Salvador - Kampf um die Freiheit

Daniel Brühl porträtiert in diesem Märtyrergesang eines der beiden letzten Opfer der Franco-Diktatur: den Anarchisten Salvador Puig Antich.

Salvador

 Die Garotte ist vermutlich eines der grausamsten Hinrichtungswerkzeuge der vermeintlich zivilisierten Neuzeit. Am Morgen des 2. März 1974 wurde sie in Spanien ein letztes Mal eingesetzt. Der deutsche Herumtreiber Georg Michael Welzel und der spanische Anarchist Salvador Puig Antich, beide wegen Polizistenmordes verurteilt, wurden grauenvoll exekutiert. Wenzels Tod kam einem halbstündigen Leiden gleich. Auch Puig Antichs Tod hat sich erst spät eingestellt. So zumindest stellt es Manuel Hergas Film dar. Dem man allerdings nicht immer trauen möchte.

Den in Spanien geborenen Schauspieler Daniel Brühl für diese Rolle zu besetzen war eine Strategie des Regisseurs, die ihr Ziel nicht verfehlte. Nicht nur durch die schicksalhafte Verbindung zu Wenzel hat der Stoff etwas „Deutsches“. Auch die Aktionen der Protestgruppe Puig Antichs lassen zum Teil an die RAF erinnern. Womit der Film Salvador zu einem Dokument über ein Zeitphänomen wird, das nicht nur spanischer, sondern europäischer, ja internationaler Natur ist. Diese globalen Verstrickungen betont der Film an unzähligen Stellen, etwa wenn die Ermordung Salvador Allendes in den Mittelpunkt gerückt wird. Darüber hinaus möchte der Film aber noch überzeitlich sein. In der Titelsequenz ist Ché Guevara zu erkennen und im Abspann Bilder jüngerer Terroranschläge wie in Madrid. Außerdem Aufnahmen aus Guantanamo Bay. Doch welche Behauptung stellt der Film damit auf?

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 Revolution, Terrorismus und Märtyrertum werden hier als eine historische Konstante gelesen. In Hergas Interpretation des Anarchisten Antich kommt ihm die Rolle des Revolutionärs und Märtyrers zu, dem Staat die Rolle des Märtyrersystems. Es scheint, als sei der bewaffnete Kampf gegen die Franco-Diktatur ein berechtigter gewesen. Und – auch das eine zentrale Aussage des Films – im Nachhinein erfolgreich. Was Daniel Brühls Charakter eher in die Nähe eines Stauffenberg denn eines Baader rückt.

Dabei liegt das Scheitern dieses Filmes, der in zwei Teile zerbricht, am wenigsten an der Figurenzeichnung.

Die erste Hälfte ist als eine mit Off-Kommentar des Protagonisten versehene Rückblende angelegt und zeichnet die stereotypen Stationen des Terroristen nach: Politisierung des studentischen Alltags, die Einsicht, ohne Taten vermeintlich nichts erreichen zu können, die Entscheidung zum bewaffneten Kampf, Geldbeschaffungsüberfälle, das Abtauchen in den Untergrund. Was bei all dem revolutionären Gehabe beinahe untergeht, ist das politische Ziel, eingangs einmal kurz erwähnt: „Eine Gesellschaft ohne Klassen.“

Immerhin handelte es sich bei Puig Antich um einen Anarchisten. Doch für Ausdifferenzierungen innerhalb des linken Extremismus ist Manuel Hergas offensichtlich nicht zu gewinnen, obwohl der Film mit seinen Texteinblendungen zu Beginn und am Ende offensichtlich bemüht ist, im Gewand der Gesichtsstunde zu erscheinen.

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Während die schleichende Radikalisierung der Titelfigur im Sound von Leonard Cohen, Iron Butterfly, Bob Dylan und Jethro Tull in kräftigen, satten Farben als Zeitkolorit präsentiert wird, nimmt der Film im zweiten Teil einen Graublaustich an, der unmissverständlich für das Gefängnisinnere, ab einem gewissen Zeitpunkt gleichbedeutend mit dem Todestrakt, steht.

Nach seiner Gefangennahme hört Salvador noch: „Die verurteilen Dich nicht zum Tode – da müsste schon was Besonderes passieren.“ Um allen Zuschauern eben dies zu verdeutlichen, geschieht es entsprechend in der nächsten Szene des Films. Der ETA-Mord an Carero Blanco bedeutet das Todesurteil für Salvador, was dieser, dem drögen Drehbuch getreu, auch gleich selbst noch einmal aussprechen muss.

Das Warten auf den Tod, die hoffnungslosen juristischen Interventionen, die letzten Stunden – all dies ist sogar in einer recht beklemmenden Intensität, Deutlichkeit und irgendwann fast peniblen Detailgenauigkeit inszeniert. Selbst das von Distanz, beinahe Hass, bis hin zur Freundschaft gewandelte Verhältnis zwischen dem Todeskandidaten und einem Wärter, bis dato als reines Klischeebild in Szene gesetzt, entwickelt in diesen Minuten des Films eine gewisse Dramatik.

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 Würde Salvador bei diesem sinnlosen Tod des Anarchisten an der Garotte verharren, man verließe das Kino vermutlich nicht ganz ohne einen nachhaltigen Eindruck. Herga beraubt sich jedoch selbst der Wirkung seiner Bilder, indem er mit der Beerdigung und dem Schlaghammer-Satz „Salvador hat am Ende doch noch erreicht, was er wollte - das politische Bewusstsein ist gewachsen.“ das persönliche Drama in einen wütenden und gleichsam tränenseligen Märtyrergesang übergehen lässt.

Wie unpassend für einen Anarchisten!

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