Robert Altman’s Last Radio Show

Der letzte Film des 2006 verstorbenen großen Regisseurs Robert Altman besingt die Schönheit des Erzählens am Beispiel eines nur scheinbar untergehenden Mediums.

Robert Altman’s Last Radio Show

Es fällt zuweilen schwer, Robert Altmans letzten Film nicht als altersmildes Werk eines Regisseurs zu sehen, der seinen baldigen Tod schon kommen sah: Nach dem Tod eines älteren Mannes sagt der wieder und wieder durch die Handlung streichende Engel zu der Frau, die den Leichnam findet: „There is no tragedy in the death of an old man. Forgive him his shortcomings, and thank him for all his love and care.“

Aber auch wenn sich in Robert Altmans A Prairie Home Companion alles um Ende, Abschied und Sterben zu drehen scheint, tut man dem Film doch unrecht, wenn man ihn nur als Abschiedskonzert eines großen Regisseurs verstehen will. Zwar lässt der deutsche Verleihtitel Robert Altman’s Last Radio Show die Grenzen zwischen dem Regisseur und seinem Film so ineinander verschwimmen, dass nicht mehr klar wird, ob der Film von einer letzten Radiosendung handelt oder der Titel die letzte Radiosendung des Regisseurs meint – aber dieses Problem ist eines, dass erst dadurch entsteht, dass Robert Altman inzwischen, am 20. November 2006, verstorben ist, und in Deutschland auch die eigentlich titelgebende Radiosendung „A Prairie Home Companion“ völlig unbekannt ist.

„A Prairie Home Companion“ wird in den USA seit Mitte der 1970er Jahre ausgestrahlt, eine Liveshow, die ihrerseits ironisch mit den Figuren traditioneller amerikanischer Radiosendungen spielt – einem Möchtegern-Privatdetektiv, singenden Cowboys und dergleichen mehr. Begründer und Protagonist der Sendung ist Garrison Keillor, der aus den Figuren dieser Sendung das Drehbuch zu Altmans Film gemacht hat und sich als „GK“ auch gleich selbst spielt: als Conférencier und Hauptfigur der Radiosendung.

Robert Altman’s Last Radio Show

Es wird die letzte Vorstellung sein, denn das Theater, in dem die Show seit Jahren vor Publikum auf Sendung geht, soll abgerissen werden, und die Kamera folgt den unterschiedlichen Charakteren bei ihren letzten Auftritten: dem singenden Schwesterpaar Yolanda und Rhonda Johnson (Meryl Streep und Lily Tomlin), den Cowboys Dusty und Lefty (Woody Harrelson, John C. Reilly) und zahlreichen anderen.

Altman hat also wieder einen Ensemblefilm gedreht: Neben den genannten Schauspielern haben noch Kevin Kline, Virginia Madsen, Tommy Lee Jones und Lindsay Lohan größere Auftritte – und das sind nur die bekannten Namen. Zugleich ist es, auch das ist für Altmans Oeuvre nicht ungewöhnlich, ein Film, dessen mäandernde Struktur sich den klassischen Erzählprinzipien, dem Zwang zu Spannung und Dramatik widersetzt, oder genauer: sie einfach links liegen lässt.

Der eingangs erwähnte Todesfall eines Veteranen der Sendung (L.Q. Jones) wird von Altman keineswegs emotional aufgeladen und dann für seine Zwecke gemolken: Er wird wie nebenbei erzählt, ein weiteres Element dieser Geschichte neben all den Gesprächsfetzen und Gesangsnummern, die auf und hinter der Bühne zu sehen und zu hören sind.

Robert Altman’s Last Radio Show

Altman wechselt immer wieder zwischen seinen Figuren, er gibt keiner Person so viel Raum, dass sie die Handlung dominieren könnte und doch allen genug, dass sie sich entfalten. Dass ihm dies gelingt, liegt natürlich insbesondere an den herausragenden Schauspielern, die er (auch hier: wieder) für seinen Film versammeln konnte. Streep und Tomlin etwa erwecken in ihren Gesprächen die Johnson-Schwestern ebenso zu Leben wie ihre ganze Vor- und Familiengeschichte; es wird spürbar, wie Denken und Reden der Schwestern ineinander greift wie die Zähne gut geölter Zahnräder – und wie sich, das sieht man ihrer Mimik immer wieder an, in die Beziehung der Schwestern doch reichlich Rost und Reibeflächen eingeschlichen haben.

