Sanctum

Wasser zu filmen ist einer der sichersten Wege, beeindruckende Bilder zu finden. Der visuelle Zauber wirkt auch hier – nur der Plot stört beim Staunen.

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Zumindest im Film scheint der Mensch gerne in die Höhle zurückzukehren. Nach Genre-Produktionen wie The Cave (2005) und The Descent – Abgrund des Grauens (The Descent, 2005) oder auch Werner Herzogs 3D-Doku Cave of Forgotten Dreams (2010) ist es nun Sanctum, der – ebenfalls in 3D – sich in unterirdische Felsenhohlräume begibt. Hier warten jedoch weder Monster noch Malereien, sondern große Massen Wasser, in die ein Forscherteam abtaucht, um die Höhle zu kartografieren. Das Tauchen ist ein Faible des Blockbuster-Regisseurs James Cameron, dem er sich bereits in The Abyss (1989) gewidmet hatte. Sein zugkräftiger Name prangt auf allen Postern zu Sanctum, obwohl er lediglich als Ausführender Produzent an dem Film beteiligt war.

Sanctum nimmt sich anfangs viel Zeit, die Figurenkonstellationen und vor allem den beeindruckenden Ort – eine riesige unerforschte Höhle, die Ureinwohnern als Heiligtum gilt – zu etablieren. Wenn aber in einem Dialog darauf hingewiesen wird, dass eine der Taucherinnen seit 17 Tagen kein Tageslicht gesehen hat und das gesamte Team unter schwerem psychischem Stress steht, wird klar, dass es hier nicht allein um die Schönheit der Natur gehen wird. „Was kann beim Höhlentauchen schon groß passieren?“, fragt eine Figur und leitet damit erste dramaturgische Steigerungen ein.

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Bei einem Tauchgang geschieht ein tödlicher Unfall, der die zwischenmenschlichen Spannungen sichtbar werden lässt. Die zuvor betont harten und coole Sprüche klopfenden Männer machen einander Vorwürfe – die Expedition muss abgebrochen werden. Doch beim Aufstieg aus der Höhle wird das Team um den rauen Frank (Richard Roxburgh) und den naiven Mäzen Carl (Ioan Gruffudd) von einem Unwetter überrascht und in der Höhle eingeschlossen. Der Kampf ums Überleben hat begonnen.

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Sanctum setzt diesen Kampf des Menschen, der die Natur zu erobern und zu bezwingen versucht, visuell brillant um. Die Räumlichkeit der 3D-Technik kommt am stärksten während der Reisevorbereitungen in der majestätischen Hügellandschaft mit ihren riesigen grünen Wäldern zum Tragen. Der Wandel der sonst so sanften, ruhigen Kraft des Wassers zur zerstörerischen, indifferenten Naturgewalt beginnt mit einer Untersicht, in der Millionen von Regentropfen in die Höhle prasseln. Und wenn sich die Entdecker tauchend zu retten versuchen, setzt Regisseur Alister Grierson den stets zuverlässigen ästhetischen Zauber des Wassers ein und lässt das nasse Blau von Lichtkegeln durchleuchten. Unter Wasser schweben tote Taucher wie von der Schwerkraft befreit durch die Fluten – die lebenden sitzen in futuristischen Dekompressions-Kabinen, um beim Aufstieg die Taucherkrankheit zu vermeiden. Am beeindruckendsten aber ist eine dramatische Kampfszene, bei der zwei Taucher in den enormen Tiefen nahezu lautlos um die einzige funktionierende Atemmaske ringen und die kleinen Sauerstoffbläschen aus dem Mund des Unterlegenen langsam versiegen. Hier verstärkt das räumliche Sehen die Klaustrophobie des Todeskampfes unter Wasser.

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Der Plot weist hingegen deutliche Schwächen auf. Schon dass das Sterben weißer Figuren deutlich emotionaler inszeniert wird als der Unfalltod eines indigenen Assistenten (Cramer Cain), erscheint fragwürdig. Das Hauptproblem des Films aber ist, dass Drehbuch und Schauspiel äußerst großzügig mit dramaturgischen und affektiven Zuspitzungen verfahren. Setzt Sanctum zum Spannungsaufbau lange Zeit auf vergleichsweise reduzierte Situationen – statt übernatürlicher Wesen mit Ekel-Effekt ist es hier die menschliche Urangst vor der Dunkelheit, die Protagonisten und Zuschauern Gänsehaut verursacht –, so macht der Film seine Wirkung mit zunehmender Dauer doch stark von Actionszenen und massivem Musikeinsatz abhängig.

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Eine besonders dicke Schicht Pathos legt sich dabei auf die Klärung des Vater-Sohn-Konfliktes zwischen Expeditionsleiter Frank und dem jugendlichen Josh (Rhys Wakefield), der sich durch seine Sensibilität zunächst bewusst vom dominanten Vater absetzt, ihn während der Höhlentour jedoch verstehen und lieben lernt, sodass es letztlich zur emphatischen Versöhnung kommt. Hier wird mit Zeitlupen, plumper Symbolik und Plattitüden („Du darfst nie aufgeben!“) gearbeitet. Und wenn allzu explizit erklärt wird, dass der einzelgängerische Vater seine Höhlentouren als Flucht vor dem sozialen Leben nutzt, zu dem er unfähig ist, kommt noch ein wenig Küchenpsychologie dazu. Wie im Road Movie wird die Reise für den Sohn zur Reifeprüfung, er muss zu sich selbst finden und eigenständig werden, indem er sich mit seinem Vater auseinandersetzt, von ihm lernt und letztlich heroisch über ihn hinaus wächst. Angesichts von Szenen, in denen sich Vater und Sohn – dem Tod näher als dem Leben – beim Klettern in bedrohlichen Felsenspalten über Lyrik unterhalten, kann man nur hoffen, dass die Figuren in Camerons nächstem Taucher-Film, The Dive (geplant für 2012), differenzierter gezeichnet werden oder einfach dort bleiben, wo Sanctum am stärksten ist: in der Stille unter Wasser.

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