Der Geschmack von Rost und Knochen

Handicap verbindet. Killerwal, Beinamputation, Liebe.

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Eigentlich hat Jacques Audiard mit Rust and Bone (De Rouille et d'os) einen waschechten Problemfilm gedreht, ein Sozialdrama über Ausbeutungssysteme und Schicksalsschläge. Dennoch kann man sich den Stoff gar nicht in den Händen eines Ken Loach oder auch der Dardenne-Brüder vorstellen. Im Kern geht es in der freien Adaption eines Novellenbandes (Craig Davidsons Rust and Bone: Stories, 2005) um zwei Menschen, die sich durchschlagen, die am Rande der Gesellschaft dank Schicksalsschlägen zueinander finden. Das Drehbuch, das Audiard zusammen mit Thomas Bidegain (Co-Autor ebenfalls beim Magnum Opus Ein Prophet, Un prophète, 2009) verfasst hat, scheut sich nicht, melodramatische Momente und schnelles Erzähltempo miteinander zu verquicken, mal ins Metaphorische zu gleiten, um sich dann wieder im Alltag seiner Figuren einzurichten. Trotz aller schönen Momentaufnahmen: Nichts ist in Rust and Bone Selbstzweck, Audiards Affinität zum Genrekino ist greifbar. Er setzt auf dessen große Tugend, das Affektive mit dem Effektiven zu verknüpfen.

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Schon mit wenigen beeindruckend choreografierten Sequenzen sind wir mitten in der Erzählung um Ali und Stéphanie. Eine Szene im Zug, weder abfällig noch mitleidig: Sohn Sam (Armand Verdure) hat Hunger. Ali (Matthias Schoenaerts) klaut sich aus Resten eine Mahlzeit für beide zusammen. Eine Begegnung im Club, fast beiläufig: Stéphanie (Marion Cotillard) blutet nach einer Schlägerei, Ali, der Türsteher, fährt sie heim. Von ihrem Partner hat sie von nun an genug. Ein spektakulärer Arbeitsunfall, weder schwülstig noch effekthaschend, dafür großartig aufgebaut, multiperspektivisch, subjektiv, plötzlich orientierungslos: Ein dressierter Killerwal beißt Stéphanie die Beine ab. Diese zentrale Szene und deren Echos im Film zeigen exemplarisch Audiards ästhetische Methode: Seine Mittel unterstützen zu jedem Zeitpunkt die Handlung. Statt eines strikten formalen Rahmens, der eine Haltung behauptet und alle Erfahrungen prägt (Dardenne), öffnet sich Audiard seinem Stoff gegenüber, schafft einen permanent variierenden, einen für die Atmosphäre durchlässigen Stil. Sowohl visuell als auch auditiv verdoppelt und verdichtet Rust and Bone die Stimmungslage seiner Protagonisten. Ein wiederkehrender Popsong gemahnt an den Unfall im Freizeitpark, Stéphanies Gesten vermitteln die bittersüße Melancholie. Sie blickt wieder zuversichtlicher in die Zukunft, denn sie war schwimmen im Meer mit Ali.

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Und schon ist vergessen, dass es da noch um Ausbeutung, um schnelles Geld mit gefährlichen Kämpfen und das Leben mit der Behinderung geht. Um unsere Gesellschaft, um Auswüchse des Kapitalismus. Audiard ist kein Message-Filmer, dafür ist er zu raffiniert. Jede Theoretisierung der Themen seines Werks schlägt immer schon auch ein bisschen daneben. Kriminelle Machenschaften von Unternehmenschefs etwa führt er nicht über die Opfer ein und auch nicht über das System, sondern über den abhängigen Mittelsmann. Dieser seitliche Einstieg ermöglicht es ihm, Machtdiskurse zu streifen, noch ehe man sich’s versieht. Er beleuchtet in aller Deutlichkeit gesellschaftliche Felder, führt sie auch ohne Umschweife und falsche Subtilität über seinen Plot und die Dialoge ein. Aber im nächsten Moment ist er immer schon weiter, im Konkreten. Weil auf das Soziale das Persönliche, das Psychologische antwortet. Nicht das Abstrakte oder gar das Allgemeingültige. Nichts ist dabei verklausuliert oder müsste erahnt werden, im Gegenteil: In Körper und Handlungen seiner Figuren hat er alle Erkenntnisse fest eingeschrieben. Dabei erlaubt sich Audiard auch mal einen Spaß und lässt szenenlang rätseln, was ein Tattoo mit der Aufschrift „Rechts“ auf dem rechten Oberschenkel zu bedeuten hat, um dann, nebenbei, die profanste Erklärung nahezulegen, indem er das Gegenstück-Tattoo zeigt. Was die Tinte nachhaltig in die Haut hineinschreibt, das ist hier Audiards Programm: die offensive Normalisierung von körperlicher Versehrtheit.

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Die Meisterleistung des ohnehin herausragenden Rust and Bone ist Audiards In-Bild-Setzung von Marion Cotillards (digital) amputierten Beinen. Ob nackt oder bekleidet, nie sind ihre Stümpfe versteckt. Vielmehr ragen sie ins Bild, Szene um Szene. Sie schwimmen, sie werden gehalten, entkleidet, gespreizt. Und mit jedem Mal erkämpfen sie ein wenig mehr den Blick, den sie verdienen, den auf einen rechten und einen linken Schenkel. Ja, Jacques Audiard hat ein Sozialdrama gedreht.

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Kommentare


Kukula Martin

Geniale Beschreibung einer dysfunktionalen gesellschaft ? Hervorragend in allem.






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