Saint Laurent

Revolutionen im Elfenbeinturm. Erzählerisch wagemutig und mit einem ausgeprägtem Gespür für das Schöne widmet sich Bertrand Bonello einem schillernden Leben am Abgrund.

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Wer Mode für oberflächlich und unpolitisch hält, befindet sich auf dem Holzweg. Besonders die Kollektionen der großen Modehäuser werden oft als Ausgeburten der Dekadenz gesehen. Dabei setzen sie nicht nur Trends, an denen sich preiswerte Läden wie H&M noch Jahre später orientieren, sondern verfügen auch über ein subversives Potenzial, das gesellschaftliche Veränderungen kommentieren oder sogar vorantreiben kann. Bei Yves Saint Laurent war es der Hosenanzug für Frauen, der ihn zu einem Visionär der Modeszene machte. In Bertrand Bonellos klugem und vielschichtigem Biopic gibt es einen Moment, in dem sich die Leinwand teilt und die frühen 1970er Jahre im Schnelldurchlauf vorüberziehen. Auf der einen Seite sehen wir Archivbilder von Studentenunruhen und dem Algerienkrieg, auf der anderen die saisonalen Kollektionen von Saint Laurent. Das ist ein Gegensatz und doch auch wieder nicht. Das Leben des Designers spielt sich in einem Elfenbeinturm aus elitären Clubs, sterilen Ateliers und geschmackvoll eingerichteten Luxusapartments ab. Mit dem, was man unter sozialer Wirklichkeit versteht, hat das wenig zu tun. Und doch geht es auch in diesem schillernden Mikrokosmos darum, Revolutionen ins Rollen zu bringen.

Ein Wunderwerk an Stil und Design

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Bonello widmet sich in Saint Laurent keiner linearen Geschichte, sondern verschiedenen Themenkomplexen, die er fließend ineinander übergehen lässt. Die zwischen den Jahren 1967 und 1976 angesiedelte Handlung ist dabei oft zweitrangig. Vielmehr geht es um emotionale Zustände, um die Sinnkrise eines manisch Kreativen, um Räume, Oberflächen und Materialien. Dazu ein bunter Strauß an Musik: Velvet Underground. Maria Callas. Richard Wagner. Zunächst sind es die Frauen, die im Mittelpunkt des Films stehen. Saint Laurent liebt sie, ihre Schönheit, ihre Coolness, ihr Selbstbewusstsein. Als er Betty Catroux (Aymeline Valade), eine seiner Musen, zum ersten Mal in einem Club sieht, wirkt das wie eine drogengeschwängerte Marienerscheinung. Bonello ist genau der Richtige, um solche schicken Szenarien zu entwerfen. Im Grunde genommen ist sein ganzer Film ein einziges Wunderwerk an Stil und Design. Saint Laurents Einflüsse aus der bildenden Kunst tauchen bei ihm etwa nicht nur als Zitat auf, sondern ergreifen auch von der filmischen Form Besitz. Eine Modenschau inszeniert Bonello als betörendes Splitscreen-Gemälde, das an eine Komposition von Piet Mondrian angelehnt ist. Die Frauen gefallen dem Regisseur und seinem Helden in ihrer Unnahbarkeit und Eleganz. Es handelt sich jedoch um keine einseitige Bewunderung, vielmehr um einen ständigen Kreislauf. Saint Laurent lässt sich von starken Frauen inspirieren, um Mode zu entwerfen, die wiederum schwächeren Frauen hilft, sich stark zu fühlen. Besonders schön zeigt sich das in einer Szene, in der er eine unsichere Valeria Bruni Tedeschi in einen Hosenanzug steckt und sich damit in ein Symbol weiblicher Emanzipation verwandelt.

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Später widmet sich Bonello den Männern. Saint Laurents langjähriger Lebens- und Geschäftspartner Pierre Bergé (Jérémie Renier) liebt den sensiblen Modeschöpfer über alles, lebt aber doch in einer ganz anderen Welt. Bei seinen ersten Auftritten bewegt er sich am Rande des Bildes, wie ein stiller Beobachter, der zu der Modewelt eigentlich keinen richtigen Zugang hat – oder zumindest vorwiegend einen wirtschaftlichen. Es gibt so viele Entscheidungen Bonellos, die Saint Laurent von herkömmlichen Filmbiografien abgrenzen. Eine davon ist, dass er sich nicht nur für den Erfolg und die Drogensucht seines Protagonisten interessiert, sondern auch sehr detailliert für die Arbeit. Schon in seinem letzten Film Haus der Sünde (L’apollonide, 2010) hat Bonello nicht nur das lüsterne Treiben in einem Luxusbordell um die Jahrhundertwende beleuchtet, sondern auch den Aufwand, der dahintersteckt: die Buchhaltung etwa oder die penible Körperhygiene der Prostituierten. Die Arbeit ist es auch, die Saint Laurent und Bergé voneinander trennt. Auf der einen Seite die Präzisionsarbeit und die angespannte Stimmung im Studio, auf der anderen multilinguale Verhandlungen, die sich um Verkaufszahlen drehen.

Lust an der Selbstzerstörung

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Ein Abschnitt, der sich um die Affäre mit Karl Lagerfelds Lebensgefährten Jacques de Bascher dreht, steht dagegen ganz im Zeichen von Exzess und Leidenschaft. Louis Garrel spielt den diabolischen Verführer als ebenso schmierig selbstgefälligen wie unwiderstehlichen Lebemann, der mit dem depressiven Designer die Begeisterung für das Schöne und die Lust an der Selbstzerstörung teilt. Für narrative Schlüsselszenen hat Bonello in seiner frei angeordneten Hommage wenig übrig. Statt auf dramatische Konflikte konzentriert er sich auf vermeintliche Nebensächlichkeiten, in denen sich doch die eigentlichen Wahrheiten entfalten. Die ungesunde Beziehung zwischen den beiden Männern verdichtet Bonello etwa in einem starken Bild. Immer wieder tauschen die beiden mit Küssen eine Pille aus, schenken dem anderen ihre Liebe und zugleich das Gift, das sie zugrunde richten wird.

Immer wenn Saint Laurent einem klassischen Biopic zu ähnlich zu werden droht, überrascht Bonello mit einem neuen Kunstgriff. Gegen Ende würfelt er dann plötzlich die Chronologie wild durcheinander, reiht den kleinen Yves, der seine ersten Entwürfe zeichnet, mit dem krisengebeutelten Drogenwrack und dem in die Jahre gekommenen Mann, der sich träge monologisierend an bessere Zeiten erinnert, aneinander. Dass Bonello den alten, von einem ausschweifenden Leben gezeichneten Saint Laurent mit dem ehemaligen Weltstar und heutigen Sozialhilfeempfänger Helmut Berger besetzt hat, ist ein Coup für sich. Einmal gibt es eine verrückte Meta-Szene, in der Berger als Saint Laurent auf dem Bett liegt und sich einen Film mit dem jungen Berger ansieht. Dass die spätere Lebensphase am Schluss viel Raum einnimmt, lässt schon befürchten, dass der Film wie so viele Biopics chronologisch endet, mit dem Tod des Protagonisten oder einer dieser grässlichen Texttafeln. Aber nein, Bonello macht sich über dieses Schema eher lustig und will seinen immer etwas entrückten und betäubten Helden unsterblich machen. Und so endet Saint Laurent im Jahr 1977 mit dem verschmitzten Lächeln des Designers, der gerade erfahren hat, dass ihn die Medien irrtümlich für tot erklärt haben.

Trailer zu „Saint Laurent“


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