Rester Vertical

Das unausgesprochene Verlangen, das sich hinter einem einfachen „oder so“ verbirgt. Alain Guiraudies neuer Film erkennt in der Inkohärenz eine Tugend und bringt seine Figuren zum Schweben.

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In der letzten Szene von Rester vertical steht der Filmemacher Léo (Damien Bonnard) endlich einem Wolf gegenüber. Dabei starren die beiden Geschöpfe einander mit einer Mischung aus Furcht und Faszination an, unsicher, ob sie nun natürliche Feinde oder vielleicht doch Artgenossen sind. Davor lässt Alain Guiraudie das Raubtier bereits mehrmals indirekt durch seinen neuen Film geistern – als konkrete Bedrohung für die Hirten im Süden Frankreichs, aber eben auch als Metapher für seine Hauptfigur. Genau wie der Wolf führt Léo ein Nomadendasein ohne Verpflichtungen; dabei ein unausgegorenes Drehbuch und reichlich Flausen im Kopf, die er, ohne zu viele Gedanken an die Zukunft zu verschwenden, in die Wirklichkeit umsetzt. Eine dieser spontanen Aktionen führt in die Provinz, wo er ein kurzes, aber leidenschaftliches Verhältnis mit der Schäferin Marie (India Hair) hat, aus dem ein gemeinsames Kind hervorgeht, von dem die Mutter jedoch schon bald nichts mehr wissen will.

Eine sehr unfranzösische Sumpflandschaft

Es ist nicht leicht zu sagen, worum es in Rester Vertical genau geht. Nach seinem sehr geradlinig erzählten, an nur einem einzelnen Schauplatz angesiedelten Der Fremde am See (L’inconnu du lac, 2013) hat Guiraudie nun einen Film inszeniert, der in vielerlei Hinsicht das genaue Gegenteil davon ist: Nicht in sich geschlossen, sondern nach vielen Seiten offen und mit Charakteren, deren Beweggründe eher verworren als nachvollziehbar sind. Dabei weigert sich der Film sowohl die Wolfs-Metapher konsequent auf Léo zu übertragen als auch die Aufopferungsbereitschaft für sein Kind in eine Handlung einzubetten, die auf eine therapeutische Wandlung der Hauptfigur hinauswill. Stattdessen verwebt Guiraudie spielerisch Motive wie Vaterschaft, Heimatlosigkeit und Verantwortung, transzendiert sie und lässt seine Figuren immer wieder an den unmöglichsten Orten und in den unmöglichsten Konstellationen aufeinandertreffen. Die Erzählung geht dabei nahtlos vom Realistischen ins Allegorische und Fantastische über. Besonders entrückt wird der Film, wenn wir uns plötzlich in einer sehr unfranzösischen Sumpflandschaft befinden, in der Léo Rat bei einer Heilpraktikerin sucht (die mit botanischen Instrumenten hantiert) und von seinem Agenten wegen des ausstehenden Drehbuchs mit einem Jagdgewehr verfolgt wird.

Rester Vertical 2

Durch solche irrealen Brüche und seine oft vieldeutige Momente bewegt sich Rester Vertical auf dünnem Eis. Guiraudie begibt sich auf ein Terrain, auf dem man nicht immer klar zwischen einer für den Zuschauer produktiven Freiheit in der Erzählung und inszenatorischer Beliebigkeit unterscheiden kann. Dabei verweist der Film allerdings auch ausdrücklich auf die unausgesprochen Bedeutungen, die sich unter seiner Oberfläche verstecken. Gleich am Anfang versucht Léo etwa den jungen Dorfbewohner Yoan (Basile Meilleurat) mit einer Filmrolle zu locken, ist aber in Wahrheit vermutlich aus einem anderen Grund an ihm interessiert. Was darauf folgt, ist ein Wortwechsel, der in dieser Form des Öfteren im Film vorkommt: „Willst du nicht bei einem Casting mitmachen oder so?“ „Was, oder so?“ Die zwischenmenschliche Spannung und das unausgesprochene Verlangen, das sich in diesem „oder so“ verbirgt, ist letztlich das, was dem Film sein kräftiges Fundament verleiht.

Grenzüberschreitungen ohne viel Aufhebens

Tatsächlich macht die Inkohärenz des Films besonders dann Sinn, wenn sich Guiraudie der Sexualität widmet. Wie in Der Fremde am See gibt es auch diesmal wieder eine Reihe expliziter Szenen, die Erotik nicht als Schauwert verstehen, sondern sie organisch aus der Handlung entwickeln. Einmal kadriert die Kamera etwa Maries Vulva als Zitat von Gustave Courbets bekanntem Gemälde „Der Ursprung der Welt“ – und zeigt kurz darauf in derselben Einstellung, wie sie ihr Kind gebärt. Wie ein Komplementärstück dazu ist später zu sehen, wie Léo mit seinem Schwanz eine eigenwillige Form von Sterbehilfe vollzieht. Das Faszinierendste an der Erotik in Rester Vertical ist jedoch, dass sie sich auf eine äußerst positive Weise über sämtliche Schranken hinwegsetzt. Kaum hat man einer Figur eine sexuelle Identität übergestülpt, wird man in einer späteren Szene eines Besseren belehrt. Ob nun Maries Vater plötzlich seinem Schwiegersohn Avancen macht, ob Léo in einer zärtlichen Sexszene mit einem Mann zu sehen ist, der sein Großvater sein könnte, oder der vermeintlich schwule Yoan zu Maries neuem Freund wird, der Film weigert sich beharrlich, diese Grenzüberschreitungen auch als solche in Szene zu setzen.

Rester Vertical 3

Dass dieses ungreifbare Begehren plausibel bleibt, hängt auch mit Guiraudies besonderem Gespür für eigenwillige Darsteller zusammen. Schon rein äußerlich unterscheiden sie sich von all den Körpern, die es sonst so auf einer Kinoleinwand zu sehen gibt. Obwohl sie buschige Augenbrauen haben, wulstige Finger, zerfurchte Gesichter und einen Silberblick, wirken sie nicht betont hässlich, sondern vielmehr aufgrund ihrer Normalität ungewöhnlich. Häufig müssen Darsteller, die weniger durch ihr ausgestelltes Spiel als ihre starke physische Präsenz beeindrucken, als Authentizitätsbeweis eines klassischen Sozialrealismus herhalten. Guiraudie greift zwar mit der Wolfsplage ein aktuelles Problem (nicht nur) französischer Bauern auf, geht aber einen anderen Weg: Er bringt seine Figuren zum Schweben.

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