Room 237

Es ist was faul im Overlook Hotel. Ein Filmklassiker als Rohmaterial für kultivierte Spinnereien.

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Ein Film erzählt oft mehr, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Sogar im Mainstreamkino, wo alles möglichst leicht verständlich sein soll, gehört ein Subtext zum guten Ton einer Geschichte. Wenn Taylor Hackfords Ein Offizier und Gentleman (An Officer and a Gentleman, 1982) etwa davon handelt, dass ein orientierungsloser junger Mann von seinem militärischen Ausbilder auf den rechten Weg gebracht wird, geht es doch eigentlich darum zu zeigen, dass die US Army für den Nachwuchs die perfekte Schule des Lebens ist. Es gibt jedoch auch Interpretationen, die erst im Nachhinein, vermutlich unabhängig von den Absichten der Macher, entstanden sind. In Sleep With Me (1994) gibt Quentin Tarantino seine prominente Theorie zum Besten, Top Gun (1986) erzähle eigentlich eine schwule Liebesgeschichte. Und dann gibt es auch noch Leute, die behaupten, Stanley Kubricks Shining (The Shining, 1980) handle nur oberflächlich von einem ehemaligen Alkoholiker und gescheiterten Vater, der seiner Familie mit der Axt ans Leder will. In Wahrheit gehe es darin nämlich um den Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern.

Ein Film als Vergangenheitsbewältigung

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Es ist unglaublich, wie viele Theorien es zu Kubricks einzigem Horrorfilm gibt. Rodney Asher versammelt in Room 237 einige von ihnen und huldigt damit auch Shining, vor allem aber der grenzenlosen Fantasie des Menschen. Die Form, die er dafür wählt, lässt sich zwar am ehesten als Dokumentation beschreiben, geht tatsächlich aber weit darüber hinaus. Shining ist für Asher nicht der unverrückbare Mittelpunkt, sondern eher Ausgangspunkt für eine von Assoziationen und Abschweifungen geleitete Reise durch jene Vieldeutigkeiten, die automatisch in jeden Film eingeschrieben sind und die sich, einem Ungeheuer gleich, nicht einmal von einem Pedanten wie Stanley Kubrick bändigen lassen. Fünf Männer und eine Frau werden von Asher befragt, und jeder von ihnen hat seine eigene Interpretation. Manche sind dabei nachvollziehbarer als andere. Die wahrscheinlich abenteuerlichste Theorie besagt etwa, dass Shining Kubricks Verarbeitung eines persönlichen Traumas ist. Der Film handle von der Schuld, die der Regisseur auf sich geladen habe, nachdem er angeblich bei den gefälschten Nachrichtenaufnahmen der Apollo-11-Mondlandung mitgewirkt habe.

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Ashers Gesprächspartner sind ohne Frage richtige Nerds, die ihre Verschwörungstheorien seit Jahrzehnten kultivieren. Als obsessive Liebhaber eines Werks, das fast jeder kennt, sind sie aber deshalb auch in der Lage, neue Perspektiven auf einen vertrauten Gegenstand zu bieten. Der Film zollt ihnen dafür Respekt. Er führt sie nicht vor, sondern lässt sich geduldig auf ihre Ausführungen ein. Als ginge es um eine Art filmischer Ermittlungsarbeit, reiht er Beweise aneinander, lenkt mit Zooms und Zeitlupen auf scheinbar Unwichtiges und bringt uns dazu, abgehobene Theorien plötzlich gar nicht mehr so abgehoben zu finden. Einen Anschlussfehler als Absicht des Regisseurs anzupreisen ist schon ein gewagtes Unterfangen. Asher gelingt es aber, uns auch mit einer eigentlich abwegigen Deutung zu fesseln.

Verschwörungstheorien, die sich gegenseitig befruchten

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Room 237 ist ein spannendes Gedankenspiel, das sich Shining ebenso wenig verpflichtet fühlt wie der Wirklichkeit. Denn selbst das Dokumentarische wird bei Asher zur Fiktion. Statt Talking Heads sind lediglich Ausschnitte aus Kubricks Oeuvre, aber auch einigen anderen Horrorfilmen zu sehen und die Interviewten nur als Stimmen der Weisheit zu hören. Selbst wenn eine Anekdote aus dem richtigen Leben erzählt wird, illustriert das Asher mit einer Filmszene. Als einer der Gesprächspartner von seiner ersten Begegnung mit dem Film erzählt, wird etwa eine Szene aus Kubricks Eyes Wide Shut (1999) gezeigt, in der Tom Cruise ein Kino besucht. Interessant ist aber auch, wie sich während des Films zunehmend der Blick auf Shining verändert. Die Theorien bereichern nicht nur den Gegenstand um weitere Aspekte, sie befruchten sich auch gegenseitig. Geht es etwa um das „unmögliche“ Fenster während Jack Nicholsons Vorstellungsgespräch, hat man als Zuschauer noch eine frühere, sexuelle Interpretation derselben Szene im Hinterkopf.

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Es gibt eine Folge der Fernsehserie South Park (seit 1997), in der die vier Jungs George Lucas eine Lektion darüber erteilen, dass ein Film nach seiner Fertigstellung nicht mehr dem Regisseur oder den Produzenten gehöre, sondern der Öffentlichkeit. Er führt gewissermaßen ein Eigenleben und generiert Bedeutungen, unabhängig von den Intentionen seiner Macher. George Lucas ist nicht der Einzige, der über diesen Umstand nicht erfreut ist. Sony und die Kubrick-Erben distanzieren sich im Vorspann von Room 237 explizit von dem Film und den wilden Interpretationen, die er feiert. In der Tat zeigt Asher sehr eindrücklich, wie sich Zuschauer ein Kulturgut aneignen. Film, lernen wir hier, kann eben nicht nur Kunst und/oder Unterhaltung sein, sondern auch das Rohmaterial für unsere ganz persönlichen Spinnereien.

Trailer zu „Room 237“


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