Sarahs Schlüssel

In Sarahs Schlüssel erzählt Gilles Paquet-Brenner vom Schicksal zweier jüdischer Kinder im Paris der frühen 1940er Jahre und schafft es fast, die Gefühlsduselei abzuschütteln.

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Was den französischen Regisseur Gilles Paquet-Brenner fasziniert, das sind die kleinen Geheimnisse des Alltags, die sich ganz in der Nähe von uns abspielen, von denen wir aber, wenn überhaupt, nur durch Zufall erfahren. In Les jolies choses (2001) ist es die junge Pauline, die nach dem Selbstmord ihrer Zwillingsschwester deren Doppelleben auf die Spur kommt. In Eingemauert (Walled In, 2009) ist es die unauffällige Architektin Samantha, die bei den Vorbereitungen zu einer Sprengung auf die verborgenen Schattenseiten eines abgelegenen Hauses stößt. Und auch in Sarahs Schlüssel (Elle s’appelait Sarah) geht es um eine französische Journalistin, Julia Jarmond (Kristin Scott Thomas), die bei Recherchen zur Deportation der Pariser Juden im Sommer 1942 zufällig mit dem Schicksal einer Familie konfrontiert wird, die ausgerechnet in dem Haus gewohnt hat, in das Julia mit ihrem Mann Bertrand (Frédéric Pierrot) bald einziehen will.

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Verborgene Welten aufzudecken, die manchmal direkt hinter den Mauern zur Nachbarwohnung liegen, mag ein vielversprechendes Filmsujet sein. Aber es ist auch ein Ansatz, der sich bei Wiederholung schnell abnutzt; vor allem, wenn die Welten hinter der Mauer nicht unbedingt aufregender sind als die davor (Les jolies choses) oder wenn der Autor versucht, ihren Sensationswert mit einem betulichen Erzählstil und überzogener Begleitmusik zu erhöhen. Sie verlieren ihre intime Nähe zum Alltag, wenn sie sich als billige Mystery-Fantasie entpuppen (Eingemauert). Und wenn der Regisseur ansonsten vor allem durch zwei sehr pubertäre Gangsterfilme auf sich aufmerksam gemacht hat (Payoff – Die Abrechnung (Gomez & Tavarès, 2003); Bad Cops – Zwei Bullen sehen rot (Gomez vs. Tavarès, 2007)), dann kann man sich schon fragen, ob gerade er der Richtige ist, wenn es darum geht, hinter den Pforten zum Verborgenen nun die Geschichte zweier Opfer des Nationalsozialismus aufzuspüren.

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So nähert man sich dem Film mit Skepsis und wird überrascht: von einem Autor, der plötzlich klar und nüchtern erzählen kann. Von einem Plot, der das Potenzial vom Ansatz Brenners erstmals voll ausschöpft, da seine Protagonistin hier zum ersten Mal tatsächlich eine Welt entdeckt, die nur ein paar Meter neben ihr beginnt und sich doch fundamental von ihrer recht profanen eigenen unterscheidet. Und ganz allgemein: von einem starken, ernsten Film, den man Gilles Paquet-Brenner so kaum zugetraut hätte.

Sarahs Schlüssel wechselt von Anfang zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit. Während der Alltag der Journalistin Julia genauso harmlos wie verständlich inszeniert wird, bleibt lange unklar, was die jüdische Familie mit ihr zu tun hat, deren Geschichte in langen Rückblenden erzählt wird. Es beginnt damit, dass eines Nachts im Juli 1942 plötzlich die Deutschen vor der Tür stehen: Alle sollen mitkommen, eingepackt werden darf nur das Nötigste, und obwohl nicht einmal die Eltern ahnen, was das alles zu bedeuten hat, spürt die zehnjährige Sarah (Mélusine Mayance) die Gefahr, versteckt ihren kleinen Bruder in einem geheimen Wandschrank, und den Schlüssel zur Sicherheit gleich mit. So lange wird es ja schon nicht dauern können.

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Als die kleine Familie allerdings mit tausenden anderen Juden im Vélodrome d’Hiver zusammengepfercht wird, ohne Essen, Trinken und Toiletten, und sich die ersten schon aus lauter Verzweiflung von der Empore stürzen, da wird klar, dass es keinen schnellen Weg zurück gibt und dass der Bruder in Lebensgefahr schwebt. Alle Versuche, andere Gefangene, gar einen französischen Polizisten zu überreden, in die Wohnung zu gehen und ihn zu befreien, scheitern zunächst. Stattdessen beginnen die Deportationen, und die Mitglieder der Familie werden in verschiedenen Lagern außerhalb von Paris untergebracht. Der Film erzählt das ohne Pathos. Schritt für Schritt, im Reißverschlussverfahren, führt er die Erzählstränge zusammen, bis sich irgendwann erschließt, dass die Spuren der kleinen, schlauen und energischen Sarah, die versucht, so schnell wie möglich zu ihrem Bruder zurückzufinden, bis in die Familie der Journalistin Julia führen.

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Das größte Problem an Sarahs Schlüssel ist ein dramaturgisches: Schon nach zwei Dritteln der Spielzeit ist geklärt, was mit Sarah und ihrem Bruder bis Kriegsende passiert ist. Im letzten Filmdrittel handelt der Film fast nur noch von Julia, die sich nun, ohne dass sich am Kern der Erzählung noch etwas ändert, mit einem schwer nachvollziehbaren Eifer in die Erforschung der letzten Details von Sarahs Familiengeschichte gräbt. So stürzt der Spannungsbogen jäh ab, und der Regisseur fällt in seine gewohnte Gefühlsduselei zurück. Das ist schade bei einem Film, der in seiner eindringlichen Darstellung der Historie auf schwülstige Heldenporträts genauso verzichtet hat wie auf eine eindimensionale Dämonisierung der Täter. Aber bei dem Sprung, den Brenners Erzählkunst seit seinem letzten Film gemacht hat, kann man vielleicht auch diesen überdehnten Schluss noch einmal verkraften.

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