Rush – Alles für den Sieg – Kritik

Adrenalinschübe bis zum Erbrechen. Ron Howard rückt uns mit kinetischem Körperkino zu Leibe.

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Es ist eine Art Ritual: Rennsport-Profi James Hunt (Chris Hemworth) steht etwas abseits von den anderen, vornüber gebeugt. Er übergibt sich, erliegt dem Adrenalinstoß, der gerade durch seinen Körper schießt. Sein Manager sieht zu und ist zufrieden, denn würde Hunt nicht derart leiden, wäre irgendetwas nicht in Ordnung. Kotzen als Notwendigkeit für einen guten Wettkampf. Und das Erbrechen bedeutet hier nicht das Ende des Rausches. Hollywood-Routinier Ron Howard legt mit Rush erneut großspuriges Unterhaltungskino vor und erzählt von zwei Geschwindigkeitssüchtigen, die den Rausch zu ihrem Lebensinhalt gemacht haben. Doch hat der Regisseur sichtlich höhere Ambitionen, als nur ein Stück Rennsportgeschichte zu rekonstruieren.

Howard nimmt sich den erbitterten Konkurrenzkampf der beiden Formel-Eins-Größen James Hunt und Niki Lauda (Daniel Brühl) während ihres zeitgleichen Aufstiegs in den 1970er Jahren zum Anlass, eine klassische Rivalengeschichte zu erzählen. Beide sind überhebliche Perfektionisten, denen sich trotz ihrer krankhaften Übertrumpfungswut immer mal wieder Sympathien abringen lassen. Besessen vom Sieg putschen sich Hunt und Lauda zu Höhenflügen, was damit bei aller Abneigung gegen den jeweils anderen auch ein massives gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis erzeugt.

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Rush gibt sich zunächst als etwas überzogenes Porträt einer Szene der Manierismen und Machismen, in der Howard an Figuren und Setting bastelt: Ein bisschen was von den hippen Seventies, knapp bekleidete Boxenluder, etwas Glamour und Hard-Boiled-Attitüde zum fetzigen Thin-Lizzy-Soundtrack. Hunt ist der große Playboy in diesem Mikrokosmos des testosterongetränkten Vergnügens, und er nennt uns ganz prägnant den simplen Grund, warum die Frauenwelt den Rennfahrern erlegen ist. Nicht die Tatsache, dass diese Männer unzählige Male schnell im Kreis fahren, mache den Reiz aus, sondern die ständige Gefahr des plötzlichen Unglücks, die immer wieder aufs Neue herbeigesehnte Todesangst. Daher lebe er, als wäre jeder Tag der letzte.

Und schon riecht es stark nach Klischee zwischen den ganzen Auspuffabgasen der immer wieder aufheulenden Maschinen. Folgerichtig werden die Frauen vor dem abschließenden Rennen, in dem eine von ihnen dann doch noch zur Läuterung Laudas beiträgt, dramaturgisch weitestgehend ausgeklammert, denn zum Rauschgefühl tragen sie nichts bei. Sie sind nur – insbesondere bei Hunt – das Schmuckwerk, das der chauvinistische Habitus verlangt.

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Das gestelzte Draufgängertum ist aber nicht das einzige Fundament, auf dem Howard seinen Film baut. Dank der ellipstischen Erzählweise, die den Handlungszeitraum stark verdichtet, kann Howard es sich erlauben, in der zweiten Hälfte die Spur zu wechseln. Es wird nicht länger an den Figuren herumgezerrt oder das Milieu studiert. Rush versucht mehr und mehr, den Zuschauer sinnlich in das Szenario einzubinden, was man in diesem Maße selbst von Genrefilmer Howard nicht gewohnt ist.

Die in der ersten Hälfte noch etwas zurückgehaltene Zeigefreude bricht sich schließlich Bahn und gewinnt zum Finale hin rigoros die Oberhand. Anfangs bringt James Hunt mit seinem regelmäßigen Erbrechen, seiner sexuellen Aktivität und dem gekonnt in Szene gesetzten Auftreten die nötige Körperlichkeit in den Film. Später aber ist es Lauda und sein Leiden, mit dem Howard solche Mechanismen unerwartet ins Extreme steigert. Großaufnahmen von nässenden Wunden auf dem verbrannten Gesicht und sich in die Lunge bohrenden Absauggeräten machen Rush zum reinen Affektkino.

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Auch der Pathos, den ein geübter Blockbuster-Regisseur wie Howard dann auch hemmungslos auf den Zuschauer loslässt, bereitet vor allem auf den ultimativen Tempo-Trip vor, auf den letzten ausschweifenden Bilderrausch, der uns noch erwartet. Angetrieben vom atemlosen Schnittfeuerwerk setzt er uns einem fiebrigen Wettrennen der Perspektiven und Einstellungen aus. Ohne Unterlass lässt er unsere Blicke zwischen einzelnen Fragmenten springen: Lenkrad, Seitenspiegel, Gaspedal, subjektive Sicht. Manchmal rückt die Kamera so dicht an ihre Motive heran, dass sie spürbar werden, dringt gar bis ins Innere des Helms oder stellt durch Bodenperspektiven eine unangenehme Nähe zu den heranschießenden Wagen her. Schweiß auf der Stirn und vor Aufregung pulsierende Augen erstrecken sich über die gesamte Leinwand, wollen unbedingt sichtbar gemacht werden und dem Zuschauer zu Leibe rücken.

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So wird der Kinosaal zum multisensorischen Raum, der Zuschauer an sämtlichen Sinnen gekitzelt, trunken gemacht von dieser irren Ekstase der Geschwindigkeit. Howard hat ein Stück enorm taktiles Bewegungskino geschaffen, einen Taumel, der übermannt, ja regelrecht bedrängt. Und genau deshalb ist Rush nicht einfach nur ein Film für das Rennsportmilieu, sondern für die große Leinwand.

Trailer zu „Rush – Alles für den Sieg“


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Kommentare


Thomas

Nur noch 1 Tag und Rush kommt endlich in die Kinos :-) Ich warte schon eine lange Zeit auf den Filmstart und bin auf Chris Hemsworth äußerst gespannt!

Ich hoffe, dass Rush wirklich so nah an der Realität ist wie erwartet.. aber mit Howard ist vermutlich der Richtige am Zuge gewesen.

Gerade die letzten beiden Absätze von Deiner Filmkritik, Josef, lassen meine Aufregung wachsen! Vielen Dank für diesen wirklich toll geschriebenen Text, den ich nur so durchgejagt bin, ihn aber trotzdem 3x gelesen habe. Das lag nicht an einem Verständnisproblem, sondern an dem roten Faden, der sich von ganz vorne bis zum Ende wunderbar durchzieht ;-)


tom

Ron Howard liefert hier einen mittelmässig erzählten Rennfahrerfilm ab, der Lauda als unsympathischen , hässlichen Super Rationalisten darstellt und Hunt als hübschen , lässigen wie klugen Playboy, Die unsägliche Maria ( Schell) Lara wuselt sich bedeutungsschwanger wie übermütterlich pathetisch durchs Bild und die eindimensionalen Dialoge wie filmischen Tricksereien tun ihr übriges für die bei mir aufkommende Langeweile.






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