Heute bin ich Samba

Heute aus der großen Gegensatztruhe von Eric Toledano und Oliver Nakache: Neurotische Ex-Managerin trifft auf sympathischen refugee next door.

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In der Rückschau ist die Ouvertüre fast furios zu nennen. Die Röcke schwingen zu Electroswing, im Zentrum thront ein vierstöckiger Hochzeitskuchen, zuckersüß wie das Dekor, an der Kreuzung von Retroästhetik und Kindergeburtstag; bald regnet es auch Glitzerkonfetti. Das Hochzeitspaar fügt sich mühelos in den herrschenden Superlativ, mit eisernem Strahlen schneidet es den Kuchen an, die Gesellschaft jubelt. Dann wird der Kuchen von vier Bediensteten in die Küche gerollt, um das Dessert anzurichten. Die Szene ist in einer einzigen Einstellung gedreht, geschmeidig eilt die Kamera dem Rolltisch voraus und führt vom Überfluss schnurstracks in seine Fabrik: Dort, wo die Neonröhren das Tageslicht ersetzt haben, spült Samba (Omar Sy) das Geschirr. Als wir ihn zum ersten Mal sehen, wischt er mit baren Händen die Reste von dreckigen Tellern in den Müll und setzt damit der Völlerei noch einen drauf.

Burn-out gegen sans-papiers

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Man mag sich an ihrer Eindeutigkeit stören, es bleibt eine interessante Aufnahme. Mit diesen wenigen Metern – der Catgroove verstummt auf halber Strecke – bebildert sie explizit eine räumliche Nähe, die ebenso Bestand hat wie die räumliche Segregation und die dem Film den Punkt liefert, an dem er zwei Geschicke miteinander verflechten können wird. Zwei Geschicke, die, so will es uns Heute bin ich Samba (Samba) weismachen, wohlwissend um die erquickliche Wirkung des clash of differences in Liebeskomödien, unterschiedlicher nicht sein könnten und deren Zusammenführung – dies sei der einzige Vergleich – das erfolgsgekrönte Schema von Ziemlich beste Freunde (Intouchables, 2011) reproduziert: Neurotischer Krüppel trifft auf armen Schlucker. Du heilst mich, ich heile dich. Er hält sich seit zehn Jahren ohne Aufenthaltserlaubnis in Frankreich auf und behauptet mühsam seine Existenz als Tagelöhner; sie (Charlotte Gainsbourg) ist seit einem Burn-out berufsunfähig und lebt wie in der Schwebe, leise, abwesend. Ihre Therapie sieht vor, dass sie Pferde streichelt und Bedürftigen hilft, und so lernen sich Samba und Alice in einer Hilfsorganisation für Migranten kennen. Während der Film bemüht zwei Welten konstruiert, um sie in der absehbaren Romanze zwischen Samba und Alice harmonisch verschmelzen zu lassen (und man kann die letzte Szene nur als absolute Verschmelzung lesen, als den Integrationsoverkill sozusagen), suggeriert er eine Gleichsetzung ihres Leids, Burn-out gegen sans-papiers; eine Gleichsetzung, die manchmal bestürzend ernst gemeint scheint, andernorts ab absurdum geführt wird und den Zuschauer ratlos lässt: Was nun?

Eine ihrer selbst entfremdete Figur

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Ratlosigkeit ist ein Gefühl, das Heute bin ich Samba mit einiger Konstanz zu vermitteln weiß und vermutlich darin begründet liegt, dass es ein halbherziger Film ist, der es jedem recht macht und damit niemandem. Am wenigsten denjenigen, die – zu Recht – eine unsägliche Abfolge von bequemen Entscheidungen anprangern werden. Heute bin ich Samba gibt sich weder dokumentarisch noch militant und umschifft größtenteils die Misere, die echte Sambas ihren Alltag nennen dürften. Der fiktive ist jovial und trägt auf dem französischen Filmplakat ein Béret. Eric Toledanos und Oliver Nakaches Rechnung ist einfach: Sambas (angedeutetes) Schicksal liefert die Betroffenheit, sein Witz relativiert sie. Aber beides will nicht eins werden in dieser seltsamen Figur, die ihrer selbst entfremdet scheint. Ebenso wenig wird das seltsame Paar eins, zu dem der Film Samba und Alice auf Biegen und Brechen postuliert. Das Versprechen, das der Film eingangs macht, wird nicht eingelöst: Anders als die wunderbar gleitende Kamera, die filmisch eins macht, was sonst säuberlich getrennt ist, verharrt Heute bin ich Samba in grobem Aneinanderklatschen.

Die appetitliche Misere

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Man sollte darüber streiten, ob es der Unterhaltung vergönnt sei, Kapital zu schlagen aus einer Misere, die sie so appetitlich arrangiert, so treffsicher, dass die Heiterkeit über das Tränchen siegt. Ein solches Arrangement hätte der interessanten Überzeugung entspringen können, dass die Darstellung der Entwürdigung – sei sie nun kommentiert oder nicht – die Entwürdigung reproduziert. Hier ist es aber ohne Zweifel dem Umstand geschuldet, dass Heute bin ich Samba eben ganz wie Samba sein soll: lieb und fröhlich. Samba klagt nicht an, und der Kinosessel mutiert nicht zur Anklagebank. Es drängt sich eine interessante Parallele auf zwischen dem Ton des Films und Alice’ Haltung: Sie findet nicht zu den Leidtragenden, um sich ihrer anzunehmen, sondern weil es ihr guttut. Und wenn Heute bin ich Samba eine Ambition hat, dann ist es genau die: gutzutun. Nun trachtet zweifellos der Großteil der Menschheit danach, sich wohlzufühlen, und dementsprechend sollte diese Ambition nicht allzu schnell als einfach abgetan werden. Wohl aber kann man den Film daran messen, dass man sich kein bisschen wohl gefühlt hat darin.

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