Revision

Begründet Philipp Scheffner ein neues Subgenre des Dokumentarfilms? Über Erkenntnis- und Forschungsprozesse dank Listening Heads.

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Die Unterscheidung von Dokumentationen und Dokumentarfilmen hat sich nicht durchgesetzt. Zu verlockend scheint es zu sein, die Begriffe synonym zu verwenden. Oder zu schwierig, die Trennlinie genau zu markieren. Natürlich wird es im Filmischen auch gerade dann interessant, wenn sich die Perspektiven und Macharten kreuzen oder befruchten. Kategorien entspringen Zwängen, und ihre Ursache kann man fast immer in Marktfunktionen ausmachen. Der Produzent, der Förderer, der Sender hat eine „Schiene“, ein „Format“, will ein Häkchen setzen, die eine Zeile in der einen Spalte ausfüllen. Über die nicht nur allegorischen Parallelen zwischen dem Filmemachen und einer Steuererklärung ließe sich ein ganzes Buch füllen. Nur wer will das lesen? Dokumentarfilme haben ihren Platz im Kino – stellvertretend dafür stehen heute Filmfestivals –, wenn sie willens und in der Lage sind, sich von der tendenziell journalistischen Berichterstattung der Dokumentation zu lösen, um die narrative Vielfalt, das Visuelle, das Essayistische oder auch Performative des Mediums zu erforschen. Wer dieser Ansicht ist, wer sich nicht seine aktuelle Ladung dokumentarischer Verarbeitung von Schlagzeilen und mehr oder minder relevanter sozialer Phänomene abholen möchte, meidet die immerhin passend benannte Berlinale-Sektion Panorama Dokumente. Den seine Mittel ausschöpfenden Dokumentarfilm findet man da schon eher im Forum.

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Philip Scheffners Revision ist für das Forumsprogramm ein gutes Beispiel, auch weil der Regisseur bereits zum dritten Mal dort zu Gast ist. Obwohl kein Zweifel daran entstehen kann, dass Scheffner dezidiert Dokumentarfilme macht, eignet sich Revision auch für eine Lobrede auf journalistische Tugenden wie eine makellose Recherche. Sein Anliegen ist auf den ersten Blick die Rekonstruktion eines Prozesses, mehr als an den Ergebnissen seines Falls ist ihm an den Ursachen gelegen, die er als Symptome der deutschen Gesellschaft zu entlarven sucht. Ja, Scheffner ist ein politischer Filmemacher, vielleicht gar ein Aktivist. Aber einer, der seine Haltung in die Form einschreibt, und die ist von Anfang an eine der Suche. Er forscht nach Antworten, aber ohne vorzugeben, bereits alle Fragen zu kennen. Sich für eine solche Freiheit der ergebnisoffenen Arbeit die Mittel zu geben, ist selten genug. Die Blanko-Filmförderung gibt es nicht.

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Kommen wir also zur Handlung: Scheffner hat einen dem bedeutsamen Titel mehr als angemessenen Film gedreht. Revision ist auch wörtlich zu verstehen, als neues Aufrollen eines Falls. Der ereignete sich vor zwanzig Jahren: Zwei aus Rumänien geflohene Roma wurden an der deutsch-polnischen Grenze erschossen, der Prozess gegen die kurz darauf gefassten Schützen kam erst Jahre später zur Verhandlung, als die rumänischen Zeugen gerade wieder abgeschoben waren. Scheffner fasst das so zugespitzt gar nicht zusammen, vielmehr hat er für Revision die eigentliche Arbeit der Polizei und Staatsanwaltschaft unternommen, nur eben zwanzig Jahre später. Es ist ein Musterbeispiel investigativer Arbeit geworden.

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Ohne aktivistischen Eifer, dafür mit bohrender Geduld und Präzision, umkreist der Film in einem fast schon archäologischen Prozess den Vorfall und seine Vor- und Nachgeschichte, er trägt Schicht um Schicht ab, um zur Wahrheit vorzudringen. Die vielen Perspektiven, die die Rekonstruktion der tödlichen Schüsse erlauben, nennt Philip Scheffner die „Anfänge“. Immer wieder arbeitet er sich von einem der „vielen Anfänge der Geschichte“ zum Vorfall vor. Er befragt die Bauern, die die Leichen im Feld entdeckten, Angehörige, Zeugen – die nie aussagen sollten –, den Anwalt eines der Schützen, den Staatsanwalt. Im Medium einer Beweisführung, die von der Justiz nie umfänglich verfolgt wurde, konfrontiert er die Protagonisten mit der Vergangenheit und ihren eigenen Worten: Statt Talking Heads sehen wir Listening Heads. Was anfangs wie ein Gimmick wirken kann, ist ein nicht nur adäquates, sondern logisches und ertragreiches Mittel. Wie in einer Zeugenaussage lässt Scheffner sein Gegenüber vor der Kamera den eigenen Worten lauschen und, im Sinne einer Unterschrift, deren Richtigkeit bestätigen. Das ist für den Erkenntnisprozess von zentraler Bedeutung. Denn erst in der Auseinanderdividierung von Aussagen und Aussagendem – von Körper und Stimme – entsteht so etwas wie eine Rückkoppelung des für die Gesellschaft Symptomatischen, der verinnerlichten Diskurse, auf die Protagonisten. Freilich buchstabiert das der Film an keiner Stelle aus und forciert die Konfrontation auch nicht, das hat seine Spurenlese gar nicht nötig. Wenn Revision in einem Schlüsselmoment am Ende allerdings vom Mittel der Listening Heads absieht und in ein anklagendes Gespräch mit dem Anwalt des Schützen gerät, dann ist das genauso Ausdruck seiner Haltung. Der eines politischen Filmemachers, der auch weiß, wann sein Plädoyer für Gerechtigkeit unmissverständlicher Worte bedarf.

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