Salt
Reaktivierung eines alten Feindbildes: Als weibliches Pendant zu Bond und Bourne kämpft sich Evelyn Salt durch den wiederaufkeimenden Konflikt des Kalten Krieges.
Der Agent von heute befindet sich in der Sinnkrise. Der Konflikt hat sich in die eigenen Reihen verlagert und desillusionierte Eigenbrötler (Der Staatsfeind Nr.1, Enemy of the State, 1998) sowie vor der Vergangenheit flüchtende Elitekämpfer (Die Bourne Identität, The Bourne Identity, 2002) mit sich gebracht. Egal ob gigantischer Überwachungsapparat oder staatliche Trainings- und Foltermethoden: die Nähe zur Wirklichkeit ist zentraler Bestandteil der Dramaturgie. „Authentizität“ ist Trumpf im Spionagethriller der letzten beiden Dekaden. Auch vor dem wohl bekanntesten Geheimagenten der Filmgeschichte hat diese Entwicklung nicht Halt gemacht. James Bond kämpft nicht mehr gegen die Bösewichte alter Zeiten, sondern muss gegen das große Unbekannte bestehen und wird vom stilsicheren Gentleman zum verbitterten Zyniker. Der neue 007 scheint sich nicht mehr um Manieren zu scheren und schreckt vor keinem Mittel zurück, um seine Kontrahenten aus dem Weg zu räumen. Ein weltweit operierendes, undurchdringliches Netzwerk ist der neue Feind, bei dem selbst der früher so souveräne Held im Kampf um die nationale Sicherheit nur noch die Spitze des Eisberges zu sehen bekommt. Bond agiert dabei so brutal und verächtlich wie seine Umgebung. Die Agenten sind innerlich gebrochen, scheinen zu kapitulieren vor der düsteren, undurchschaubaren Welt. Der Feind ist nicht länger eine Nation, sondern unter uns und nicht mehr fassbar.
Von einer reflexiven Auseinandersetzung mit dem eigenen Staatsapparat oder der undurchsichtigen, globalisierten Gegenwart will Genrespezialist Philip Noyce in Salt kaum etwas wissen. Evelyn Salt (Angelina Jolie) ist eine langjährige CIA-Agentin und gilt als eine der fähigsten Mitarbeiterinnen. Als sie plötzlich von einem Überläufer des russischen Geheimdienstes beschuldigt wird, als Schläferin in die CIA eingeschleust worden zu sein, beginnt die Jagd nach der Wahrheit. Ist die Agentin eine zum Morden abgerichtete Zeitbombe oder nur zur falschen Zeit am falschen Ort? Salt konstruiert die Bedrohung aus einem altbekannten Feindbild heraus. Die Russen sind es, die den amerikanischen Staat nach dem Kalten Krieg infiltriert haben und nun zum großen Schlag ausholen. Sie sind unter uns, und jeder könnte ein russischer Spion sein. Aus dieser Konstellation gewinnt der Film seine Dramatik und gibt dem Genre damit einen Gegner alter Tage zurück.
In Zeiten von Wirtschaftskrise, Globalisierung und aufsteigenden Mächten wie China und Indien mutet der heraufbeschworene Konflikt aber fast nostalgisch an. Wer in letzter Zeit den Fall der inzwischen weltbekannten Anna Chapman verfolgt hat, die in den USA als russische Spionin enttarnt wurde, wundert sich ob der scheinbaren Aktualität. Doch genau diese Wirklichkeitsbezüge sind es, die den sonst mitreißenden Agententhriller Salt problematisch werden lassen. So versucht Noyce, die alten Bösewichte wieder aufleben zu lassen, und schielt gleichzeitig auf den Thrill, den ihm die Wirklichkeitsnähe bietet. Das zeigt sich besonders bei der Flucht der angeblichen Spionin. Die Titelheldin blutet, humpelt und leidet unter der Verfolgung und wirkt dabei ähnlich verloren wie ein Jason Bourne. Evelyn Salt ist keine übermächtige Agentin, wie es einst James Bond war, sondern verwundbar und getrieben.
Von Beginn an wird deutlich, dass Salt um „authentische“ Darstellung der Jagd bemüht ist. Und das heißt hier vor allem: schmutzig und brutal. Bereits in der Eingangsszene wird das klar. Agentin Salt befindet sich in einem nordkoreanischen Gefängnis und wird von den Wachen gefoltert. Verstörend wirken die drastischen Bilder dieses Verhörs, die Kamera fokussiert den blutüberströmten, malträtierten Körper der Agentin und blendet auch nicht weg, als sie von den Wachen gezwungen wird, Benzin zu trinken. Durch die Nähe zu seiner Protagonistin und die explizite Gewaltdarstellung wirken die Bilder sehr körperlich. Handwerklich kann Noyce dabei kein Vorwurf gemacht werden. Salt ist durchweg spannend und muss sich auch in den dosiert eingesetzten Actionszenen nicht verstecken. Noyce, der mit Stunde der Patrioten (Patriot Games, 1992) und Das Kartell (Clear and Present Danger, 1994) einschlägige Erfolge des Genres zu verantworten hat, gibt sich auch hier keine Blöße. Die Spannung des Films beruht bei aller handwerklichen Souveränität aber zu großen Teilen an der Nähe zu gegenwärtigen Konflikten. Die Folterung in Nordkorea etwa wirkt gerade deswegen so schockierend, weil sie unweigerlich Assoziationen zur Realität erzeugt.
