Risse im Beton

Umut Dag dreht einen einprägsamen Film über das Scheitern des Sprechens, der selbst am Sprechen zerschellt.

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Eine sichtbar gebrochene Frau – gespielt von Margarethe Tiesel, man kennt sie aus Ulrich Seidls Paradies: Liebe (2011) – geht entschlossen auf den kräftigen Ertan zu; sie schlägt ihm ins Gesicht, sie weint, schlägt noch einmal zu, wendet sich ab und schlägt noch einmal und noch einmal. Vor zehn Jahren hat Ertan ihren Sohn brutal erschlagen. Jetzt steht er vor ihr, regungslos, erträgt die Tracht Prügel, ihm kommen die Tränen, er bekommt kein Wort heraus: So einfach wird der Titel des Films als Metapher durchexerziert. Eine kräftige Physis, ein brutales Gemüt und verheulte Augen. „Nichts, leer – es war mir scheißegal“, sagt Ertan an einer Stelle im Film – er beschreibt, was er empfand, als er damals sein Opfer zu Tode prügelte. Heute ist es anders: „Zehn Jahre da drin verändern dich.“ Der fünfzehnjährige Mikail, Ertans Sohn, der nichts von seinem Vater weiß, steuert währenddessen auf dasselbe Schicksal zu. Er hat die Schule abgebrochen, vertickt Drogen im Club und auf dem Pausenhof und beschimpft seine Mutter aufs Übelste – gleichzeitig steckt er ihr jedoch Geld ins Portemonnaie, wenn sie schläft. Die Sprache, die in dieser Welt gesprochen wird, ist dabei vielleicht das Erschreckendste und gleichzeitig Faszinierendste an Risse in Beton.

Welt aus Sprache

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Keine Aussage, die nicht immer auch die manifeste Gewalt, die in ihr nistet, mitartikuliert. Unterhalten wird sich über das Medium der Beschimpfung und der Beleidigung: eine Art Originalübersetzung des Slangs der Bronx oder aus South Central, L.A., mit wienerischer Färbung. Die Österreicher, etwa Ertans Bewährungshelfer oder die Sozialarbeiterin des Jugendzentrums, in dem die Jungs ihre Tage verbringen, wirken in dieser Welt wie (sprachliche) Fremdkörper. Das verwundert schon insofern nicht, als diese Welt, Wien, nichts von ihrem imperialen Flair, von den sauberen Altbaufassaden, von der Klassik, die es ummantelt, behalten hat. Beton, das ist auch das beinharte, kalte Material, das diese Welt jenseits des Stadtgürtels strukturiert, und auch die Risse sind hier ganz und gar materiell. Ein bisschen erinnert diese Konstellation an Pasolinis frühe Vorstadtfilme, in denen die gepflegte Tragödie ebenfalls in die verdreckte Peripherie abwandert –und worin vor allem auch Pasolini akribisch am Dialekt, am Slang der Vorstadt arbeitete. Wenn der Sprache die Wörter ausgehen – und das passiert nur allzu schnell –, wird zugehauen. Gangsta-Rap ist vielleicht gerade dafür das Ventil. Mikail arbeitet versessen an seinem eigenen Mixtape. An diesen Aufnahmen im Jugendzentrum hängt für ihn die ganze Zukunft, ein Luftschloss, natürlich. Unmengen an Geld investiert er in dieses Projekt, Geld, das er eigentlich einem Drogenboss schuldet, für den er den Stoff an den Mann bringt.

Standard-Gangsta

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Nach einem Konzert seines Vorbilds Azad – ein tatsächlich erfolgreicher Rapper – gelingt es Mikail sogar, ihm seine Aufnahme vorzuspielen: einer der eindrucksvollsten Momente in Risse im Beton. Im Backstage-Bereich herrscht Trubel; Azad setzt sich dennoch die Kopfhörer auf, er wippt mit dem Kopf, nimmt die Kopfhörer ab, muss kurz einen Buddy per Handschlag begrüßen, der gerade vorbeigeht, setzt die Hörer wieder auf, nimmt einen Schluck Wasser, dreht sich dabei von der Kamera weg – immer wieder gegengeschnitten mit Makails hoffnungsvoll erstarrtem Gesicht: „So Standardzeug, das kann man überall auf YouTube hören“, lautet sein Urteil, dann muss er auch schon weiter. Wieder scheitert die Sprache oder besser: das Zurechtsprechen von Respekt. Ertan, der sich eine Arbeit im Jugendzentrum gesucht hat, um in der Nähe seines Sohnes zu sein, hätte gute Tipps gehabt: Mikail solle es mal so oder so probieren mit den Textzeilen, und er solle das aussprechen, was er fühlt, und nicht, wovon er ausgeht, dass es gehört werden will. Solche Passagen lassen sich aber leider ganz unironisch gegen Risse im Beton selbst wenden. Auch dem Drehbuch könnte man Ähnliches empfehlen, denn auch dort verheddert sich die Sprache oft unangenehm in leeren Floskeln, nicht zuletzt beispielsweise in eben erwähntem Ratschlag des Vaters an den Sohn.

Zerrissenes Sprechen

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„Du kriegst dich von der Straße, aber du kriegst die Straße nicht aus dir“, das muss sich der rehabilitierungswillige Ertan gleich zweimal anhören. Leider werden solche Plattitüden, die eine seltsam beziehungslose Allerweltsphilosophie suggerieren, den Figuren des Öfteren in den Mund gelegt, die sich zwischen Praterstern und dem 21. Bezirk eben nur noch wie schlampige Übersetzungen einer amerikanischen Gangster-Poetik anhören. Das ist nicht nur insofern bedauerlich, als Regisseur Umut Dag mit seinem Kameramann Georg Geutebrück sehr konsequent und sicher die eigene Formidee durchkomponiert: das triste, unbestimmte Wien, der Slang, den erst die Darsteller in die Rolle einprägen, die Kamera, die sich demütig an die Figuren heftet, ständig bemüht, deren Bewegungen einzuholen, der kurze Zeitpunkt, wenn die Hoffnung an einem Schluck Wasser zerschellt. Es ist auch deshalb irritierend, weil diese zementierte Skriptsprache den Figuren offensichtlich widerstrebt: Abrupte Tonartwechsel im eindrucksvoll warmgelaufenen Sprechen am Wiener Stadtrand. Drehbuch und Figuren wollen, das scheint immer wieder durch in Risse im Beton, nicht der gleiche Film werden.

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