Resist!: To Be with the Living

Resist! ist eine beeindruckende Dokumentation über die Arbeit der freien US-amerikanischen Theatergruppe „Living Theatre“, die inzwischen seit über fünfzig Jahren besteht. Die Regisseure Dirk Szuszies und Karin Kaper begleiten sie zu Projekten in der ganzen Welt von New York bis in den Libanon, und zeichnen das Bild einer Truppe, die fest entschlossen ist, bestimmte politische und soziale Strukturen nicht einfach hinzunehmen, sondern sie mit den Menschen diskutieren und verändern will.

Resist!

„All the good Words have been spoken, all the good wars have been fought“ beginnen Dirk Szuszies und Karin Kaper ihren Film, eine deutsch-belgische Ko-Produktion, über das Leben und die Arbeit des „Living Theatres“, einer freien Theatergruppe, die seit 50 Jahren besteht und bis heute etwa 80 Stücke in acht Sprachen in 25 Ländern gespielt hat und doch noch immer um ihr Bestehen kämpft. Während der ersten Worte sieht man nackte Körper, die offensichtlich eine Art Performance aufführen. Das Material scheint aus den Siebzigern zu sein, der Hippie Zeit, Flower-Power. Direkt im Anschluss sieht man Bilder vom Ground Zero, vom heutigen New York, den Stahlbauten, den gläsernen Häuserfassaden, dem Schutt. Die kalte Schönheit der Stadt kontrastiert mit den warmen Körpern der Künstler. In dem Arrangement der Bilder schwingt die Frage mit: Ist diese Art von Performance, von theatralischer Auseinandersetzung mit Politik, mit der Gesellschaft, heute noch modern? Hat sie noch Relevanz? Szuszies und Kaper zeigen dann eine Aufführung der Gruppe nach dem 11. September, die sich mit den Anschlägen und den darauf folgenden politischen Vorgehensweisen beschäftigt. Die Aufführung findet im Freien statt und die Künstler stellen sehr ambivalente Fragen in einer Zeit, in der die US-Regierung nur eine Alternative gelten lässt: Entweder bist du für uns oder gegen uns.

Resist!

Einer Aufführung des „Living Theatres“ auf dem Broadway stellen Szusies und Kaper die riesigen, glamourösen Musical-Plakate gegenüber, Werbeplakate, die ihnen als Symbole des Mittelklasse-Amerika dienen. Und mittendrin ist diese kleine Gruppe schwarzgekleideter Menschen, die versucht Passanten für die Abschaffung der Todesstrafe zu gewinnen. Wie aussichtslos dieser Kampf mitunter sein kann, zeigt eine junge Frau, die offen zugibt, für die Todesstrafe zu sein. Das sei immer noch billiger, als die Verurteilten in Gefängnissen einzusperren. Wie kann eine Theater-Aufführung hier wirksam werden, kann sie ein solches Denken überhaupt verändern? Auch der Film gibt darauf keine Antwort. Er fügt diese Szenen unkommentiert aneinander, aber gerade dadurch stellt sich beim Zuschauer ein tiefer Schrecken ein.

Dirk Szuszies war selbst lange Mitglied beim „Living Theatre“. Das erlaubt ihm einen intimen Einblick in die Lebenswelt der Truppe, die sich so vehement dem kommerziellen Theater verweigert. „Theatre is in the streets.“ Das Theater ist auf der Strasse, mit den Menschen, bei den Menschen, auf einer Kommunikationsebene. Szuszies und Kaper zeigen diese Aufführung am Broadway, der Straße des kommerziellen Theaters, in dessen „Hall of Fame“ das „Living Theatre“ 2003 trotzdem aufgenommen wurde. Das ist eine Ehrenbezeugung für die Truppe, denn in den USA, wo Theater nicht staatlich subventioniert wird, ist kaum Platz für kleine, individuelle, erneuernde Produktionen, die man, wenn überhaupt, nur in den Off-off Broadway Theatern findet.

Resist!

Aber die Truppe ist nicht nur in New York zu Hause. Sie ist überall dort, wo brennende Fragen gestellt werden. Szuszies und Kaper begleiten die Truppe, deren Mitglieder zwischen Zwanzig und Siebzig sind, auch nach Paris, Italien und in den Libanon. Überall setzten sie die Landschaft, seien es die Gebäudekomplexe der Großstädte oder die Schönheit Liguriens, den Protagonisten entgegen. Nirgends scheinen sie sich so ganz einfügen zu wollen, aber überall werden sie gebraucht. Sie verbinden ihr Theater mit den Lebenswelten der Menschen, erheben ihre Stimme, versuchen die Strukturen, in denen sie leben, zu hinterfragen. Manchmal wirken die Parolen und Äußerungen des „Living Theatres“ ein bisschen naiv in einer Welt, die immer komplexer zu werden scheint. Aber wenn die Gruppe, unter ihnen auch einige Juden, während ihres Aufenthalts im Libanon in die Berge, in Hisbollah-Gebiete, fahren, um dort Stücke aufzuführen, dann erkennt man, dass ihr Idealismus wichtig ist, denn dieser vermeintlich naive Glaube daran, die Welt vielleicht verbessern zu können geht Hand in Hand mit dem Mut dieser Gruppe.

Die Regisseure schneiden immer wieder Videos aus alten Performances der sechziger und siebziger Jahre in den beeindruckenden Film. „Fuck the legend“ schreit Judith Malina in einer Pariser Aufführung und erklärt im Interview, dass man als Legende nicht mehr Teil der Gegenwart sein kann. Und genau darum geht es den Mitgliedern: Teil der Gegenwart sein, mitgestalten, verändern. Deswegen sind die Rückblenden auch nicht als Legendenbildung zu verstehen, sie unterstreichen die Tatsache, dass die Motive des „Living Theatres“ nicht in der Zeit stecken geblieben sind, im Gegenteil: der Kampf für Menschenrechte, Freiheit, Vergebung und letztendlich auch, so banal es klingt, Liebe hat nichts an seiner Aktualität verloren. Vielleicht haben sich Art und Weise der Aufführung der Zeit angepasst, aber die Ziele bleiben dieselben.

 

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