Ricky

Der große Stilist des neueren französischen Kinos erzählt eine geerdete Geschichte mit wundersamer Wendung. Wie François Ozon in seinem neuen Film Ricky das Magische mit dem Realen verwebt, den Zuschauer auf eine falsche Fährte führt und sich schlussendlich selbst verirrt.

Ricky

Das Werk von François Ozon ist die Geschichte einer fortwährenden Verwandlung. Der französische Regisseur ist bekannt dafür, sich ständig neu zu erfinden. Gerade noch schuf er Angel (2007), einen aufwändigen, schillernden 50er-Jahre-Kostümfilm à la Vincente Minnelli. Nun, in Ricky, versucht er sich am sogenannten realistischen, sozialen Kino im Stile der Gebrüder Dardenne (L’enfant, 2005).

Schauplatz ist die Plattenbausiedlung einer Vorstadt. In langsamem Rhythmus und ruhiger, zurückhaltender Beobachtung erzählt Ozon die Geschichte einer fragilen Beziehung zwischen der allein erziehenden Mutter Katie und ihrer Tochter Lisa.  Als sich Katie während der Fließbandarbeit in den spanischen Einwanderer Paco verliebt und schließlich ein Baby von ihm bekommt, gerät das Gleichgewicht der kleinen Familie aus den Fugen.

Ricky

Ricky beginnt wie ein Sozialdrama im Milieu der Arbeiterklasse. Cinéma Banlieue, rau und bodenständig inszeniert. Getragen wird der Film, wie so oft bei Ozon, von seinen fein gezeichneten Frauenfiguren. Alexandra Lamy reflektiert in ihrem Schauspiel nuancenreich den Charakter Katies, von einer Schwermut und einer feingliedrigen Verletzlichkeit, die an Egon-Schiele-Gemälde erinnert, bis hin zur Leichtfüßigkeit einer verliebten, aufblühenden Mutter. Die kleine Lisa, verkörpert von Mélusine Mayance, ist eine vielschichtige und unergründlich ernsthafte Figur, die Raum lässt für vielfältige Deutungen. Es sind die sensiblen Darstellerinnen, die dem einfach gestrickten Drama seine Tiefe verleihen – einem Drama, das auf den ersten Blick konventionell und vorhersehbar erscheint.

Doch nach der Hälfte des Films, urplötzlich, nimmt die geerdete Geschichte eine wundersame Wendung. Katie und Lisa entdecken Ansätze von Flügeln auf dem Rücken des Babys.

Ricky

In diesem Moment gelingt François Ozon ein außergewöhnlicher Balance-Akt. Langsam verwischen die Grenzen zwischen Realität und Traum, aber der filmische Blick bleibt klar und realistisch, wie zuvor. Mutter und Tochter gehen ganz pragmatisch mit der irrealen Situation um. Sie behandeln das Baby Ricky mit einer liebevollen, anatomischen Neugierde, messen regelmäßig die Länge seiner kleinen Flügel nach, bedecken sein Bett, damit er nicht davonfliegen kann. Wie in der Literatur des magischen Realismus wird das Übernatürliche von den Protagonisten ganz selbstverständlich zur Kenntnis genommen. Alexandra Lamy und Mélusine Mayance spielen umso ernsthafter und glaubwürdiger, je grotesker sich die Geschichte entwickelt. Und auch der naturalistische Ton der Erzählung verändert sich nicht. Statt die Verwandlung, wie so oft im Kino, als spektakuläres, märchenhaftes Ereignis zu inszenieren, betrachtet Ozon das geflügelte Baby ganz ruhig und nüchtern. Die Kamera erforscht die knochige, zähe Beschaffenheit seiner zarten Flügel aus nächster Nähe. Eine quasi naturgetreue Darstellung des Phantastischen, ständig schwankend zwischen Befremden und Faszination. In einer kurzen, eindringlichen Montagesequenz sehen wir in einer Reihe von hautnahen Detailaufnahmen, wie das fast haptisch erfahrbare Federkleid auf den Flügeln des Babys sprießt. Ricky entpuppt sich hier als ein naher Verwandter von David Cronenbergs Die Fliege (The Fly, 1986). Ozons Film, der als Sozialdrama beginnt, wird unversehens zu einem ironischen Werk über Entfremdung und Andersartigkeit.

Ricky

Dann aber, im letzten Drittel,  verwandelt sich auch die Form des Films, und Ozon verleiht seiner Kamera Flügel. Wenn Ricky seiner Mutter entwischt und vor den Augen der Kunden durch den Supermarkt fliegt, könnten wir uns in einer amerikanischen Fantasy-Komödie wähnen. Eine spektakuläre Kamerafahrt verfolgt Ricky bei seinem Flug, begleitet von einer mitreißenden, orchestralen Musik. Im schnellen Rhythmus des Schnitts sehen wir reihenweise staunende Menschen. Ein Mann fragt: „Wo bekomme ich das ferngesteuerte Baby?“  Statt seinem unaufgeregten Stil treu zu bleiben, und das Traumhafte weiter konsequent naturalistisch zu behandeln, zitiert Ozon die Kitsch-Ästhetik der Traumfabrik. Es ist, als hätte Ozon hier die Parodie seines eigenen Films gedreht.

Ricky ist eine filmische Gratwanderung, ein gewagtes Spiel mit cineastischen Konventionen und der Erwartungshaltung des Zuschauers, das über zwei Drittel des Films durchaus funktioniert. Ozon führt den Zuschauer auf eine falsche Fährte, doch schlussendlich verirrt er sich dabei selbst. Durch sein überzeichnetes Ende wirkt der Film seltsam unentschlossen, und dabei konstruiert und statisch, wie eine Versuchsanordnung. So poetisch das Bild des geflügelten Babys ist, und so eindringlich und ironisch die Szenen der Metamorphose inszeniert sind – Ricky ist am Ende nicht mehr als eine von vielen Stilübungen des cinéphilen Verwandlungskünstlers François Ozon. Man hat fast den Eindruck, dass sich Ozon in der eitlen Manieriertheit eines Connaisseurs nur noch vor dem Spiegel der Filmgeschichte in Szene setzt. Bleibt zu hoffen, dass er eines Tages eine ganz persönliche und unprätentiöse Form findet, Filme zu machen. Möglicherweise im Rahmen einer minimalistischen Geschichte, wie in Unter dem Sand (Sous le sable, 2000), ganz ohne postmoderne Auswüchse. Nicht Dardenne, nicht Cronenberg, auch nicht Minnelli. Einfach nur Ozon.

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