RR

Züge von rechts nach links, Züge von oben nach unten und manchmal beides auf einmal. James Benning hat einen Eisenbahnfilm gedreht.

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Züge fahren von Ort zu Ort und durchqueren den Raum. Da sie sich auf festen Schienen bewegen, ist ihre Route exakt vorhersehbar. Die Schienen haben so wenig Kurven wie möglich, und wo solche doch nötig sind, nur stumpfe mit großem Drehradius. Geschwindigkeitsänderungen der Züge sind selten und werden ob der enormen Masse behutsam vorgenommen. An eine Lokomotive hängt man so viele Waggons wie nur möglich und stopft sie voll, bis sie fast platzen.

James Benning hat einen Zugfilm gedreht, der gleichzeitig ein Amerikafilm ist. RR besteht aus 43 starren Aufnahmen von Eisenbahnen – größtenteils Güterzügen –, die in verschiedenen Teilen der USA entstanden sind. Besonders viele stammen aus Kalifornien, aber Benning besucht auch Salzseen in Utah und kleine Ortschaften in Minnesota.

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Die Züge durchqueren nicht nur den Raum, sondern auch die Zeit. Die Einstellungen beginnen mit der Einfahrt des Zuges in das Bild und enden mit der Ausfahrt. Die einzelnen Waggons dienen der Mikrounterteilung. Benning verwandelt Züge in Zeitmarker. Jedes Bild darf nur so lange bestehen, wie darin Eisenbahn vorkommt. Benning lässt sich von der Maschine eine Entscheidung abnehmen, die in seinem Kino von größter Wichtigkeit ist. Die Filme seiner Kalifornien-Trilogie (El Valley Centro, 2000; Sogobi, 2001; Los, 2004) bestanden aus einer Reihe jeweils zweieinhalb Minuten langer Einstellungen, die Segmente der Nachfolgeprojekte Ten Skies (2004) und 13 Lakes (2004) dauerten allesamt zehn Minuten. Die Zugbewegungen entbinden Benning dieser Entscheidung. Stur bestimmen sie selbst, wie lange das Filmbild auf der Leinwand zu sehen ist.

Da die Züge zuerst Stoppuhren sind, wird der Blick frei auf das, was neben den Schienen passiert. Meistens freilich: nicht viel. Ein Baum ist ein Baum ist ein Baum. Schmetterlinge werden zu Akteuren, Autos und Motorboote zu Großereignissen. Für Benning-Verhältnisse ist RR trotzdem äußerst dynamisch, fast hektisch, ein ständiges Rattern und Rollen. Manchmal lässt Benning seine Versuchsanordnung zusätzlich gezielt kollabieren. Was passiert zum Beispiel, wenn ein Zug mitten im Bild stehen bleibt? Oder was ist mit dem Rangierbahnhof? Einmal verlässt ein Zug den Bildausschnitt auf der unteren Seite, taucht dann aber von rechts wieder auf. Wer nicht genau aufpasst und nicht weiß, dass es sich um die Schienenschleife des Tehachapi Loop handelt, kann auf die Idee kommen, es handele sich um einen anderen Zug. In einer weiteren Einstellung fährt gar keine Eisenbahn durchs Bild, dafür aber eine kleine Draisine, die seltsamerweise genauso viel Lärm zu machen scheint wie die großen Güterwagen.

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Letztere Einstellung lenkt die Aufmerksamkeit auf die Tonspur, mit der Benning einiges anstellt in RR. Die Draisine wird vermutlich mit einem Helikoptergeräusch unterfüttert, in anderen Sequenzen tönt es aus unsichtbarer Quelle amerikanisch, mal in Sprach-, mal in Musikform. Da wird beispielsweise die Abschiedsrede Dwight D. Eisenhowers eingespielt oder „Fuck the Police“, N.W.A.s Gangsterrap-Klassiker. Das ist zwar nie plakativ und verkürzt die Bilder nie auf nur eine Lesart, wirkt aber trotzdem manchmal fast ein wenig aufdringlich. Das selbst solche winzigen Gesten der Diskursivierung als irgendwie unzulässige Manipulation erscheinen, macht den besonderen Status von Bennings Filmen deutlich, die in den Bildern selbst und in der Struktur ihrer Anordnung das Wesen des vorfilmischen Raumes zu ergründen suchen.

Dem Amerikafunk korrespondierend tauchen ab und zu US-Flaggen auf, auf den Zügen und einmal auch im Hintergrund. Die westernaffinen Themen Amerika – weite Landschaft – Eisenbahn sind gesetzt, werden aber in keine Richtung ausgeführt. Was die Güterwaggons transportieren und wohin, interessiert den Film nicht. Die meisten Züge scheinen bereits einige Jahrzehnte in Betrieb zu sein. Schienendinosaurier im Land der Autoverrückten. Vielleicht gibt es eine heimliche Affinität zwischen Eisenbahnen und dem guten, alten 16mm-Material, dem Benning, im Gegensatz zu den meisten anderen Experimentalfilmern der Gegenwart, bisher die Treue gehalten hat. RR aber wird wohl – zumindest vorerst – seine letzte Zelluloid-Arbeit sein. Der Umstieg aufs Videoformat ist bereits angekündigt. Nicht nur deswegen ist RR auch ein Film über Nostalgie.

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