Das andere Rom - Sacro Gra

Der italienische Regisseur Gianfranco Rosi wandert einen Autobahnring entlang und sammelt wortlos, was in seine Fänge gerät. Doch was genau möchte er zeigen?

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Was ist der Mensch? Würde man den Dokumentarfilm Das andere Rom - Sacro Gra (Sacro GRA) Vertretern einer anderen Spezies zu Forschungszwecken zeigen, kämen sie zu der Einsicht: ein sonderbares Wesen. Einige bohren in Palmen, andere fischen Aale, wiederum andere lassen sich ablichten für Fotoschmonzetten. Manche suchen Zerstreuung mit Gogo-Tänzerinnen, ein paar fahren kostümiert zu religiösen Kongregationen. Die Menschen leben in einem Lärm, den sie selbst verursachen. Sie betten ihre Toten um, damit sich die Autobahn wie eine Schlange ungehindert nach vorn fressen kann, denn der Motor des Fortschritts kennt keine Totenruhe.

Die Peripherie, ins Zentrum gerückt

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Die längste Autobahn Italiens, die Autostrada del Grande Raccordo Anulare (GRA), legt sich wie ein Ring um Rom, ein Ring des Saturns, in ewiger Bewegung, aber niemals das Zentrum berührend. Gianfranco Rosi rückt diese Peripherie ins Zentrum seines Films. Nicht die Straße selbst, die wir – dem Filmnamen zum Trotz – nur sehr wenig sehen werden, sondern die Existenzen, die sich um die Autobahn ranken. Ein Versuch, sich über die Ränder der menschlichen Seele zu nähern? Disparate Leben, disparate Porträts. Einige Menschen torkeln kurz durchs Bild und verschwinden wieder, Beifang, denkt man zunächst. Auf andere dagegen scheint die Kamera regelrecht zu lauern, zeigt sie immer wieder, ohne dass man wüsste, warum gerade sie dazu auserkoren wurden.

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Dabei geht Sacro Gra in medias res vor. Der Zuschauer tritt nicht langsam, Schicht für Schicht, in die Privatsphäre der Gezeigten; vielmehr findet er die Kamera schon dort vor, wie unverrückbar darin angebracht. Wie gelangte sie dorthin? Wir werden es nicht wissen. Haben die Menschen sie vergessen? So wirkt es manchmal; als stehle die Kamera das, was sie zeigt. Einige Bilder erinnern gar an die Aufnahmen einer Sicherheitskamera: In einer Szene ist sie außen angebracht, wir spähen von oben herab und durch das Fenster in ein kleines Zimmer, in dem die Bewachten, ein alter Mann und eine junge Frau, leben, arbeiten, schlafen; unbehelligt, so scheint es, der Blicke, die auf sie gerichtet sind.

Seht, was an unserer Autobahn sprießt und gedeiht

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Einiges lässt denken, dass dies Menschen sind, auf die sich selten diese Art von Blick richtet. Denn auffällig oft entspricht hier der räumliche Rand, den Gianfranco Rosi zum Gegenstand seines Films erhoben hat, dem gesellschaftlichen. Ein verletzter Autofahrer liegt auf einer Bahre und fragt den Rettungssanitäter, ob er am nächsten Tag wieder arbeiten könne; in einem Van erzählt eine vergreiste Prostituierte einer anderen vergreisten Prostituierten, dass sie von der Polizei vernommen wurde. Aber Gianfranco Rosi hütet sich davor, aus diesen Menschen rührseliges Material zu machen, mit dem sich etwa die Gesellschaftsordnung anklagen ließe. Es gibt keinen erhobenen Zeigefinger; vielmehr breit geöffnete Augen: Seht, was an unserer Autobahn sprießt und gedeiht. Sacro Gra ist kein Roadmovie, das die Autobahn als zivilisatorische Errungenschaft zelebriert, sie zu Freiheit, Weite, Schnelligkeit stilisiert. Vergeblich wartet man auf einen befreienden Schwenk, auf eine wilde Verfolgungsjagd, die Kamera den Fahrzeugen hinterher. Die wenigen Aufnahmen, in denen unser Blick über die Autobahn rast, sind im Innenraum eines Krankenwagens entstanden; sie führen weg von der Unheil bringenden Straße, so schnell wie möglich.

Die Parasiten in der Menschenseele

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Wenn sich die Kamera nach draußen auf die Autobahn wagt, dann nachts, im Lichterwirrwarr und in einer ästhetisierten Form, die sich der Wirklichkeit entzieht. Wie wenn man blinzelt, aus der seltsamen Freude heraus, die Realität zu verzerren, unkenntlich, abstrakt zu machen. Ja, so ist die GRA erträglich, so ist sie schön. Es gibt eine andere Aufnahme, die surreal anmutet, ein Massengebet unter freiem Himmel. Die Sonne blendet stark, die weißen Gesichter verlieren ihre Konturen, sind wie eingebettet im weißen Himmel. Der Glaube als die Verblendung, die das Leben erträglich macht?

Es gibt einen Mann, der in Sacro Gra immer wieder vorkommt und darin eine besondere Stellung einnimmt, weil er – vielleicht unfreiwillig – dem Dokumentarfilm eine metaphorische Unterfütterung gibt, die man in Ermangelung eines Kommentars bestrebt ist aufzunehmen. Der sympathische Herr bohrt in Palmen: So wie der Arzt mit dem Stethoskop das Herz abhört, horcht er mit ausgeklügelter Technik in das Innere der Bäume. Das entsetzliche Quieken, das darin zu vernehmen ist, lässt keinen Zweifel übrig: Die Palme ist vom Käfer punteruolo rosso befallen, „sofortiges Eingreifen notwendig“. Die folgende Rhetorik lässt ebenfalls keinen Zweifel übrig: Es ist kein Botaniker mehr, der spricht, sondern ein Feldherr, die die Auslöschung seines Feindes säuberlich vorbereitet, ein Prediger, der gegen die Sünder wettert, an denen die Welt erkrankt ist: „Orgien“ feierten die gefräßigen Käfer, „schändliche Mahle“. Die Palme, die geformt sei wie die menschliche Seele, könne sich nicht wehren. Doch wer sind die Käfer, die sich in die menschliche Seele einnisten und sie bis auf den Grund zerstören? Das möge der Zuschauer entscheiden.

Trailer zu „Das andere Rom - Sacro Gra“


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