Rückenwind

Johann und Robin verliefen sich im Wald: In seinem zweiten Spielfilm schickt Jan Krüger ein frisch verliebtes Pärchen auf eine mysteriöse Reise.

Rückenwind

Man könnte Jan Krüger durchaus ein Faible für das Motiv der Reise unterstellen. Sein Debütfilm Unterwegs (2004) handelt von einer jungen Familie, die beim Camping-Urlaub auf einen Fremden trifft und mit ihm an die Ostsee fährt. Wie im klassischen Roadmovie entzieht das Reisen hier die Figuren ihrem gewohnten Umfeld und setzt sie grundlegenden, persönlichen Veränderungen aus. Auch in Krügers zweitem Spielfilm Rückenwind geht es um einen scheinbar harmlosen Trip, der entscheidende Konsequenzen mit sich bringt: Bei einem Radausflug durch die brandenburgische Landschaft verlieren sich Johann (Sebastian Schlecht) und Robin (Eric Golub) zunehmend in der mystischen Welt des Waldes.

Rückenwind

So ähnlich sich die Sujets der beiden Filme sind, so unterschiedlich ist Krügers Herangehensweise. Im Gegensatz zur geradlinigen, handlungsbezogenen Erzählweise seines Erstlings, pflegt Krüger in Rückenwind einen experimentelleren und freieren Umgang mit Handlungselementen. Bereits in der Eröffnungsszene überträgt er die Ausgangslage seiner Geschichte auf eine symbolische Ebene: Während man Johann auf dem Korridor eines Krankenhauses sieht, erzählt er aus dem Off eine Fabel vom Hasen und vom Fuchs, die sich im Wald treffen und anfreunden. Wie der Film seine Protagonisten hier anhand von Fabelwesen abstrahiert, ist bezeichnend für Krügers Umgang mit seinen Figuren. Johann und Robin bleiben im weiteren Verlauf grob gezeichnete Charaktere, die sich als klassische Identifikationsfiguren disqualifizieren. Auch bezüglich seiner Geschichte hält sich der Film mit Informationen zurück und gibt sich streckenweise betont mysteriös.

Rückenwind

In der ersten Hälfte von Rückenwind lässt Krüger zwei scheinbar entgegengesetzte Erzählformen aufeinander treffen. Einerseits reiht der Film alltägliche Szenen einer Beziehung aneinander: Die beiden albern herum, tauschen Zärtlichkeiten aus oder streiten sich über die vergessenen Zeltstangen. Dabei entzieht sich der Film durch die wenigen, aufs Notwendigste beschränkten Dialoge allzu festen Zuschreibungen. Gleichzeitig ist der Film mit streng komponierten Bildern und der Verweigerungshaltung gegenüber einer klassischen Dramaturgie von einem deutlichen Formalismus geprägt. Jedes Mal, wenn der Zuschauer durch den Wiedererkennungswert einer Szene die Illusion bekommt, die Figuren zu verstehen, folgt eine Szene, in der man als Beobachter außen vor gelassen wird – so etwa bei einem geheimnisvollen Versteckspiel, das in einem sexuellen Machtspiel endet.

Lange entfaltet Rückenwind gerade durch seine Unberechenbarkeit einen besonderen Reiz. Wenn Johann und Robin schließlich auf einem Bauernhof landen und sich dort bei Grit (Iris Minich) und ihrem Sohn Henri (Denis Alevi) einquartieren, lässt der Film das Rätselhafte weitgehend hinter sich und schlägt eine konventionellere Erzählrichtung ein. Plötzlich konzentriert sich Krüger mehr auf seine Figuren und ihr Verhältnis untereinander. Beim gemeinsamen Abendessen, Schießen oder Ziegen füttern entwickelt sich zwischen dem Pärchen und seinen Gastgebern eine freundschaftliche Beziehung, die nicht frei von erotischen Spannungen ist. Wie in Krügers Erstling sind hier die zwischenmenschlichen Beziehungen von einem spielerischen Umgang miteinander geprägt. Immer wieder verlieren sich die Figuren in kindlichen Verhaltensweisen. Durch Herumschubsen, Anspritzen mit dem Gartenschlauch oder ein Wettrennen mit den Fahrrädern testen die Figuren ihr Verhältnis zueinander auf rein körperliche Weise aus.

