Right Now, Wrong Then

Wie verfehlen wir uns richtig? Zweimal lässt Hong Sang-soo seine Figuren sich kennenlernen. Aus dem klaren Konzept entweichen nur umso deutlicher die Unklarheiten des Lebens.

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Weil ich bis zum Kinobesuch wieder vergessen habe, was ich Wochen zuvor über diesen Film gelesen hatte, halte ich die Einblendung zu Beginn – „Right Then, Wrong Now“ – für einen Fehler in den englischen Untertiteln. Als dann exakt zur Hälfte der Laufzeit ein zweites Titelbild erscheint – „Right Now, Wrong Then“ – und alles von vorn losgeht, fällt mir der Clou des Films wieder ein, und ich bin zunächst ein wenig traurig, so viel Spaß hat dieser erste Teil gemacht. Dort ist der Regisseur Ham Chun-su (Jung Jae-young) einen Tag zu früh zum Screening einer seiner Filme nach Suwon angereist. Er schlägt sich die Zeit tot, lernt ein Mädchen, Yoon (Kim Min-hee), kennen und überredet sie erst zum Kaffee, später zum Trinken, dazwischen zeigt Yoon dem Regisseur ihre Malereien und scheint seinen Annäherungsversuchen nicht abgeneigt. Schließlich nimmt sie ihren Verehrer mit zu ein paar Freunden, die als echte Cinephile etwas zu viel über Hams Leben wissen: so viel nämlich, dass Yoon bald gar nichts mehr von diesem Leben wissen will. Da nähert sich die Kamera aus der statischen Einstellung heraus ihrem Gesicht, und das Filmplakat zu Leos Carax’ Boy Meets Girl im Hintergrund verschwindet aus dem Rahmen.

Dialog mit Füllgeräuschen

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Am nächsten Tag ist Ham verkatert und schlecht drauf, aber er bekommt eine zweite Chance, der Film geht von vorn los. Die gleichen Settings, die gleichen Figuren, die gleichen langen Einstellungen. Boy meets girl, und natürlich wird alles anders sein. Es ist Hongs vielleicht bislang riskantestes Konzept, durch das er sein Spiel mit den Variationen aufs Immergleiche erdet. Dieses Spiel kommt ja auch abgesehen von den symmetrischen Handlungsstrukturen meist einer strengen Versuchsanordnung gleich: Die Regie erschafft zwei Figuren, die Kamera sperrt sie in einem Bild ein, die Ausstattung stellt gerne noch ein bisschen Alkohol dazu, die Dramaturgie schickt ab und an eine dritte Person vorbei. Mal schauen, was passiert mit diesen Erdenbewohnern. Raus aus dem Labor des Zwischenmenschlichen können sie jedenfalls nicht. The scene must go on, so unangenehm das werden kann.

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Auch in Right Now, Wrong Then sind die Dialoge zwischen Ham und Yoon vor allem im ersten Teil bestimmt durch Füllwörter und Füllsätze, und Füllgeräusche, Vokale der vorsichtigen Zustimmung oder der mit Charme gepimpten Ahas, die das Gespräch am Leben halten, während man eigentlich schon etwas anderes denkt, etwas anderes will. Sprache als Aufeinanderzugehen, weil sich die Körper noch nicht trauen, aber über unzählige Umwege, und immer mit Pokerface. Es ist an Hongs Darstellern, dieses Spiel stets aufs Neue mit Leben zu füllen, und es ist mal wieder ganz erstaunlich, wie Jung Jae-young Hams Gedanken, Wünsche, Ziele entblößt, ohne sie wirklich zu artikulieren. Wie männliche Avancen, ob nüchtern oder betrunken, zur Kenntlichkeit verzerrt werden, ohne ins Klischee abzugleiten, ohne ein Verhalten zu verurteilen oder gänzlich in Schutz zu nehmen. Wie ein Innenleben durch radikales Haften an der Oberfläche entsteht. Und doch ist das alles streng genommen nur Exposition.

Das Labor als Schneekugel

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Im zweiten Teil dann sind die Dialogsätze mitunter fast dieselben, besitzen aber einen anderen Klang, werden in anderen Tonlagen gesagt, mit anderen Blicken in Bezug gebracht, sodass man, wo im ersten Teil noch herzlich gelacht werden durfte, nun ins stille Beobachten verfällt. Nicht nur diese beiden Menschen, auch ich, auch meine Darsteller, auch das Kino könnten sich je anders verhalten zu diesen Figuren, scheint Hong zu sagen. Ham ist jetzt aufrichtiger, verschweigt Kleinigkeiten, gesteht dafür andere, wichtigere Dinge, sein Voice-over aus dem ersten Teil ist ganz verschwunden, das Pokerface verliert seine Züge. Die Kluft zwischen Sagen und Sagen-wollen schließt sich etwas, die Umwege werden kürzer, die Peinlichkeit verabschiedet sich in den Canyon darunter. Und doch ist das hier kein Reich der reinen Wahrhaftigkeit, der „gelungenen Kommunikation“. Ham und Yoon verfehlen sich nur irgendwie besser.

