Rosenhügel

Aus der Perspektive zweier Kinder schildert Rosenhügel das Ungarn aus der Zeit des Volksaufstandes von 1956. Kammerspielartig versucht er, das große politische Drama als das zu zeigen, was es zuallererst ist: eine Tragödie des Einzelnen. Leider können diese Stärken des Filmes seine Schwächen vor allem der Figurenzeichnung nicht ganz verdecken. Dennoch ist der Regisseurin ein Film gelungen, der einen interessanten Einblick in die ungarische Geschichte bietet.

Rosenhügel

Ungarn 1956. In dem Garten einer ehemals sehr prächtigen und jetzt schon etwas zerfallenen Villa verfärbt sich langsam das Laub der Bäume. Der Herbst beginnt. Hier lebt Gabor Palfí (Péter Andorai), ein hoher Funktionär der kommunistischen Partei, mit seiner jungen Frau Teresa (Erika Maroszán) und seinen Kindern, der 10-jährigen Panka (Naomi Rósza) und dem 6-jährigen Mischka (Àbel Fekete). Durch die Augen dieser Kinder erzählt Mari Cantus Film zunächst seine Geschichte. Autoren bedienen sich gerne dieses Stilmittels und wählen Kinder als Hauptfiguren, die das Geschehen in ihrem Erleben reflektieren. Die ungarische Regisseurin, die 1980 nach Berlin (West) ging, übernimmt in ihrem Film Rosenhügel (Rózsadomb) die Sicht der Kinder aber nicht vollständig, sondern versucht, eine Art personaler Erzählsituation zu schaffen. Würden die Kinder tatsächlich selbst erzählen, könnten wir als Zuschauer nicht alles verstehen, weil vielleicht entscheidende Details in der Erzählung ausgelassen wären. Die Kinder in Rosenhügel aber agieren, sie sind Teil der Erzählung und so erfahren wir auch die Details, mit denen die Kinder nichts anfangen können. Da fischen die beiden etwa aus der Post des Vaters einen Brief, weil ihnen die ausländischen Marken so gefallen. Sie versuchen auch den Brief zu lesen, verstehen jedoch kein Wort. Der Zuschauer aber weiß genau, was in diesem Brief steht, der aus Israel kommt und in dem von der armen Lolo, von einem Transport, von Auschwitz die Rede ist.

Rosenhügel

Sie beobachten ihren Vater auch bei der Arbeit: Der Parteifunktionär diktiert hier eine Rede, in der – in den üblichen Phrasen des Kaderkommunismus – die Einheit von Arbeiter- und Bauernklasse beschworen wird. Was kann sich ein 10-jähriges Mädchen wie Panka darunter vorstellen? Sie sieht adrett gekleidete Arbeiter und in traditionelle ungarische Trachten gehüllte Bauern aufeinander zugehen, sich wie aus heiterem Himmel umarmen, die Hüte schwenken und feiern. Die Szene, die sich das Mädchen so naiv vorstellt, ist grotesk – sie entspricht im Prinzip aber genau der Formulierung des Vaters, unter der sich eben auch Erwachsene nichts vorstellen konnten.

Leider sind Szenen wie diese, in der durch die kind(l)ische Komik ein ganzes Staatssystem entlarvt wird, nicht nur selten in Rosenhügel, sie sind auch fast nur in der ersten Hälfte des Filmes zu sehen. Die Erzählung führt immer weiter weg von der Komik, um schließlich in der Dramatik des ungarischen Volksaufstandes zu münden. Dieser jedoch wird – in einer Art filmischer Mauerschau – nur angedeutet. Ein russischer Panzer, der sich vor der Villa der Palfís aufbaut, steht als Symbol zugleich für dessen Ausbruch als auch seiner militärischen Unterdrückung. Die Mutter der Kinder, die sich gerade auf ihre Prüfung an der Parteischule vorbereitet und fleißig die Marxsche Werttheorie paukt, begrüßt die „Freunde“ mit tatsächlich ehrlich gemeinter Begeisterung. Der Panzersoldat aber kann das nicht glauben, und lässt sicherheitshalber erst eines der Kinder von dem ihm angebotenen Kuchen essen.

Rosenhügel

Mit dem Aufstand werden zugleich die Figuren der Mutter und des Vaters zu den Zentren der Handlung. Leider sind sie etwas zu holzschnittartig entworfen: sie die platt-idealistische und spießig-kleinbürgerliche Kommunistin – er der ehrlich-idealistische und bildungsbürgerliche (Wagner hörende!) Kommunist. Dennoch bleibt es interessant zu beobachten – der Zuschauer nimmt jetzt fast die Stelle der Kinder ein –, wie die Reaktionen Teresas und Gabors auf den Aufstand sind. Gabor, der seine Fehler und die Irrwege der Partei erkennt und für die Veränderung eintritt, ist während des Aufstandes in Budapest und unterstützt dort offensichtlich die Revolte. Er wird später vom Geheimdienst gesucht, bedroht und schließlich in die Isolation gedrängt. Die aus einfachen Verhältnissen stammende Möchtegern-Intellektuelle Teresa trägt den Kommunismus weiter wie eine Flagge vor sich her – ohne zu wissen, was sie eigentlich vertritt und wem sie das Wort redet. Sie ahnt auch gar nicht, in welchen Schwierigkeiten ihr Mann steckt, der für die Partei ein Dissident ist, und versteht nicht, weshalb er jetzt plötzlich nicht mehr Funktionär sein kann – dies zuallererst, da ihr die Privilegien fehlen und ihre Haushälterin.

Mari Cantu ist es in ihrem Film gelungen, auf kleinstem Raum das Drama einer Familie zu erzählen, das zugleich das Drama des gesamten Ostblocks war. Das Konkrete der Figurenzeichnung (der geläuterte Kommunist, die naive Kommunistin, die natürlich-neugierigen Kinder) nimmt aber der Geschichte mitunter etwas von dem – vor allem zu Anfang über die Kinder vermittelten – märchenhaften, mythischen Ton, der das Gespenstische des Geschehens auf einer poetischen Ebene reflektierte. Denn die Kinder halten schon zu Anfang dieses Gespenst, das umgeht in Europa, für keinen guten Geist.

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