Running Scared - Renn oder stirb

Autor und Regisseur Wayne Kramer orientiert sich gesinnungstechnisch und formal an Tony Scotts letzten Werken Mann unter Feuer und vor allem Domino. Ohne Scotts technische Brillanz verkommen die stilisierten Bilder hier jedoch zum verspielten Selbstzweck und transportieren eine Geschichte, die noch das ätzendste Destillat aller Scottscher Verfehlungen übertrifft.

Running Scared - Renn oder stirb

Die Kamera fixiert einen behinderten alten Mann, der sein Essen verschüttet. Seine in Sauce getränkten Nudeln verteilt der Mann stoisch überall: auf dem Stuhl, auf seiner Hose, auf dem Boden. Wütend faucht ihn der Sohn an, mit dessen Augen wir den ekligen Vorgang verfolgen. Für den ist sein Vater nur unwertes Leben, ein Ärgernis, über das es sich höchstens noch lohnt, Witze zu machen. Schon hier, früh während des Films, wird der inhumane Blick von Running Scared deutlich. An einem späteren Punkt der Handlung erzählt Joey (Paul Walker), mit Stolz, dass er selbst seinen Vater zum Krüppel geschlagen habe. Dies empfiehlt er auch seinem Nachbarsjungen Oleg (Cameron Bright). Der hat tatsächlich bereits eine Kugel auf seinen russischen Stiefvater abgefeuert – aus einer Waffe, die Joey unbedingt wieder in seinen Besitz bringen muss, denn Polizei und Mafia sind daran interessiert. Innerhalb der Diskussion mit dem Freund seines Sohnes stellt Joey klar, Oleg sei in Russland gezeugt, aber in Amerika geboren worden und folglich Amerikaner. Das ist nicht nur für Joey wichtig, sondern für den gesamten Film, der auch in den späten siebziger oder frühen achtziger Jahren aus der Feder von Paul Schrader (Taxi Driver, 1976; Hardcore, 1979) hätte fließen können.

Wie in dessen Großstadthöllen sind auch hier die Nächte von Prostituierten, ihren Zuhältern, Kinderschändern, Gangstern und korrupten Polizisten übervölkert. Sie alle haben eines gemeinsam: sie gehören ethnischen Minderheiten an. Nicht nur das, der fieseste unter ihnen ist homosexuell. „Schwuchtel“ ist bezeichnenderweise auch das meistgebrauchte und mit der größten Verachtung verwandte Schimpfwort in Running Scared. Alle Gangster sind russischer oder italienischer Abstammung und nur einer von ihnen wird eine menschliche Anwandlung durchleben: indem er sich auf sein amerikanisches Idol John Wayne besinnt.

Running Scared - Renn oder stirb

Nun könnte man zunächst denken, Running Scared entwerfe einfach eine apokalyptische dreckige Welt, in der es das Gute nicht mehr gebe. Doch er stellt all diesen Figuren, die geschlossen im Verlauf dieses Machwerks äußerst brutale, blutige und sinnlose Tode sterben, die gute amerikanische Familie entgegen: Paul, dessen Ehefrau Teresa und beider gemeinsamer Sohn Nicky. Sie und der aufgenommene Oleg dürfen, ja müssen über viele viele Leichen gehen, um endlich in einem bereinigten Land, ja im Ländlichen, fernab des Stadtmorastes, ihr wohlverdientes Glück zu leben.

Erinnert an Exploitation, an sadistischer Zur-Schau-Stellungs-Freude, an Filme von Michael Winner und J. Lee Thompson mit Charles Bronson, an ein Kino, das mit dem Verschwinden der Bahnhofsetablissements die große Leinwand verlor und in die Videotheken verdrängt wurde; klingt faschistoid und reaktionär? Ja, so ist es.

Kommentare


ich und ich

bin mal gespannt, .. aber DOMINO war ja schon ziemlich edel!

freu mich auf heute abend :)


ich und ich

übrigends -> ERSTER :)




... war ich noch nie:)


Zeiram

Hab den Film in einer Sneak gesehen und fand ihn eigentlich ziemlich gut. Manchmal übertreibs der Regisseur mit den Schnitten und Effekten, aber manchmal entlocken sie einem ein "wohhh!".
Ansonsten ist der Film ziemlich spannend und derbst brutal. Man denkt schon alle paar Minuten "wie krank ist das denn!"
Aber eigentlich gut der Film!


oliver

ich fand den film sehr unterhaltsam, spannend, großartig.


Martin Z.

Vom Inhalt her gibt es Stoff für mehrere Filme. Dabei geht es hauptsächlich nur um die Wiederbeschaffung einer Pistole. Das geschieht aber mit so vielen fantasievollen Wendungen, dass man manchmal selbst nicht mehr weiß, wer denn das Ding im Moment eigentlich hat. Und am Ende war’s dann eine Umdrehung zuviel. Doch dann schwappt die Blutwelle voll über bis alle Gangster tot sind. Alle bis auf einen und das glaubt man nicht. Damit bekommt der knochenharte Gangsterthriller ein Popcorn-Ende, das zu dem vorher Gesehenen überhaupt nicht passt. Schade! Na gut, man kann es mit einem Augenzwinkern wegstecken, weil davon mal abgesehen der Film nicht schlecht ist. Denn auch optisch hat man sich einiges einfallen lassen. Und die Atmo des Gangstermilieus kommt gut rüber mit der üblichen Hierarchie und den Erfüllungsgehilfen, die blitzschnell von Freunden zu Feinden werden können. Gefahr steht dicht neben geheuchelter Freundlichkeit, coole Lässigkeit neben wilder Action.






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