Rückenwind

Sobald Grit und Henri als Figuren so weit etabliert sind, dass es einer Vertiefung der Handlung bedürfte, wechselt Krüger erneut den Kurs und begibt sich zurück in die geheimnisvolle Welt des Waldes. Hier verwischen durch den Konsum giftiger Graubeeren für Johann – und mit ihm für den Zuschauer – die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Einbildung. Mit der Einführung eines weiteren mystisch aufgeladenen Elements zeichnet sich auch die Schwäche des Films ab. Es ist nicht die Gratwanderung zwischen einer konventionellen und einer experimentellen Erzählweise, die Rückenwind mitunter etwas unentschlossen wirken lässt. Vielmehr liegt es an dem Umstand, dass Krüger dafür keine durchgehende Verbindung schafft, sondern die verschiedenen Erzählformen in Abschnitte unterteilt. Auch wenn die Ungewissheit der Reise in Rückenwind zum Konzept des Films gehört, verzeiht man Krüger diesen zweiten Kurswechsel nicht so leicht.

Kommentare


tomcek

der film wäre nicht schlecht. leider sind da ziemlich viele anleihen von gus van sant's "gerry" :-(


Frédéric

... aus denen er aber nicht viel macht. Außer vielleicht die Spannung zwischen den beiden Jungen aufzulösen.


NoName

... fand Rückenwind einfach nur lasch. Für meine Geschmack einfach zu unstetig. Ein loser Zusammenschnitt von irgendwas. So vergleichbar mit abstrakter Malerei. Von Kunstkritikern hoch gelobt, wie unkonventionell, individuell. ...nur spricht mich das Werk überhaupt nicht an. Ich sehe da halt nur diffuses nichtssagendes Gekritztel.
So geht es mir auch mit Rückenwind.
Sämtlich Handlungs- und Spannungsbögen bleiben offen, verlaufen sich im nicht. Ganz toll. Super.
Da ist das was im richtige Leben viel spannender und vorallem ausgegelichen als dieser Film.

'Waking life' fand sehr gut - obwohl dieser Film ohne konkrete Story auskommt, gibt da ein harmonisches Fliesen der Handlung - eine Art Band die den Film zusammenhält.

Die Erotikszenen sind ganz nett, nur fand ich persönlich die 2 nicht sonderlich sympatisch. Aber auch hier wie im ganzen Film fehlt der Punkt. Puff wird da irgendwie in der Mitte reingeschritten und dann an einer noch unpassenderen Stelle Cut/Szenewechsel.
Häh was sollte das jetzt? Alles so neubulös, mysteriös und unentschlossen.


Also vom Kauf der DVD würde ich dringend abraten. Wie schön das jemand den Film auf youTube hochgeladen hat. So kann sich jeder anschauen und sich selbst seine Meinung bilden.

Vorausgesetzt einem ist nicht die Zeit zu schade. Wie ich finde eine rund länger schlafen ist da um einiges aufregender. (Und selbst wenn man nichts träumt, auf alle Fälle erholsamer also 74 Minuten in die 'Röhre' zu gucken.)


Sabine

gebe meinem vorredner völlig recht. was war denn das? eine schöne Stunde Schlaf ist hier sinnvoller!


georgie

Ich hab mir die DVD gekauft in der Hoffnung, damit einen guten und berührenden Film zu sehen. Leider nicht so wie erwartet. Die beiden Hauptcharaktere sind nicht so sympathisch wie erhofft, der junge Henri ist im Vergleich zwar schön, aber dafür schal. Schal wie irgendwie eigentlich alle im Film. Es gibt mehrere Ansätze, aus denen jedoch nie etwas wird. Eben gesehen, hat er mich kaum beeindruckt. Und war auch rein optisch nicht wirklich ein Erlebnis. Frust.

Schade. Ich denk mir, da hätte man viel mehr daraus machen können.






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