Sábado – Das Hochzeitstape

Mit Sábado – Das Hochzeitstape liefert der Regisseur Matías Bize einen kurzen Debütfilm ab, der die Grenzen zwischen Erzählkino und Experimentalfilm aufweicht.

Sábado - Das Hochzeitstape

Sábado – Das Hochzeitstape bietet nicht gerade den Stoff für ein originelles Beziehungsdrama, der Reiz dieser No-Budget Produktion liegt jedoch in ihrer ungewöhnlichen Umsetzung.

Blanca (Blanca Lewin) wird am Tag ihrer kirchlichen Hochzeit von Antonia (Antonia Zegers), einer Ex-Freundin ihres Bräutigams Victor (Victor Montero), aufgesucht, die behauptet, dass sie noch mit Victor schlafen würde und von ihm ein Kind erwarte. Wütend und verunsichert stellt die Braut Victor zur Rede. Die Konfrontation gibt Blanca den Anstoß, ihren bisherigen Lebensentwurf zu überdenken.

In einer Länge von nur 65 Minuten zeichnet der Film die Ereignisse auf, die sich während und unmittelbar nach dem Geständnis der Ex-Freundin des Bräutigams ereignen. Dies geschieht in „Echtzeit“, was der Film bewerkstelligt, in dem Antonias Nachbar Gabriel (Gabriel Díaz) mit einer Mini-DV-Kamera die Auseinandersetzung festhält und später auch von der betrogenen Braut angeheuert wird, sie zu begleiten. Aus der subjektiven Kamera-Perspektive Gabriels schildert Sábado Blancas Stationen durch Santiago de Chile.

Sábado - Das Hochzeitstape

Sábado stellt eine Abkehr von der klassischen Konzeption von Raum und Zeit in Spielfilmen dar, in denen für gewöhnlich die gefilmten Orte der Handlung in einzelnen Einstellungen aufgelöst sind und ein von einer natürlichen Wahrnehmung abweichendes Zeitkonzept entworfen wird, das Geschehnisse gerafft oder gedehnt wiedergibt. Sábado besteht aus einer einzigen, langen Einstellung, die sich über mehrere Innen- und Außenräume erstreckt und Erzählzeit mit der erzählten Zeit gleichstellt.

Gänzliches Neuland betritt Sábado jedoch nicht. Ähnlich verfuhr etwa der Regisseur Mike Figgis, der in Timecode (2000) den Bildkader zwar auf vier gleichgroße Teile aufsplittete, jedoch die einzelnen Handlungsstränge der Protagonisten zeitlich parallel zueinander in nur einem Durchlauf begleitete. Was Sábado von Figgis’ Film und auch von der „Echtzeit-Serie“ 24 (2001-) unterscheidet, die durch Parallelmontage, verschiedene Handlungsstränge und Auslassungen nach Regeln des klassischen Erzählkinos funktioniert, ist die konsequente Beschränkung auf eine einzige Kamera und die damit verbundene durchgehende Bewegung innerhalb einer Handlungsebene. Dies nutz der Regisseur Matías Bize, um den Blick auf die Hauptfigur Blanca zu fokussieren. So muss Blanca Lewin die emotionale Berg-und-Tal-Fahrt ihrer Figur gut 60 Minuten lang ununterbrochen darbieten. Einerseits nähert sich die Video-Produktion somit in Realisierung und Vorführungsform einer Theatersituation an, andererseits gelingt es Bize, etwa, wenn der Zuschauer mit Blanca an einer handlungsarmen, längeren Autofahrt teilnimmt, die Erfahrbarmachung von Zeit zu transportieren. Ein Kunstkonzept, dem sich bereits Videokünstler wie Vito Acconci, oder Installationskünstler wie Dan Graham verschrieben haben. In Bizes Film steht (Erzähl-)Zeit nicht im Dienst der Narration, sondern stellt eine autonome Größe des filmischen Raumes dar.

In dieser allumfassenden diegetischen Bewegung spiegelt der zurückgelegte Weg der Protagonistin deren Reifungsprozesses wieder. Betrachtet man Blancas Entwicklung als in sich abgeschlossenen Bestanteil der Handlung, handelt es sich bei der 65 Minuten andauernden Einstellung um eine gigantische Plansequenz.

Sábado - Das Hochzeitstape

Wie Muxmäuschenstill (2004) nutzt auch Sábado die spezifischen Eigenschaften des Mediums Video für sich und vermeidet somit den nur selten fruchtbaren Versuch, mit einer Videokamera klassisches Erzählkino zu betreiben. In diesem Zusammenhang ließe sich die Distanz zum Geschehen erklären, die sich trotz der dokumentarisch anmutenden Unmittelbarkeit einstellt. Eine Identifikation mit den Figuren wird erschwert, da die Kamera nicht als „unsichtbares“ Element des Films fungiert. Stets wird sie mit dem subjektiven Blick Gabriels in Bezug gesetzt, der das Geschehen zudem mit gelegentlichen Kommentaren reflektiert. Dies führt nicht nur zu einigen unterhaltsamen Momenten, da der Außenstehende den Situationen mit trockenem Humor begegnet, auch finden Gabriels persönliche Regungen auf der Bildebene Ausdruck. Prägnant wird dies, wenn der Kameramann aus Verlegenheit auf den Boden schwenkt. So etabliert sich Gabriel, der im ersten Drittel des Films nicht zu sehen ist, mit der Zeit als eigenständiger Charakter, der vom Zuschauer in der Kombination von Kamerablick und Stimme wahrgenommen wird.

Die Kamera entwickelt sich zudem auch nicht, wie im klassischen Erzählkino bisweilen üblich, zum kybernetischen Wesen, das als autonome Figur agiert, da sie mit der Rolle Gabriels verschmilzt. Ausgeschlossen sind somit auch Erzählstrategien des Affektkinos, etwa eines Steven Spielberg, das sich zur Aufgabe macht, den Zuschauer mit gestalterischen Mitteln des Mediums zu vereinnahmen. Der Zuschauer bleibt auf Distanz, da er sich ohne Unterlass den Kameramann Gabriel vergegenwärtigt.

Bei der experimentellen Herangehensweise des Films ist es schon fast nebensächlich, dass die Begründungen für die andauernde Begleitung des Kameramanns mitunter fadenscheinig ausfallen. Auch, dass die Qualität der Dialoge und die schauspielerischen Leistungen einiger Akteure in Sábado den Erwartungen an einen konventionellen Spielfilm nicht immer gerecht werden, fallen in Anbetracht der filmischen Konzeption nicht sonderlich schwer ins Gewicht. Wer bei einem Kinobesuch auf klassisches Erzählkino verzichten kann, sieht 65 ungewöhnlichen und unterhaltsamen Minuten Filmerfahrung entgegen.

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