Sakuran – Wilde Kirschblüte

Für ihr Spielfilmdebüt wählte die gelernte Fotografin Mika Ninagawa einen Manga über das Leben einer Kurtisane im historischen Japan der Edo-Zeit aus. Das mit moderner Pop- und Rock-Musik unterlegte Drama bietet jedoch weit mehr als nur opulente Bilder.

Sakuran

Für westliche Beobachter erscheinen viele der japanischen Traditionen seltsam fremd. Auch der Beruf der Geisha, eine vor allem im 18. und 19. Jahrhundert gefragte Unterhalterin für japanische Künste, mit ihren strengen Ritualen und vorgeschriebenen Verhaltensmustern gehört dazu. Der amerikanische Schriftsteller Arthur Golden schilderte in seinem Bestseller Die Geisha das Schicksal einer dieser Frauen, wobei er der historischen Exaktheit nicht unbedingt die oberste Priorität einräumte. Seine Geschichte sollte vornehmlich unterhalten. Gleiches traf auf die gleichnamige Hollywoodverfilmung zu, die mit Goldens Roman als Vorlage das Japan der 20er und 30er Jahre in eine künstliche, leicht verkitschte Freizeitpark-Fantasie verwandelte. Gemessen an diesem Anspruch, war das Ergebnis keinesfalls derart missraten, wie es die gegen Regisseur Rob Marshall abgefeuerten Breitseiten und spöttischen Kommentare zunächst erwarten ließen.

Wenngleich eine Geisha dem traditionellen Verständnis nach keine sexuellen Dienste anbot, kam es vor allem während der sehr freizügigen Edo-Zeit (1603-1868) immer wieder dazu, dass Geishas auch als Liebesdienerinnen arbeiteten. Die Grenze zum Beruf der Prostituierten war oftmals fließend. Deutlich wird das in Sakuran – Wilde Kirschblüte (Sakuran), der zu dieser Zeit spielt. Darin erhält die schöne Kiyoha (Anna Tsuchiya), nachdem sie bereits mit acht Jahren an ein Bordell verkauft wurde, eine Ausbildung zur Kurtisane. Erotik und Sex gehören zu den Dingen, die Kiyoha beherrschen und mit den unterschiedlichsten Männern praktizieren muss. Doch nicht selten zeigt sich die junge Frau von einer wilden, widerspenstigen Seite – zum Ärger ihrer Vorgesetzten, die anfänglich um ihre Einnahmen fürchten. Weil aber allein Kiyohas Blick die Männer willenlos macht, gelingt es ihr, trotz aller Widerstände zur gefeierten „Oiran“ aufzusteigen, der ranghöchsten Kurtisane.

Sakuran

Die Geschichte konzentriert sich ganz auf Kiyohas Person und Werdegang. Regisseurin Mika Ninagawa beleuchtet ihre Sozialisation im Rotlichtmilieu, zeigt ihren beschwerlichen Alltag und den psychischen Druck, der aus der Isolation im Bordell erwächst. Dabei findet der Film mit dem Goldfisch im scheinbar viel zu beengten Glas ein für Kiyohas Situation passendes, wiederkehrendes Motiv. Außerhalb seines begrenzten Lebensraumes, da, wo für ihn die Freiheit beginnt, wird der Fisch nicht lange leben können. Er bleibt auf das Glas und das Wasser angewiesen. Kiyoha, die sich in einen jungen Mann (Masanobu Ando) verliebt hat, träumt von einem Leben außerhalb der Bordellmauern. Weil Sakuran nunmal ein Melodram ist, soll sie, damit dieser Traum wahr werden kann, den angesehenen Samurai Kuranosuke (Kippei Shiina) ehelichen und im Gegenzug auf ein Zusammenleben mit ihrer großen Liebe verzichten.

Sakuran ist das Spielfilmdebüt der gelernten Fotografin Mika Ninagawa. Deren bisherige Arbeiten zeichnen sich durch eine starke, suggestive Farbästhetik aus, was sich auch in Sakuran, der auf dem gleichnamigen Manga von Moyoco Anno basiert, in nahezu jeder Aufnahme widerspiegelt. Kräftige, leuchtende Rottöne und die prächtigen, verschwenderischen Kostüme etablieren Kiyohas Zuhause als ein in sich geschlossenes, hermetisch abgeschottetes Paralleluniversum. Die Bilder des historischen Japans unterlegte Ninagawa mit modernen Pop-, Rock- und Swing-Stücken von Ringo Shiina. Ein Kniff, der bereits in Sofia Coppolas Pop-Historienfilm Marie Antoinette  (2006) funktionierte und der dem ohnehin von der Außenwelt entrückten Leben im Bordell einen surrealen, unwirklichen Touch verleiht.

Sakuran

Hauptdarstellerin Anna Tsuchiya ist in ihrer Heimat Japan abseits auch als Sängerin und Model erfolgreich. Die hierbei gemachten Erfahrungen auf der Bühne und dem Laufsteg dürften ihr bei der Interpretation der Rolle geholfen haben. Immerhin werden einer Kurtisane abseits der erotischen Dienste recht ähnliche Qualitäten abverlangt. Es sind verführerische, geheimnisvolle Blicke mit denen Kiyoha ihre Freier um den Finger wickelt und ihnen das Geld aus der Tasche zieht. Tsuchiya spielt sie als Frau mit zwei Gesichtern. Neben der öffentlich verfügbaren Männerfantasie Higurashi – so nennt sie sich nach ihrem Aufstieg in den Rang einer „Oiran“ –, die gegenüber ihren Kunden stets darauf achtet, Contenance und Distanz zu wahren, existiert hinter der Maske eine ganz andere, private Kiyoha. Diese droht, an den Konventionen des Bordellbetriebs zu zerbrechen.

Es ist vor allem diese Ambivalenz, aus der das Interesse für Kiyoha erwächst und aus der Sakuran seine Spannung bezieht. Im Unterschied zu Rob Marshalls Die Geisha  (Memoirs of a Geisha, 2005) legt Ninagawas Film neben allen audiovisuellen Reizen deutlich mehr Wert auf eine in sich schlüssige und stimmige Schilderung eines scheinbar autarken, für uns heute nur schwer nachvollziehbaren Systems von Gehorsam und Selbstaufgabe.

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