Rockabilly Requiem

Weniger Poparchäologie als schwermütiger Blick in die BRD-Provinz zur Zeit der geistig-moralischen Wende. Till Müller-Erdenborns Spielfilmdebüt zeigt zwei junge Männer, die sich an ihren Alptraumvätern abzappeln.

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Die frühen 1980er standen den 1950ern sehr nahe. Wie diese waren sie von einem restaurativen Zeitgeist durchweht – dort der Wirtschaftswunderjahre, hier der Reagan-Thatcher-Kohl-Dämmerung –, und wie als Reaktion darauf gab es eine musikalische Retrowelle, die mir noch aus meinen ersten „Bravos“ in Erinnerung ist, in denen, neben NDW und New Romantic, Bands wie die Stray Cats und Elvis-Klon Shakin’ Stevens gefeiert wurden.

Einen Blick in die bundesrepublikanische Provinz jener Zeit wirft Till Müller-Erdenborns Spielfilmdebüt. Doch auch wenn hier Jugendliche im südstaatenflaggenlackierten Opel über die Landstraßen flitzen, mit „Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll!“-Gegröle die Anwohnerschaft rund um die Kleinstadtdisco aufwecken und mit stilgerechten Tollen vom Durchbruch ihrer Band träumen: Rockabilly Requiem ist kein Gegenstück zu Oskar Roehlers Tod den Hippies!! Es lebe der Punk (2012), das Primärinteresse kein poparchäologisches, es geht, trotz ebenfalls biografischen Backgrounds, nicht darum, das eigene Dabeigewesensein in einer historischen Ära zu zelebrieren, sondern das Gefangensein in einer bedrückenden Zeit zu betrauern: Beim Titel liegt die Betonung auf dem zweiten Wort.

Wehmütiger Grundton von Anbeginn

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Der Plot beginnt noch wie ein Aufbruch – der junge Sebastian (Sebastian Tiede) möchte Teil der Gang seines Idols Hubertus (Ben Münchow) werden –, doch der Grundton ist von Anbeginn wehmütig. Im Soundtrack dominiert Getragenes, und nicht nur als Voice-over-Erzähler spricht Sebastian von den alten Zeiten, auch als Filmfigur schaut er schon betrübt auf letztes Jahr im Sommer, als mit love interest Debbie (Ruby Ol. Fee) für einen Tag noch alles rund lief. Und Hubertus’ vermeintliche Coolness hält schon einem längeren ersten Blick in Ben Münchows weiches, bald blutverschmiertes Gesicht kaum stand.

Rockabilly Requiem zeigt zwei junge Männer im Kampf gegen ihre destruktiven Väter, die zwei auf je eigene Weise dysfunktionale Familien in den Abgrund treiben. Der eine Trinker und Tunichtgut auf Gelegenheitsbesuch und im Unterhaltsrückstand, der andere autoritärer Charakter wie aus dem Lehrbuch, mit Faible für Militär, Prügelstrafe und gepflegte Vorgärten und mit beiden Beinen auf deutschem Boden, von Drehbuch wie von Schauspieler Alexander Hauff durch und durch böse angelegt und mit nichts anderem im Sinn, als den Sohn zu brechen. Zwei ihren Gatten ergebene Mütter – die eine lässt sich zu Sauftouren überreden und die Kinder zum Kummer der Oma im Stich, die andere hat der jähzornigen Witzfigur von Ehemann nichts entgegenzusetzen als verschreckt-panische Blicke – tragen ihren Part zu den arg holzschnittartig gegeneinandergestellten Sippen bei.

Das Schwierige ist das Wegbleiben danach

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Und der Nachwuchs? Steht mit unterdrückter Wut im Regen und trinkt Bier. Trotz des Namens klingt nicht nur die Musik ihrer Band „Rebels“ ausgebremst, in ihren Rebellionsversuchen kommen Sebastian und Hubertus kaum über Fluchtimpulse und Widerstandsposen hinaus, von Dauer sind nur die Tattoos, die Debbies Onkel ihnen verpasst (und dabei Figuren und Zuschauer vorsorglich über das frühere Knastbruder-Image des Hautschmucks informiert). Das Ausgebremste ist hier noch Programm, der Spruch „Das Schwierige ist nicht das Abhauen, sondern das Wegbleiben danach“ eben das Leitmotiv, und gerade Hubertus tut alles, um in die vom Vater vorgesehene Versagerrolle immer wieder zurückzufallen, etwa wenn er die erste große Chance seiner Band aufgrund einer blöden Datumsverwechslung platzen lässt. Ben Münchow kann durchaus glaubhaft verkaufen, dass sich der muskelbepackte junge Mann vom Nazivater-Hänfling widerstandslos verprügeln lässt.

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Zum Verhängnis wird dem Film aber seine fast schon kuriose Überdeterminiertheit. Wenn die Figuren steife Sätze wie etwa „Weißt du eigentlich, wie schön du bist?“ oder „In diesem Haus gibt es kein Vergessen“ aufsagen, klingt das so seltsam nachgesprochen und uneigentlich, dass die „Bug or Feature“-Frage für mich bis zuletzt nicht ganz geklärt war. Ermüdend ist, dass die Figuren immer wieder erklären, was sie gerade tun, und gänzlich überflüssig ist Sebastians Voice-over-Narration, die nur in Worte fasst, was man ohnehin schon sieht – am Ende noch unterstützt durch eine Erinnerungsmontage, die nur zeigt, was man noch präsent hat. Überdeutliche Symboliken (Vogelschwärme, Freiheitsdrang und so; aber auch ein ausgestopfter Vogel auf dem väterlichen Schreibtisch) tun ihr übriges.

Luftabschnürende Sicherheitsnetze

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Merkwürdig ist, wie wenig die Filmemacher ihrem bildgestalterischen und poetischen Gespür zu trauen scheinen, das ja sichtbar wird, sobald die Figuren die akkurat ausgestatteten Szenepinten und Spießbürgerwohnzimmer einmal verlassen. Etwa wenn Sebastian beim Spaziergang durch den lichtdurchfluteten Wald eine riesige baufällige Lagerhalle als Bandproberaum ausfindig macht und dort eine traumartige Begegnung mit seinem Vater hat, wenn die drei Protagonisten auf einer alten Eisenbahnbrücke überm See eine Mutprobe machen oder sich vor einer baufälligen Mauer in ein Autokino imaginieren.

Man wüsste ob solcher schönen Momente gerne, auf welchen Wegen so viele luftabschnürende Sicherheitsnetze in einen Film geraten. Die Beziehung beider Jungs zur New-Wave-Braut Debbie markiert vielleicht am deutlichsten den Punkt, an dem die Zaghaftigkeit der Figuren in die Mutlosigkeit der Inszenierung umspringt. Denn so sympathisch die Idee ist, den anfangs angedeuteten Hahnenkampf in eine offenbar einvernehmliche Dreiecksbeziehung zu überführen, mit dem Mädchen als treibender Kraft: Über unschuldiges Händchenhalten kommen die drei nicht hinaus.

Trailer zu „Rockabilly Requiem“


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