Rohtenburg

Der erste Spielfilm über den Fall des „Kannibalen von Rotenburg“, Armin Meiwes, stellt sich als spannendes Psychogramm dar, bietet aber nur mäßig spannende Thrillerkost.

Rohtenburg

Im März 2001 kastrierte und tötete Armin Meiwes den Ingenieur Bernd-Jürgen Brandes – angeblich auf dessen ausdrücklichen Wunsch hin. Anschließend zerlegte er die Leiche. Die Tat filmte er fast vollständig. Über mehrere Wochen verzehrte er Teile von Brandes. 2004 wurde Meiwes zu achteinhalb Jahren Haft wegen Totschlages verurteilt. Zurzeit steht er erneut vor Gericht. Dieses Mal könnte der „Kannibale von Rotenburg“ wegen Mordes lebenslang ins Gefängnis kommen. Martin Weisz hat den Fall um Meiwes und Brandes in seinem Spielfilmregiedebüt Rohtenburg verarbeitet.

Die Vorgeschichte der Tat und das Verbrechen selbst werden darin in eine fiktive Rahmenhandlung eingebettet. Die amerikanische Kriminalpsychologiestudentin Katie Armstrong (Keri Russell) möchte im Rahmen ihrer Abschlussarbeit herausfinden, warum Oliver Hartwin (Thomas Kretschmann), der Armin Meiwes nachempfunden wurde, seine grausame Tat beging. In Deutschland recherchiert sie vor Ort und entwickelt allmählich eine morbide Obsession für den Fall. Dieser Handlungsstrang wechselt sich regelmäßig mit Rückblenden ab, in denen der Film wichtige Stationen im Leben Hartwins und seines Opfers Simon Grobeck (Thomas Huber) sowie das Verbrechen selbst nachstellt. Rohtenburg orientiert sich eng an den Erkenntnissen aus dem ersten Prozess gegen Meiwes, vor allem, was den Ablauf der „Tötung auf Verlangen“ – oder des Mordes? – angeht. Die filmische Darstellung vom ersten Treffen zwischen Opfer und Täter bis hin zur Ausweidung Grobecks entspricht der Beweislage, wenn man von einigen dramaturgischen Kniffen absieht, wie etwa, als Hartwin Grobeck erzählt, dass ihr gemeinsamer Schatten wie ein Schmetterling aussieht (daher der englische Arbeitstitel Butterfly).

Rohtenburg

Während bei der Aufarbeitung des realen Falles Ratlosigkeit über die Beweggründe von Täter und Opfer, ihre perverse Symbiose einzugehen, herrscht, erklärt Rohtenburg diese auf relativ simple Weise mit deren gestörten Familienverhältnissen. Hartwin kann sich selbst als erwachsener Mann nicht von seiner dominanten Mutter lösen, nachdem der Vater die Familie in seiner Kindheit verlassen hat. Schon früh entwickelt der Außenseiter ein Faible für Gewaltfantasien, das sich mit zunehmendem Alter immer mehr steigert. Der Film weicht dabei in einem Aspekt von Meiwes’ Aussagen vor Gericht ab, denn er impliziert eine Schizophrenie des Täters. Hartwin hat einen fiktiven Freund – einen unheimlichen kleinen Jungen, der seine sich anbahnende Vorliebe für Ausweidungen teilt. Dramaturgisch funktioniert dieser Charakter als Verkörperung des wachsenden Bösen in einem unschuldigen Jungen recht gut.

Auch Simon Grobecks sexuelle Störung wird auf ein Kindheitstrauma zurückgeführt: Dieser gibt sich seit seiner Kindheit die Schuld am Suizid der Mutter, die ihn beim „Doktorspielen“ mit einem anderen Jungen erwischt hatte. Als Erwachsener lebt er in einer oberflächlich glücklichen Beziehung mit seinem Freund Karl (Nils Dommning), ist jedoch von der sexuellen Perversion besessen, sich das Geschlechtsteil abbeißen zu lassen und dieses zu essen. Um die Authentizität der prägenden Kindheitserlebnisse Hartwins und Grobecks zu suggerieren, bedient sich Regisseur Martin Weisz mehrmals eines Schmalfilmformats. Die Szenen, in denen dieses zum Einsatz kommt, implizieren deren Wichtigkeit im Erklärungsansatz von Rohtenburg.

Rohtenburg

Zur Erhöhung der Spannung greift Weisz auf Anleihen aus dem Horrorgenre zurück. Beispielsweise offenbart Hartwins imaginärer Freund in einer Szene einen Mund voller spitzer Fangzähne. In einer anderen hört Katie Armstrong, als sie sich im Haus der Hartwins umsieht, unheimliche Geräusche, die den Zuschauer unweigerlich an die im Keller des Hauses ertrunkene Mutter denken lassen. Prompt fällt die Studentin in der nächsten Szene die Kellertreppe herunter und landet im dunklen Wasser. Solche Versuche, den Adrenalinspiegel nach oben zu jagen, sind allerdings zu unoriginell, um für mehr als einen leichten Schauer zu sorgen.

Splatterszenen hätten einen eindeutigen Stilbruch bedeutet, denn Rohtenburg versteht sich in erster Linie als Psychothriller, der den Zuschauer auf subtile Weise das Gruseln lehren will. Die Gewaltdarstellung bleibt daher moderat. Die blutigste Szene des Films ist die, in der Hartwin Grobeck den Penis abbeißt, diesen zubereitet und ein Stück davon seinem Opfer zum Essen gibt, bevor er selbst das andere Stück verzehrt. Die endgültige Tötung und Ausweidung Grobecks dagegen wird visuell fast gar nicht dargestellt.

Rohtenburg

Thomas Kretschmann und Thomas Huber verkörpern ihre Rollen glaubwürdig und tragen mit ihrem intensiven Spiel zur beklemmenden Grundstimmung von Rohtenburg bei. Diese wird leider immer wieder durch den belanglosen Erzählstrang um Katie Armstrong gestört. Die Studentin fährt im Land herum, knipst Fotos und schwadroniert über die Motivation des Täters, doch der Grund für ihre Besessenheit mit dem Thema bleibt unklar. Der gesamte Erzählfaden um Armstrong wirkt wie ein krampfhafter Versuch, die Geschichte um zwei homosexuelle Männer mit einem weiblichen Gegenpol zu versehen. Und dabei bleibt leider viel Spannung auf der Strecke.

Trailer zu „Rohtenburg“


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