und Ästhetik aneinander, eine Konzeptualisierung oder narrative Einbettung bleibt zumeist sekundär. Bilder sind alles, die Erzählung brüchig. Das bestätigt auch das den Film vor allem zu Beginn beherrschende Voice-over von Protagonistin Ophelia (Blake Lively), kurz O genannt, die gleich zu Anfang klarstellt: „Nur weil ich euch diese Geschichte erzähle, heißt das nicht, dass ich am Ende nicht tot bin.“ Die Geschichte, die könnte auch eine andere sein, von jemand anderem erzählt.

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Und dann die Überraschung: Savages wartet mit einem klassischen, geradlinig entwickelten Drogen-Thriller-Plot auf. Erzählt wird die Geschichte zweier kalifornischer Sunnyboys mit gänzlich unterschiedlicher Persönlichkeit: Chon (Taylor Kitsch) ist Ex-Soldat, ein harter Hund, der keine Kompromisse macht, Ben (Aaron Johnson) ein intelligenter und harmoniesuchender Weltverbesserer. Die besten Freunde teilen sich nicht nur die schöne O in einer funktionierenden Dreiecksbeziehung, sondern führen auch Kaliforniens erfolgreichstes Marihuana-Imperium – sie haben das beste Gras, sind gut vernetzt und sorgen für entspannte Geschäftsbeziehungen. Es könnte perfekter kaum sein, wäre da nicht das mexikanische Baja-Drogenkartell, das Druck macht und sich den Betrieb der beiden inkorporieren will. Als Ben und Chon nicht auf einen Deal eingehen, wird es ernst: Die brutalen Gangster unter Führung des sadistischen Oberhandlangers Lado (Benicio del Toro) entführen O und benutzen sie als Druckmittel.

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Auch auf Bildebene verliert sich Savages nicht in einem visuellen Overkill, wie ihn der Beginn des Films vielleicht erwarten lässt. Es geht längst nicht so psychedelisch und (zumindest ästhetisch) radikal wie in Natural Born Killers (1994) zu, und doch tritt eine Parallele ganz deutlich zutage: Stones Faible für gerahmte Oberflächen scheint ungehemmt, der ausgestellte Screen im Screen ist sein Ding. Dabei wird zumeist so unsubtil wie möglich verfahren: Während in Natural Born Killers noch ständig irgendwo der Fernseher lief oder wahllos auf Wände projiziert wurde, dominieren nun zeitgenössische Bilder digitaler Kommunikation. Kaum eine Szene kommt ohne Monitore aus, im Zentrum steht dabei die andauernde Video-Telefonie der Drogengangster; Überwachungskamera-Bilder und die zu Anfang eingeführten Snuff-Clips reihen sich ein. Lado, der sich alsbald von Mafia-Obermutter Elena (Salma Hayek) abnabelt und eigene Pläne verfolgt, knipst ständig Fotos mit seinem Handy – warum, wird nie ganz klar. Es geht eben.

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Das alles hat nichts mit intelligenter Medienreflexivität zu tun – die unterschiedlichen Bildtypen sind immer maximal sichtbar kodiert, eine narrative Einbindung oder sonst ein Angebot zur tiefergehenden Auseinandersetzung fehlt quasi gänzlich. Stone zeigt (bearbeitete) Oberflächen in Reihe, nicht mehr und nicht weniger. Dass dabei auch jeder Unterschied zur analogen Hochkultur auf der Strecke bleibt, zeigt besonders schön eine Szene, in der schlecht aufgelösten Bildern einer Überwachungskamera plötzlich die Einstellung auf ein Gemälde der sterbenden Ophelia aus Shakespeares Hamlet nebenan gestellt wird. Weiter ausgeführt wird das nicht, und auch als intellektueller Verweis hängt diese Montage ziemlich in der Luft. Die Konsequenz und der unzweifelhaft spürbare Genuss, mit dem Stone solcherlei assoziative, aber entleerte visuelle Gesten in seine Filme presst, sind fast schon wieder Konzept. Man mag ihn für einen Ästheten auf Höhe der Zeit halten oder aber auch einen heuchlerischen Pseudo-Magier mit konservativem Einschlag schimpfen – in seinen Filmen spielt er zumeist das eine gegen das andere aus. Alles wird verwurstet, und irgendwann wird der spielerische Modus verpuffender Effekte doch zum kritischen Augenzwinkern. Und wenn dann die eigentlich längst zerrissene Signifikantenkette der Postmoderne den Zuschauer doch immer wieder auspeitscht, dann ist das vielleicht filmischer Masochismus: Es tut weh, macht aber trotzdem ungemein Spaß.

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Kommentare


Ulle

Richtig: "Alles wird verwurstet". und mittlerweile ist Stone wirklich der Mega-"Pseudo-Magier"

Der Film hat mich leider sehr genervt. Für mich ist das ein schlecht zusammengekupfertes Soderbergh-Tarantino -Vaughn Konglomerat , sozusagen Traffic für geistig Arme, die ohne Off Stimme noch nicht einmal dem trivialen Treiben auf der Leinwand folgen können. Dann noch eine Prise Humor und lässige Off Kommentare a' la "Layer Cake" und fertig ist eine wirklich mittelmäßige Suppe, die einzig und allein durch die extrem abstoßende Darstellung von Del Toro ( ho, ho, aufgepasst; welch bipolare Besetzung dieser Rolle im Vergleich zum "guten" Del Toro in Traffic) und dem wirklich top-professionell frischgesichtsoperierten Travolta zusammengehalten wird (Salma Hayek sieht hier übrigens aus wie die Ex von Kutcher, lustig) . Die anderen 3 Knallchargen , die angeblich Hauptrollen spielen, sind hingegen Totalausfälle. Die Goldene Zitrone jedoch hat die blonde Dame verdient, die Blake Lively heißt. Ein billiger und wesentlich unattraktiverer wirkender Abklatsch von Sienna Miller. Sorry, ich hör schon auf zu ätzen. Über solche Filme von "Großregisseuren" rege ich ich mich einfach auf.


Bertold Brech

Nach den ersten zehn Minuten abgebrochen.
Oliver Stone auf einem Level mit den cineastischen Analphabeten Uwe Boll, Michael Bay und Tom Tykwer.






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