Und so gehen wahrscheinlich alle Versuche, Altmans letzten Film an Äußerlichkeiten der Handlung zu messen, ins Leere, oder zumindest ein wenig am Ziel vorbei.

Natürlich ist Robert Altman’s Last Radio Show auch eine Auseinandersetzung und Abrechnung mit einem beschleunigten Kapitalismus – die Sendung wird abgesetzt, weil ein reicher Investor sie für nicht mehr profitabel hält – und ein Plädoyer für ein Kino, dass sich noch fürs Erzählen und für seine Figuren Zeit lässt. So ist nun mal, der Eindruck könnte entstehen, die neue Zeit: Wendet sich nicht Yolandas Tochter Lola (Lohan) von Gesang und Poesie ab und ist am Ende des Films eine schick angezogene, beschäftigte Anwältin, die keine Zeit mehr hat für die Geschichtchen ihrer Mutter und ihrer Tante? Aber Altman war nie so naiv, solch einfacher Nostalgie auf den Leim zu gehen.

Robert Altman’s Last Radio Show

Auch hier nicht: Ganz zu Beginn des Films weckt die Figur des „Guy Noir“ (Kline) als Erzähler ein wenig den Eindruck, man befinde sich in einem Noir-Setting der 1940er Jahre, in dem er als abgehalfterter Privatdetektiv sich eben als Sicherheitschef des Theaters habe verdingen müssen, um noch über die Runden kommen zu können. Aber natürlich ist das Unsinn, Guy Noir für den comic relief und Slapstick im Film zuständig und die ironische Distanz zu jeder Form von Nostalgie an gute alte Zeiten damit fest in den Film eingebaut.

Es gibt ja keinen Grund für Nostalgie: Der „echte“ „Prairie Home Companion“ läuft in den USA erfolgreich wie eh’ und je im Radio. Das nur vage angedeutete Schreckgespenst des Kapitalismus bleibt Staffage, ein mächtiger MacGuffin, der den Figuren nie wirklich gefährlich werden kann. Auch scheint das Theater, vor dessen Rängen sich die „Last Radio Show“ abspielt, gut gefüllt zu sein – allerdings bekommt man das Publikum nie zu Gesicht.

Nein, Altman feiert noch einmal, ganz nur um das Erzählen und Beobachten kreisend, die Schönheit des Films: da geht es nicht um Geld oder um Publikum, sondern um die Freude der daran Beteiligten. Es ist keine ganz irdische Freude: Als Lola am Ende gegangen ist, kehrt der Engel des Todes noch einmal zurück, und es wirkt familiär. Sie kommt, so scheint es, nicht, um ein weiteres Opfer abzuholen, sondern vielleicht um sich hinzuzusetzen, auf einen Plausch und auf noch mehr Geschichten.

 

Trailer zu „Robert Altman’s Last Radio Show“


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Kommentare


Maartin Z.

In seinem letzten Film hat Robert Altman einer Institution der 30er Jahre im angelsächsischen Raum ein Denkmal gesetzt: einer Musik Show, von Werbung gesponsert, die live im Radio übertragen wurde. Es tut das mit sehr viel Witz und Atmosphäre und einem Ensemble voller Hollywood Stars. Sein genialer Einfall dabei ist, Virginia Madsen als Todesengel durch den Film laufen zu lassen, quasi als Untote Tote. Erst wundert man sich darüber, dann versteht man es und schließlich gefällt einem die Figur. Wer Country und Western Songs mag, kommt hier musikalisch voll auf seine Kosten und hat Gelegenheit Meryl Streep mal singen zu hören. Obwohl das Ende eigentlich kein Grund zur Freude ist, kommt keine Wehmut auf. Irgendwie wird es schon weiter gehen…






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