Revolutions Happen Like Refrains in a Song

Die gekaperte Revolution: Nick Deocampo löst die philippinische Geschichte in seinen eigener Biografie auf. Oder andersherum? Nick Deocampo löst seine Biografie in der philippinischen Geschichte auf.

Revolutions Happen Like Refrains in a Song 02

Diese Stimme, sie hallt nach. Ihr Klang, ihr akustischer Abdruck. Sofort ist klar: Das Englische ist nicht ihre Muttersprache. Zu ausartikuliert ist jedes Wort, die Sätze sind zu kompliziert verbaut. Doch unverwechselbar, unauslöschlich ist sie schon nach den ersten Sekunden. Fast priesterhaft zittert sie sich hymnisch empor, aber ihr Jargon ist gewetzt am Schleifstein der Kritischen Theorie. Nick Deocampo beschwört die Revolution herauf. Und damit zugleich seine eigene Existenz.

„I saw a revolution happen“

Revolutions Happen Like Refrains in a Song 01

Am Anfang seines autobiografischen Manifests Revolutions Happen Like Refrains in a Song übt sich Deocampo in Zeugenschaft. Aus dem Off sagt er: „I bore witness“. Und im Kader zeigt er Menschenmengen in den Straßen Manilas. Anspannung und Erleichterung wechseln sich ab im vielgliedrigen Aufstandskörper. Die philippinische Bevölkerung treibt sich den Teufel namens Marcos aus. Verwackelte, schwer verortbare Situationsbilder sind das, geschossen aus dem Bauch der Menge heraus, von einem involvierten Teilnehmer, keinem außenstehenden Reporter. Heute kennen wir diesen Typus der Smartphone-Beteiligtenansicht, die Erklärung und Einordnung bedarf, sehr gut. Deocampo sagt: „I was insignificant“. Einer von vielen, nur eben mit Kamera.

Aber dann dreht er aus dem Off die Verhältnisse um, lässt nicht sich die Revolution bezeugen, sondern andersherum die Revolution seinen eigenen inneren Aufruhr versinnbildlichen. Noch immer sieht man Bilder unzähliger Gesichter und Leiber, doch in sie hinein dringt nun unerbittlich diese eigenartig affektiert klingende Stimme: „I was one of a million sperms that fertilized an ovum that became myself.“ Die Panik des sich in der Masse verlierenden, unbedeutenden Individuums kippt so um und gebiert das Subjekt. Mit dieser wunderbar dreisten Selbstsetzung, mit einer Art Inbesitznahme der Revolution, startet der Film seine eigentliche Bewegung. In Richtung Anfang.

Zurück, zurück, mit neuem Blick

Revolutions Happen Like Refrains in a Song 03

Für Deocampo arbeitet das revolutionäre Geschehen prinzipiell rückwärts: Nicht die Zukunft wird neu organisiert, sondern die Vergangenheit. In dem Moment, als die Philippinen aus der Zeit der Ausnahmezustands und der Militärdiktatur treten, versucht Deocampo zu verstehen, wie es dazu hat kommen können. Genauer: Wie es zu ihm hat kommen können. Revolution heißt hier: Ein neuer Blick, ein neues Verständnis wird möglich –dessen, was war, und dessen, was ist.

Revolutions Happen Like Refrains in a Song ist eine autobiografische Schaffensbilanz. Deocampo macht einen Found-Footage-Remix seines eigenen Filmarchivs. Im Lichte seiner revolutionären Erweckung interpretiert er alles per Voice-over um. Mal geben die Bilder mehr her, als die scharfe Ausdeutung gestattet, mal weniger, als die hochtrabende Sinnaufladung von ihnen will. Bild und Wort kommen nicht zur Deckung. Aber genau dieses Verfehlen wirkt gekonnt herbeigeführt. Es macht den Film umso faszinierender.

Kurz rekapituliert Deocampo mit Privatfotos und -videos seine Familiengeschichte, um zielsicher bei der für ihn zentralen Besonderheit seiner selbst anzulangen: seiner Homosexualität. Sein Vater war früh fort, er wuchs zwischen Frauen auf. Und nun, im revolutionären Modus des Erinnerns, wird ihm klar: „All this time I had relationships with men I was looking for my father.“ Der ganze Film ist voll von solch manchmal schockierenden, charmant-groben Feststellungen.

Die andere Wahrnehmung

Revolutions Happen Like Refrains in a Song 04

Sein Coming-out und der Kauf seiner ersten Kamera fallen für Deocampo zusammen. Beides sind für ihn Weisen, Distanz zum Gewöhnlichen aufzubauen und es zugleich schärfer wahrnehmen zu können: „Homosexuality is my awareness, my perception.“ Die sexuelle Orientierung ist im Raum dieses Films mehr als eine persönliche Angelegenheit. Sie ist die institutionalisierte Revolution.

Und ihr Avatar ist Oliver, dem Deocampo seinen ersten Dokumentarfilm (1983) widmet. Ein Gutteil der Aufnahmen in Revolutions Happen Like Refrains in a Song ist wiederverwertetes Material aus diesem grandios berührenden, intimen Porträt.

Oliver, der seinen schreienden Sohn wiegt wie die Madonna. Oliver, von größter Armut gezwungen, sich als Hure und Crossdressing-Performer zu verdingen. Oliver, mit goldener Haut, wie er in einem Nachtclub Liza Minelli in eine Zombiequeen verwandelt. Oliver, der sich ein mit Vaseline eingeriebenes Fadenknäuel in den Hintern schiebt und dann, mit nur einem Fetzen Stoff über dem Penis, seine bekannteste Performance gibt. Die Spinne. Aus seinem Arschloch (ja, das ist ganz explizit, und deshalb so unvergesslich) zieht er die Fäden, spannt sein Netz über die Bühne. Er verfängt sich darin. Und dann, mit pathetischer Geste, zerreißt er es, befreit sich.

Frei durch Unterwerfung

Revolutions Happen Like Refrains in a Song 05

Die Netz-Nummer dient Deocampo als Metapher für das Schicksal all der Armen seiner Heimat, die Menschen in den Slums, die sich prostituierenden Straßenkinder, die er nach Oliver in Children of the Regime (1985) porträtierte. Ihr Leben wird von eigentlich unaushaltbaren Umständen bestimmt, sie leben in einem Netz der Zwänge. Doch Deocampo findet keine von Entbehrungen gleichgerichteten Wesen, sondern Individuen. Er findet – vor allem in Gestalt von Oliver – Kreativität. „He chose to be free“, sagt die Allwissen behauptende Stimme, und: „How much he degraded himself to survive.“ Überleben zu wollen ist nicht verhandelbar, aber wie man überlebt, wie man sich unterwirft, wie man sich erniedrigt, das bietet Raum für Freiheit. Inmitten von externen Zwängen gibt es die Möglichkeit, innerlich frei zu bleiben. Und damit die Möglichkeit der Revolution. Der echten, äußerlichen, wohlgemerkt.

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.