Umso irritierender ist, dass der Film die Linie nicht beibehält. Plötzlich wird Evelyn Salt zur allmächtigen Kampfmaschine, die alles niedermäht, was sich ihr in den Weg stellt. Nach einigen Plot-Twists liegt der Untergang der USA nur noch einen Knopfdruck entfernt. Statt sich aber auf den Konflikt der einstigen Supermächte zu konzentrieren, holt Salt noch einmal richtig aus und hebt die gesamte Weltordnung aus den Angeln. So geriert der Film plötzlich zu einem Drahtseilakt zwischen dem sichtlichen Spaß an einer fiktiven Überhöhung am Rande der Unglaubwürdigkeit und ständigen aktuellen politischen Bezügen – nicht zuletzt zum Konflikt der USA mit der muslimischen Welt. Dabei wird zusehends unklar, in welche Richtung Salt eigentlich strebt.
Filmkritik von Marian Petraitis
Veröffentlicht am 12.08.2010
Kommentare zu Salt
andrea 23.08.2010 19:05
super film
Shirabelle 06.09.2010 01:30
Angelina Jolie gefällt mir ausgesprochen gut als Agentin Salt.
Wer brauch bitte James Bond oder Jason Bourne wenn man Evelyn Salt haben kann?
Dieser rasante Action Knaller hat mich voll überzeugt.
Ich jedenfalls freue mich auf den (wahrscheinlich) 2. Teil des Films.
Mehr dazu auf meinem Blog:
http://sonntagsidee.blogspot.com/2010/09/salt-ist-ganz-schon-feurig.html
Blackdragon1981 07.11.2010 14:29
Ich muss auch sagen das wahr ein Super Film wie aus einer typischen Tom Clancy Reihe. Und wenn man ein Auge für Details hat dann macht der Film echt super viel Sinn. Zum Beispiel den meisten ist es nie aufgefallen aber sie TÖTET keine Unschuldigen, Polizisten, oder US Militär sie verletzt alle höchstens und macht sie taktisch kampfunfähig. Und mal ernsthaft wenn sie eine Kampfmaschine wäre würde sie alle töten Sie tötet nur die Schläfer und um ganz tief in dieses Netzwerkeinzudringen simuliert sie den Tod des russichen Präsidenten und ganz ehrlich ich habe von sovielen Leute gehört der Film ist verwirrent und macht kein Sinn aber wer sich ein wenig mit Taktik auskennt wird diesen Film lieben so wie ich. In meinem Augen einer der besten Filme seit langem und übertrifft echt einige gute Agenten Filme LEUTE schaut ihn euch an und achtet auf Details das ist kein Film für nebenher da muss man echt gut achtgeben RESPEKT an die Filmemacher
Gerry 09.03.2011 14:56
Naja, ich finde man muss diesen Film nicht unbedingt gesehen haben aber das ist natürlich Geschmacksache.
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Blog: Berlinale im Dialog

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Film-Angaben
Titel: Salt
USA 2010
Laufzeit: 100 Minuten
Regie: Phillip Noyce
Drehbuch: Kurt Wimmer
Produktion: Lorenzo Di Bonaventura, Sunil Perkash
Bildgestaltung: Robert Elswit
Montage: Stuard Baird, John Gilroy, Steven Kemper
Musik: James Newton Howard
Darsteller: Angelina Jolie, Liev Schreiber, Chiwetel Ejiofor, Daniel Olbrychski, August Diehl
Kinostart: 19.08.2010
DVD-Angaben
Titel: Salt
Vertrieb: Sony Pictures
Bild: 2,40:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1), Türkisch (DD 5.1), Hindi (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch, Hindi
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Spieldauer: 96 Minuten
Extras: Enthüllen Sie exklusives Filmmaterial in drei Versionen des Films! Die Original-Kinoversion + zwei erweiterte, unveröffentlichte Schnittfassungen!; Die ultimative Actionheldin; Spionen-Tarnung: Die verschiedenen Looks von Evelyn Salt ; Radiointerview mit Regisseur Phillip Noyce; Kommentar der Filmemacher
Verleih ab: 06.12.2010
Verkauf ab: 06.12.2010
Copyright Salt
Fotos & Trailer: © Sony Pictures
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - mit Kritiken, Empfehlungen und Trailern. www.critic.de/berlinale/
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