Rosie

Alt werden ist nichts für Feiglinge.

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Marcel Gisler war 15 Jahre von der Kinoleinwand verschwunden. Mit seiner frühen „Berlin-Trilogie“ – Tagediebe (TV, 1985), Schlaflose Nächte (1988) und Die blaue Stunde (1992) – hatte sich der junge Regisseur im deutschsprachigen Raum bemerkbar gemacht, mit der in Französisch gedrehten Amour fou De Fögi isch en Souhund (F. est un salaud, 1998) erregte er erstmals die Aufmerksamkeit eines größeren Publikums auf dem Filmfestival von Locarno. Die Entstehung neuer Filme scheiterte unter anderem an mangelnder Förderung durch die eher konservative Schweizer Filmförderung. In der Zwischenzeit tauschte der Ostschweizer den Regiestuhl gegen verschiedene Dozenturen und schrieb als Drehbuchautor für die Fernsehserie Lüthi & Blanc (1999–2007). Nun ist Gisler mit einem sehr persönlichen Projekt zurück, in das viel Autobiografisches eingewoben wurde: Sein neuer Film Rosie ist eine Hommage an die eigene Mutter und macht eine widerborstige Seniorin zum Gravitationszentrum einer Familiengeschichte mit gut gehüteten Geheimnissen.

Mutter und Sohn in der Krise

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Rosie raucht genüsslich Kette und frönt ungeniert schon zum Nachmittagsfernsehen dem Alkohol, ist garstig, aber auch liebevoll, vulgär, störrisch, kokett und verschmitzt – und vor allem lässt sie sich, ihrem fortgeschrittenen Alter ganz unangemessen, den Lebenshunger einfach nicht austreiben. Facettenreich verkörpert wird sie von der bisher nur aus dem Theater bekannten Sibylle Brunner, die für ihre erste Kinorolle gleich mit dem Schweizer Filmpreis 2013 als „Beste Darstellerin“ ausgezeichnet wurde. Brunner füllt die Rosie wahrlich mit Leben – sie strahlt und funkelt aus schelmischen Augen, keift und pöbelt volltrunken, stampft und schreit, ist stark in den lauten, derben Tönen, aber auch den leisen, ernsten, wenn Rosie von Reue oder Traurigkeit erfasst wird, sie zunehmend ihrer fortschreitenden Demenz ausgeliefert ist.

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Und doch ist nicht eigentlich, wie der Titel suggeriert, Rosie die Protagonistin, sondern vielmehr der homosexuelle Schriftstellersohn Lorenz (Fabian Krüger), Gislers Alter Ego. Durch den Schlaganfall der Mutter gezwungen, aus seiner Wahlheimat Berlin ins fremd gewordene Altstätten heimzukehren, muss er sich damit auseinandersetzen, dass Rosie unaufhaltsam zum Pflegefall wird, sich aber fremder Betreuung oder der Unterbringung in einem Heim widersetzt. Während Rosie um Autonomie und Würde ringt, kämpft Lorenz gegen seine eigene Lebens- und Schaffenskrise an und begegnet den Geistern der Vergangenheit. Aber auch die Gegenwart hält neben den Launen seiner widerspenstigen Mutter noch weitere Herausforderungen für ihn bereit, wie den wesentlich jüngeren Mario (Sebastian Ledesma), der sich in Lorenz verliebt hat. In dieser ungleichen Beziehung finden sich Ähnlichkeiten zu De Fögi isch en Souhund, doch die fiebrige, destruktive Leidenschaft zwischen Fögi und Beni ist hier einer abgeklärteren, vorsichtigen Perspektive der Reife gewichen. So ist Rosie ein Film, der das Älterwerden und die damit verbundenen Ängste in verschiedenen Lebensstadien durchexerziert, der die Weigerung, im konventionellen Sinne „erwachsen“ zu werden, einer aufmüpfigen Frau am Lebensabend und des in die Jahre kommenden Künstlers in der Midlife-Crisis parallelisiert und beide als Verlorene zeigt, die sich in ihrer selbst gewählten Einsamkeit verbarrikadiert haben.

Subtile Gesten, fragile Zärtlichkeit

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Das Mutter-Sohn-Tandem harmoniert ausgesprochen gut, der Burgschauspieler Krüger setzt der quirligen, rebellischen Rosie-Figur als Komplement einen intellektuell-unterkühlten Lorenz voller Sanftmut entgegen. Zu den zartesten Szenen des Films gehören jedoch die zwischen Krüger und Ledesma, besonders dann, wenn die Distanz aufbricht, Lorenz hilflos vor der Beharrlichkeit Marios kapituliert und das Machtverhältnis oszilliert. Bemerkenswert ist die natürliche Präsenz Ledesmas, den Gisler vom Germanistikstudium weg engagierte und der als einziger nicht ausgebildeter Schauspieler erstaunlich souverän agiert.

Rosie ist als stilles, eindringliches Kammerspiel inszeniert, in dem der Fokus auf der psychologischen Zeichnung der Figuren und dem feinen Beziehungsgeflecht zwischen ihnen liegt. Gisler lässt seine Theaterdarsteller meist in rustikal-klaustrophobischen Innenräumen kollidieren, die Kamera ist dabei so nah wie eine weitere Person im Raum. Dieser fast ans Dokumentarische grenzende Realismus erzeugt einerseits Intimität, zeigt aber auch so ungeschönt Rosies Verelendung und Verfall, dass es oft fast schmerzt. Die Enge und Beklemmung der Interieurs wird immer wieder in imposante Panoramaaufnahmen des St. Galler Rheintals aufgelöst, die Verlorenheit und Vereinsamung der Figuren im Raum ausagiert. Die Autofahrten von Berlin nach Altstätten rhythmisieren den eigenwillig ruhigen Erzählfluss des Films. Zwischen den geschliffenen Dialogen, die Gisler nach dem französischen Fögi wieder im Originaldialekt sprechen lässt, finden die Figuren aber erst wirklich im Schweigen zueinander. Wenn Mutter und Sohn ohne ein Wort nebeneinander sitzen, Lorenz und Mario sich vorsichtig nahe kommen, Gisler nur in subtilen Gesten und Blicken andeutet, entfaltet der Film eine fragile Zärtlichkeit. Demgegenüber fallen dann leider einige Szenen ab, in denen Rosie erklärend auserzählt. Dies mag eine Nachwirkung von Gislers Tätigkeit als Serienautor sein, kann man aber einem Film gerne verzeihen, der so zielsicher zwischen Tragik und Komik balanciert und durch sein vortreffliches Ensemble besticht.

Trailer zu „Rosie“


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