Sabah

Wie schwierig es für eine muslimische Immigrantin sein kann, zugleich den Erwartungen der Familie und den eigenen Wünschen gerecht werden zu wollen, beschreibt dieses auf Festivals bereits mit viel Kritikerlob bedachte Portrait einer Grenzgängerin zwischen zwei Kulturen.

Sabah

Die Gräben zwischen der westlichen säkularisierten Welt und den islamisch geprägten Ländern Nordafrikas und des Nahen Ostens brechen immer weiter auf. Mit den Terroranschlägen des 11. September und der amerikanischen Antwort entstand in vielen Köpfen das Bild eines neuerlichen „Clash of Civilizations“. Araber und Muslime wurden und werden in diesem Zusammenhang von übereifrigen Politikern und Boulevardmedien oftmals nur noch als Bedrohung wahrgenommen, getreu dem Motto „Jeder ist zunächst verdächtig, solange er nicht selber das Gegenteil nachweist!“. Gegen eine solch reduzierte Sichtweise wendet sich Ruba Naddas Liebesgeschichte Sabah. Die Regisseurin, selber als Tochter arabischer Eltern geboren und aufgewachsen in Kanada, versucht darin den schwierigen Alltag von arabischen Immigranten in einer modernen westlichen Gesellschaft aufzuzeigen, wobei sie ganz bewusst die politische Ebene, den Palästinakonflikt, den „Kampf gegen den Terror“ und den islamischen Fundamentalismus, ausklammert.

Sabah (Arsinée Khanjian) ist Muslimin. Obwohl sie bereits ihren 40. Geburtstag gefeiert hat, ist ihr sehnlichster Wunsch nach einer liebevollen Partnerschaft bislang noch nicht in Erfüllung gegangen. Stattdessen lebt und arbeitet Sabah für ihre Familie, besonders für ihre kranke Mutter (Setta Keshishian). Nach dem plötzlichen Tod des Vaters kurz nach der Ankunft in Kanada wacht ihr Bruder Majid (Jeff Seymour) streng über sie und die anderen Familienmitglieder. Eine wirkliche Privatsphäre hat Sabah schon lange nicht mehr. Von Majid erhält sie als Geburtstagsgeschenk ein gerahmtes Foto, das sie und ihren Vater beim Baden zeigt. Das Foto wird für sie zum Antrieb, heimlich ein nahe gelegenes Schwimmbad zu besuchen, um sich so die glücklichen Kindheitserinnerungen wieder ins Gedächtnis zu rufen. Beim Schwimmen lernt sie zufällig Stephen (Shawn Doyle) kennen. Als sich Sabah in ihn verliebt, weiß sie bereits, dass ihre Familie mit dieser Beziehung nicht einverstanden sein wird. Stephen ist nämlich kein Moslem, sondern Christ.

Sabah

Regisseurin und Drehbuchautorin Nadda hat vor Sabah in verschiedenen Kurzfilmen mehrheitlich düstere Liebesgeschichten inszeniert. Insofern fällt zunächst trotz der zahlreichen inter- und intrakulturellen Problematiken der Geschichte der hoffnungsvolle und lebensbejahende Grundton auf. In jeder Situation, auch als Majib Sabah nach Bekanntwerden ihrer Beziehung zu einem Nicht-Moslem aus der Familie verstößt, schwingt latent das Gefühl mit, dass diese Entscheidung letztlich nicht Bestand haben wird. Dabei nutzt Nadda neben einer konsequent von kräftigen Farben wie Rot und Grün durchzogenen Bildkomposition einen identitätstiftenden Soundtrack, der abwechselnd Stücke aus beiden Kulturkreisen aufgreift und so auch auf einer weiteren Ebene den Zusammenprall dieser beiden Welten gehaltvoll illustriert.

Die Vermarktung rückt Sabah in die Nähe von Publikumserfolgen wie My Big Fat Greek Wedding (2002). Das suggeriert zwar zutreffend einen Bezug zum Genre der leichten, heiteren Liebesgeschichte, negiert aber gleichzeitig einen essentiellen Aspekt von Naddas Regiearbeit. Die Religion, in diesem Fall der Islam und damit eng verknüpft die arabische Tradition, spielt in Sabah eine ungleich zentralere Rolle. Majib sieht sich nach dem Tod seines Vaters als Familienoberhaupt an, das über das Leben der Schwester in alter patriarchalischer Weise zu bestimmen hat. Wenn Sabah sich für Stephen entscheidet, so stellt er klar, ist dies zugleich eine Entscheidung gegen die Familie. Unter diesem Druck muss sie Position beziehen, was einiges an Mut und Überwindung kosten wird. Diesem innerlichen Transformationsprozess stellt die Regisseurin auch eine äußere Wandlung ihrer Protagonistin zur Seite. Sabah blickt in einer der ersten Szenen noch verlegen und etwas neidisch auf eine junge Frau, die selbstbewusst ihre weiblichen Reize in der Öffentlichkeit präsentiert, während sie ihre Haare unter einem Kopftuch verbergen muss und auf jegliches Make-up verzichtet. Mit der Emanzipation von ihrer Familie traut sich Sabah aber immer mehr zu. Sie zeigt einen Teil ihrer Frisur, sie beginnt sich zu schminken. Aus dem „hässlichen Entlein“ wird, überspitzt formuliert, ein „stolzer Schwan“.

Sabah

Nadda entschied sich dazu, ihren Film nicht mit einer politischen Debatte zu überfrachten, sondern den Fokus ganz auf eine leise stimmige Liebesgeschichte zu legen. Im Spannungsfeld zwischen den Wurzeln der Immigranten und einem modernen von Gleichberechtigung geprägten Gesellschaftsentwurf gelingt es ihr unprätentiös den eigenen Standpunkt durchscheinen zu lassen, der eine Reduzierung auf klischeebehaftete Bilder einer anderen Kultur ablehnt. Auch Sabahs Bruder eignet sich nicht zu einer Typisierung als fanatischer Moslem, wird doch zum Ende hin spürbar, dass er auch aus einer ehrlichen, sicherlich unberechtigten, Sorge um seine Schwester so und nicht anders argumentiert und handelt. Nadda adressiert ihre Geschichte an ein breites Publikum mit einem Faible für romantisch eingefärbte „Culture Clash“-Komödien. Für jede tiefgehende Analyse interkultureller Konflikte mangelt es Sabah dagegen an Substanz.

 

Kommentare


Martin Z.

Einer der vielen interkulturellen Liebesfilme, die äußerst vorhersehbar mit der Hochzeit enden. Hier: eine vierzigjährige Araberin verliebt sich in tischlernden Kanadier. Die meisten in dieser Gattung setzen auf die Spaßkarte als Trumpf mit Jubel, Trubel Heiterkeit. Dieser nicht. Eher eine stiller, ernster aber detailgenauer Film, der die Herrschaft der Männer beschreibt, die dem Happyend im Wege stehen. Wenigstens so lange, bis sie kapitulieren und der Hochzeit zustimmen.
Manchmal etwas hölzern aber bemüht.






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