Robin Hood

Ridley Scott schreibt mit der Vorgeschichte Robin Hoods das Epos seiner Helden weiter.

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Um Haaresbreite stünde hier wohl eine Kritik zu Gladiator, Teil 2. Denn nicht wenige werden das Filmplakat zu Ridley Scotts Robin Hood erst auf den zweiten Blick richtig eingeordnet haben: Gleicher Regisseur, gleicher Hauptdarsteller, gleiche Frisur, gleiche Farben, und der gleiche Ausdruck im todernsten Gesicht, umrandet vom gleichen verwegenen Fünftagebart. Allerdings: Nick Caves Drehbuch zu Gladiator 2 versank mitsamt psychedelischer Götterthematik im Orkus Hollywoods und Scott sprang über zu einem alternativen Stoff. Der musste jedoch erstmal radikal umgeschrieben werden, um ein funktionierendes Heldenepos rund um einen durchaus ambivalenten Charakter zu zimmern. Aus einem Script mit Namen Nottingham, das die Figur des berüchtigten Sheriffs in den Mittelpunkt stellen wollte, konstruierte sein Schreibteam ein auf vertraute Weise funktionierendes historisches Schlachtendrama, das um die Auseinandersetzung des ehrenhaften Ausgestoßenen mit einer tyrannischen Weltordnung kreist.

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Aber wer hätte das gedacht: vor dem Hintergrund der ewigen Weltwirtschaftskrise offenbart der Hood–Stoff eine weithin deutungsoffene politische Virulenz. Unter dem Diktat des machtverliebten und verschwenderischen Königs John steigen die Steuerabgaben des englischen Volkes nach Richard Löwenherzes zehnjährigem Kreuzzugsabenteuer ins Unermessliche, die Leidtragenden sind, wie so oft, die ärmsten der Armen. Die herrschende Klasse füttert ihre statusbildenden Gelüste nach Ruhm und Prunk auf Pump. Ob durch Kriegssperenzien oder funkelndes Gehänge: die Kassen sind leer, der Staat bankrott. Griechische Verhältnisse in Britannien!

Scott wirft sich mit dem Verve eines echten Husaren in die historische Thematik, verquickt aufklärerisches Gedankengut mit mittelalterlicher Hemdsärmeligkeit und ist damit in Großbritannien natürlich genau am richtigen Ort. Keine europäische Gesellschaft kann auf eine längere demokratische Tradition zurückblicken, hat eine an Volkserhebungen und Bürgerkriegen ähnlich reiche Geschichte. Und mit Shakespeare natürlich auch jenen Dramatiker, der effektiv wie kein zweiter anhand historischer Stoffe die gedanklichen und philosophischen Umstände seiner Zeit zu reflektieren wusste.

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Dieses Spiel mit Zeiten und Denkarten treibt zuweilen die eigenartigsten Blüten bis hin zum gewagten optischen Zitat. Wenn etwa das französische Invasionsheer an der Küste Südenglands mit hölzernen Vorläufern jener Landungsboote heranbraust, die von den Alliierten beim Sturm auf die Normandie eingesetzt und von Spielberg so denkwürdig in Der Soldat James Ryan (Saving Private Ryan, 1998) in Szene gesetzt wurden, ist der V-Effekt quasi vorgebucht. Scott zitiert Spielberg sogar bis hin zu einzelnen Einstellungen, wenn eine tief über der Brandung gleitende Kamera die hart ins Wasser schlagenden Luken abfährt und damit den Rhythmus der nahenden Schlacht einleitet. D-Day à l’envers, sozusagen.