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Dieser irgendwie doch grundsätzliche Unterschied zwischen den zwei Teilen erscheint desto weniger als abstrakte Prämisse, je näher man herangeht an die winzigen Bestandteile, aus denen dieser Unterschied besteht. Denn jeder Satz, der im zweiten Teil erstmals gesagt wird oder wieder verschwunden ist, übt Einfluss aus auf den weiteren Verlauf des Gesprächs, auf diese zweite Welt. Das ist ohnehin der Kern des Hong’schen Versuchskinos: dass es nicht auf Ergebnisse ankommt. Nicht um die Entschlüsselung menschlicher Verhaltensweisen geht es, sondern um das Interesse, ja die Lust an ihren unendlichen Verschlüsselungen (genauso wenig geht es um die Entfremdung des Menschen von sich selbst, sondern um die immer nötigen Verfremdungen). Right Now, Wrong Then buchstabiert also nur nochmals aus, was Hongs Filme mit ihrer eigentümlichen Verbindung aus schließender Rahmung und radikaler Offenheit im Bildinneren ohnehin immer beschrieben. Begegnungen zwischen Menschen verlaufen nicht kausal, sind beeinflusst durch Kleinigkeiten unterschiedlichster Natur.

Ich, dieser verworrene Knoten

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Das Konzept des Films stellt dabei nichts still, untergräbt vielmehr die Autorität jedes Konzepts, das nicht bei der Kunst bleibt, sondern das Leben fassen will. Denn Right Now, Wrong Then läuft nicht auf ein Was-wäre-wenn hinaus, ändert nicht einzelne Variablen, um dann den entsprechenden Einfluss aufs Ergebnis zu analysieren. Niemand verpasst hier eine U-Bahn, die er in einer möglichen anderen Welt bekommen hätte, niemand geht eine rauchen oder lässt es bleiben. Es geht um keinen Schmetterling, nicht um die These vom Chaos der Welt, weil einerseits schon der Schmetterling als Entität viel zu mächtig gedacht ist (wer weiß schon, was gerade in ihm vorgeht und was sonst noch in ihm vorgehen könnte). Und weil es Hong andererseits nicht um den Pessimismus des Alles-nur-Zufall geht, vielmehr um eine Ethik, die uns nicht als fertige, souveräne Individuen anspricht, sondern als hoffnungslos verworrene Knoten von Wünschen. Das hat nichts mit Beliebigkeit zu tun: Boy meets girl, die Anziehung ist ja da, das Begehren keine Einbildung, nur der ganze Rest verschwindet im Dickicht des Lebens, in den abertausend möglichen Weisen zu agieren und zu reagieren. Und da gibt es dann tatsächlich bessere und schlechtere, right und wrong.

Zu viele Worte

Man schaut ein bisschen betreten zu Boden, wie manchmal Hongs Figuren, wenn man sein Kino derart auf den Begriff zu bringen versucht, wenn man sich dazu hinreißen lässt, große Worte zu bemühen, weil man etwas Existenzielles erblickt zu haben glaubt: der Mensch, das Leben. Im ersten Teil bekommt Ham nach der schicksalsträchtigen Nacht im Q&A nach dem Screening seines Films eine bescheuerte Frage nach der Essenz des Kinos gestellt, die er nicht beantworten will, weil er mit großen Worten nichts anfangen kann. Zwar wissen wir, er wäre gnädiger, wäre die Nacht zuvor anders verlaufen, aber auch als verkaterter Griesgram hat er ja recht, allein dieser Film gibt ihm recht. Right Now, Wrong Then bewegt sich unterhalb des Radars großer Worte, versteht gerade dadurch umso genauer, was diese Worte zu beschreiben suchen. Er bringt nichts auf den Begriff, sondern staunt über dessen Gegenstand, löst die Differenzen in nichts auf als in einem Amalgam aus Differenzen. Weil Verständnis kein Ein-Verständnis sein muss, sondern vielleicht nur eine Kette von Verfehlungen, die irgendwann mal ein Band sein wird.

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Trailer zu „Right Now, Wrong Then“


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Kommentare


JAn

Wirklich grandioser Film. Mein Lieblingsfilm des Jahres 2016!






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