Restless

Gus Van Sant eröffnet die Nebenreihe Un Certain Regard der Filmfestspiele von Cannes. In der Liebes- und Todesdramödie Restless schenkt er Dennis Hoppers Sohn ein bemerkenswertes Leinwanddebüt.

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Ertappt. Ein Mitarbeiter des Bestattungshauses hat Enoch (Henry Hopper) wiedererkannt. Der Junge flüchtet durch die in helle Farben getauchten Flure des Krematoriums. Doch der Mitarbeiter kennt die Gänge und fängt ihn ein. Ob er von besonderem Unglück gestraft oder pietätlos schon wieder zur Totenfeier eines Fremden aufgetaucht sei, will der Mann wissen. Da stürmt Annabel (Mia Wasikowska) in der Karikatur eines Witwengewands mit übergroßem Schleier herbei. Sie erfindet eine Geschichte vom verstorbenen Onkel und rettet Enoch aus der verzwickten Lage. Es ist der Beginn einer Liebesgeschichte, der Begegnung zweier junger Menschen im ständigen Beisein des Todes.

Fröhlich und forsch reißt Annabel den introvertierten Enoch in ihren Bann. Dass sie nur noch wenige Monate zu leben hat, verstärkt sein Interesse sogar zusätzlich. Der Junge mit dem bleichen Teint und den weichen Gesichtszügen, ein kleiner Prinz mit imaginärem Freund, ist kein Gegenspieler für das Mädchen, sondern ihr Pendant. Nur die Lust zum Leben ist ihm abhanden gekommen, seitdem er Waise ist.

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Restless könnte ein Coming-of-Age-Film sein, so sehr ist die Begegnung der beiden Katalysator für seine Entwicklung. Doch der Film beginnt im Herbst und endet im Winter, er ist durchtränkt von einer affirmativen Melancholie, einer Romantik von Trauer und Schwermut. Van Sants Faszination für das Leben kurz vor dem Tod bricht sich in seinem neuesten Film erneut Bahn. Doch dessen Allgegenwart ist vor allem dem Sujet und den Figuren geschuldet, die das von Drehbuchneuling Jason Lew verfasste Skript vorgibt.

Restless 01

Stilistisch hat sich Van Sant bislang vornehmlich in zwei sehr unterschiedlichen Welten bewegt. In den größeren Produktionen wie Milk (2008) oder Forrester - Gefunden! (Finding Forrester, 2000) ordnet er den Stil der Story unter, in den kleineren wie Gerry (2002), Elephant (2003) oder Last Days (2005), bei denen er auch am Drehbuch mitarbeitete, wird die Bild- und Tonsprache zur sinngebenden Einheit. In Restless, könnte man meinen, beschreitet er nun einen dritten Weg. Tatsächlich ist sein neuestes Werk ähnlich stringent in Szene gesetzt wie seine intimen Todesdramen. Nur erwächst aus dem herbstlichen Setting, den geschmeidigen Aufnahmen und dem Indie-Rock-Soundtrack keinerlei innere Spannung, vielmehr stehen sie alle im Dienst des Sujets. Anders als in den plotbasierten Milk, Forrester oder Good Will Hunting (1997) kommt der aus der Filmsprache erwachsenden Atmosphäre in Restless dennoch die maßgebliche Rolle zu. Bereits das Wort Atmosphäre dürfte aber verraten, wie weit entfernt der Regisseur von seinen dialektisch angelegten Werken bleibt. Hier mündet alles in eine rein bejahende Haltung, das Leben und die Liebe mit all ihren Tücken im Angesicht des Todes zelebrierend. Nach und nach geraten so die vielen schönen und lustvollen Szenen und ein atemberaubendes Schauspielernachwuchspaar in den Hintergrund.

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