Road to Guantanamo

Der Film zur Menschenrechtsverletzung. Das Dokudrama über drei ehemalige Guantanamo-Häftlinge setzt auf unkritische Re-Inszenierung. Auf der Berlinale wurden Michael Winterbottom und Mat Whitecross dafür mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet.

Road to Guantanamo

Im Oktober 2001 reisen vier pakistanischstämmige Jugendliche aus dem englischen Tipton für eine arrangierte Hochzeit nach Karachi. Ein Imam überzeugt die Freunde, einen Abstecher über die Grenze zu unternehmen, um ihre Glaubensbrüder in Afghanistan zu unterstützen. Asif, Ruhel, Shafiq und Monir erreichen Kandahar ausgerechnet in der ersten Nacht des US-Bombardements auf das von den Taliban regierte Land. Statt Abenteuer und sinnvoller Aufgaben gibt es für sie vor allem Durchfall und lähmende Warterei. In Kabul fassen sie den Entschluß, wieder nach Pakistan zurückzufahren, doch da sind die Kriegswirren schon zu weit fortgeschritten. Monir geht verloren, die übrigen drei geraten zunächst in die Hände der Nordallianz, dann in die der Amerikaner. Als vermeintliche Terroristen werden sie in das Camp X-Ray auf Kuba ausgeflogen, dort verhört und gefoltert. Nach zweijähriger Haft ohne Anklage dürfen die „Tipton Three“ nach Großbritannien zurückkehren.

Im Februar 2006 bekommen Ruhel, Asif und Shafiq unter dem tosenden Applaus des Publikums im Berlinale-Palast den Silbernen Regie-Bären weitergereicht. Die Auszeichnung ist auch ein politisches Zeichen der Jury. Michael Winterbottom und Mat Whitecross haben in Road to Guantanamo (The Road to Guantanamo) vorbehaltlos die Perspektive der drei Opfer US-amerikanischer Willkürjustiz eingenommen. Doch genau das ist das Problem des Films. Die Regisseure verwenden die von ihnen mit den jungen Männern geführten Interviews in bester Guido Knopp-Manier. Kurz eingeschnittene Sätze dienen als Stichworte, um die Geschichte voranzutreiben, niemals wird nachgefragt. Die Hybridform des Halb-Fiktionalen wählte Michael Winterbottom schon für sein Flüchtlingsdrama In this World, mit dem er 2003 den Goldenen Bären gewann.

Road to Guantanamo

Das neue Werk setzt das Erzählte im Authentizität suggerierenden Nachrichtenstil mit hektischer Kamera, schnellen Schnitten und bewegter Musik an Schauplätzen in England, Pakistan, Afghanistan und Iran um. Zusätzlich wird Archivmaterial einmontiert. Der Sog, den die Handlung entwickelt, ist beträchtlich. Auch gibt es Aufnahmen, die man eben noch für dokumentarisch hielt, bevor einer der Schauspieler in die leichenübersäte Landschaft stolpert. Die Filmemacher schaffen Gegenbilder zu dem, was dem Fernsehzuschauer als Spektakel des „embedded journalism“ geboten wurde – mit umgedrehten Vorzeichen und Feindbildern. Amerikanische Soldaten sind hier fast ausnahmslos dumm, gewalttätig und brüllen Fäkalsprache. Ganz wie im türkischen Action-Reißer Tal der Wölfe - Irak (Kurtlar vadisi – Irak, 2006) werden sie zum gesichtslosen Klischee. Das mag im Unterhaltungsfilm noch praktikabel sein, in einem ernsthaft politisch engagierten Werk ist es kontraproduktiv.

Man fragt sich, warum ausgerechnet die Holzhammer-Methode verwendet wird, um ein von sich aus schon himmelschreiendes Unrecht wie Guantanamo anzuklagen und wird mißtrauisch. Warum werden nicht auch Schilderungen der Gegenseite eingeholt? Warum werden die ehemaligen Gefangenen nicht zu ihren Vorgeschichten, ihren Zukunftsplänen oder generell zu ihren Gefühlen befragt? Wie überlebt man Demütigung und Folter, wie verändern derartige Erfahrungen die Weltsicht eines Menschen, seine Identität, seinen Glauben? Ein Interviewfilm mit den Protagonisten wäre spannend gewesen, vor allem wenn sich dadurch auch Ambivalenzen eingeschlichen hätten. Wie konnten die vier Freunde so naiv sein, einen Monat nach den Anschlägen auf das World Trade Center nach Afghanistan zu reisen? So aber werden die jungen Männer durch ihre eigene Geschichte für eine aufwühlende Anklage gegen den amerikanischen Terrorismus-Krieg instrumentalisiert. Näher kommt man ihnen dabei nicht.

Road to Guantanamo

Vermutlich zielt die packende Inszenierung einfach auf ein größtmögliches Publikum. In England fanden Free-TV-Premiere, Kinostart, DVD- und Internet-Veröffentlichung von Road to Guantanamo gleichzeitig statt. Beiträge über die rechtsfreien Räume und blinden Flecken der westlichen Welt sind unterstützenswert und wichtig. Und auch ein Michael Moore operiert mit Zuspitzung, Polemik und achtet auf den Unterhaltungswert. Doch bei ihm liegen die Erzählstrategien offen, er bringt sich selbst in die Dokumentationen ein, und vor allem stellt er ununterbrochen Fragen.

Guantanamo anzuprangern ist nicht schwer. Jede Tagesschauszene vom Gefängnis zeigt die Inhaftierten als Teil eines professionellen Entmenschlichungs-Verfahrens mit orangefarbenen Overalls, Sicht- und Gehörschutz, auf dem Boden kniend. Doch Road to Guantanamo erweckt den Verdacht, die Filmemacher hätten aus Angst vor Grautönen alle eventuellen Fragen zur islamischen Identität von vorneherein ausgeklammert. Sie wären aber spannend gewesen und hätten die Anklage eines unrechten Systems nicht geschmälert. Winterbottom und Whitecross betreiben die Einschränkung des Blickes bis zum Ende. Mit zwei Jahren Verspätung kann Asif endlich traditionell heiraten. Die Kamera zeigt den prächtig geschmückten Bräutigam. Seine Frau kommt gar nicht erst ins Bild. Vielleicht ist das ein unwichtiges Detail. Aber zurück bleibt der Eindruck, dass hinter der lautstarken Agitation gegen das Unrecht zu viele Bilder fehlen.

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