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Dann liefern sich König und Fürsten ein geradezu schillersches Rededuell, in dem Russell Crowe fern jedweder historischer Akkuratesse den Marquis von Posa mimt. Er fordert Demokratie, Partizipation und die Verbrüderung von König und Volk: „Der König, der sein Volk achtet, wird geliebt.“ Und so handeln sie einen Deal aus, Gefolgschaft des Volkes gegen die französische Invasion für des Königs Unterschrift unter einer Deklaration der Menschenrechte. Klassisches politisches Drama ist das, die Worte Posas hallen wider: „Gehn Sie Europens Königen voran. / Ein Federzug von dieser Hand, und neu / Erschaffen wird die Erde. Geben Sie / Gedankenfreiheit - “ Allein: Der Abgrund des radikalen Aufklärers Posa begegnet uns im durchweg positiv gesetzten Hood nicht, und der König wird nicht Wort halten am Ende. Wie sein antiker Vorgänger Commodus neidet er den Gemeinen Hood um dessen Verehrung durch das Volk und erklärt ihn daraufhin für vogelfrei. Das Ende hier ist der Ausgangspunkt des klassischen Hood-Mythos: der Dieb mit seinen Mannen im Wald, der von den Reichen stiehlt und den Armen gibt. Diesmal stellen Scott und Crowe sicher, dass ein Sequel machbar ist.

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Doch der politische Diskurs ist durchzogen von einem unerquicklichen Anti-Europäismus, Pro-Nationalismus; Einheit und Stärke des englischen Volkes wird gefeiert gegen den Zugriff des Festlandes. Ausgerechnet vor dem Hintergrund solch martialischen Kriegsgebärdens tritt das wirkliche Highlight dieses Robin Hoods zutage: Cate Blanchett als Lady Marian. Wie sie den stinkenden Crowe seines Kettenhemdes entkleidet, das er selbst nicht ausgezogen bekommt, in das er eingezwängt ist wie überhaupt in die Ideologie des männlich-starken Beschützers, ist ein Baustein von vielen in der Konstruktion einer ernsthaft eigenständigen Frauenfigur. Hier beweist Scott einmal mehr, dass er starke Frauen schätzt, lässt Blanchett Pointen und Witze reißen, die ihr auch rhetorisch Macht verleihen, und gönnt ihr sogar den maximalen Erfüllungsmoment des Kriegsfilmes: das Heldenopfer auf dem Schlachtfeld.

Ansonsten bekommt man vor allen Dingen Altvertrautes: Scotts Farbpalette, oder besser die Absenz einer solchen, fängt mittlerweile an zu langweilen. Die ewig gleiche stählern-bläuliche Düsternis, die entsättigten Farben, das weit gefächerte Spiel mit den Kontrasten. Die Schlachten, die eigenartig unspannend ablaufen, weil nie der Sieg unserer Sympathieträger ernsthaft in Frage zu stehen scheint, sind dabei Panoramen all der lieb gewonnenen artistischen Kunststückchen eines zünftigen Schwert- und Bogengemetzels: Pfeilhagel auf Schildkrötentaktik, Axtwurf in Kopf von Pferd, Sprung von Pferd auf Gegner, Schwert geworfen durch Kehle... Und am Rande steht einmal mehr ein geistesgegenwärtiger Zulieferer, der dem gallopierenden Helden kurz bevor es losgeht noch die Waffe in die Hand wirft. Der Alley-Hoop des Mittelalters. Als dann am Ende die Kamera frei von Schwerkraft mit der Pfeilspitze hoch über Strand und Felsen bis in die Kehle des Bösewichtes donnert, weiß man, dass hier trotz netten politischen Überbaus konservativ-altbackenes Kino zu bestaunen ist.

Trailer zu „Robin Hood“


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Kommentare


Lara

Ich habe mir gestern die Vorpremiere angesehen!Ich war einfach begeistert.Und Cate Blanchett hat sich mal wieder selbst übertroffen!!


Julia

Die Geschichte von Robin Hood hat mich immer berührt. Den Film will ich mir unbedingt ansehen. Es lohnt sich bestimmt um Russell Crowe und Cate Blanchett wieder auf dem Bildschirm zu sehen.


Peter

Ich war gestern in dem Film, und muss leider feststellen, dass er mich nicht gefesselt hat. In erster Linie fehlt es dem Film an Humor. Zweitens reißt mich auch die Handlung nicht wirklich aus den Socken. Und das wirklich ärgerlichste ist die in den Schlachten ständig wackelnde Kameraführung, viel zu schnelle Schnitte, mir wird davon regelrecht schlecht. Für mich ist dieser Film eine Enttäuschung.






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