Requiem

Requiem ist der vielstimmige Trauergesang auf ein leidendes Mädchen, das sich nicht helfen lassen will und verklärten Idealen folgend den düsteren Stimmen im eigenen Innern nachgibt.

Requiem

Den Sigmaringern sagt man im Kreis nach, sie seien eine Gefahr am Steuer. Karl Klingler (Burghart Klaußner) kann man dies gewiss nicht vorwerfen. Besonnen fährt er seine Hilfe suchende kranke Tochter Michaela (Sandra Hüller) durch das wunderschöne ländliche Idyll der schwäbischen Alb zu Priester Borchert (Jens Harzer).

Der von Elternhaus und Gemeinde getragene Erzkatholizismus hat sich bei der von Kindheit an mit epileptischen Anfällen geschlagenen jungen Frau festgesetzt, vor allem auch das Vorbild der Märtyrerin St. Katharina. Die Anforderungen und Verhaltenskodexe der Mutter, aber auch eigene Moralvorstellungen und eigenes Anspruchsdenken lassen sich immer weniger mit der Krankheit in Einklang bringen.

Als Michaela den vermeintlich großen Schritt ins nahe gelegene Tübingen wagt, wird ihr von mütterlicher Seite das Scheitern bereits in Aussicht gestellt. Zur Weihnachtszeit, von der Mutter, deren überschaubare Liebenswürdigkeit nur der kleineren Schwester zuteil wird, mal wieder gemaßregelt und gedemütigt, bricht Michaela aus. Sie verlässt den Gottesdienst und begeht damit die denkbar größtmögliche familiäre und dörfliche Provokation.

Requiem

Zurück im Studentenwohnheim kämpft sie gleichsam mit einer völlig unwichtigen Hausarbeit und mit den wachsenden Stimmen im Kopf. Ihre Kommilitonin Hanna möchte sie in ein Hospital und in psychologisches Gewahrsam bringen, doch der weite Weg über die Landstraßen führt Michaela nur wieder in das Heimatdorf. Ihr Freund Stefan übergibt sie ihrer Familie, Priester Borchert und dessen erfahrenem Amtskollegen Landauer. Doch es ist der jüngere der beiden Geistlichen, in dem die Idee wächst, dem Mädchen mit einem Exorzismus helfen zu können.
Der Beelzebub auf der schwäbischen Alb?

Tübingen, diese Stadt, in der alle engen Gassen immer nach oben führen wollen, wo Kahnfahren großes Studentenvergnügen ist, kommt so beschaulich daher wie nur irgendein deutsches Nest. Es mieft, wie die Flure des St. Irmgard-Studentenwohnheimes, in dem Michaela unterkommt. Hanna, mit der sie hier Freundschaft schließt, kommt aus demselben Kaff und leidet auch unter dem Elternhaus, im Speziellen unter dem alkoholkranken Vater. Gerade weil sich Tübingen so sehr aus Zulauf aus dem Umfeld speist, ist es wohl die regionalste und provinziellste Studentenstadt überhaupt. Die Kommilitonen sind hier so bieder, dass selbst die Studentenpartys höchstens noch in Sachen Musik darauf schließen lassen, was sich in städtischen Teilen der Nation zu dieser Zeit in den frühen Siebziger Jahren abspielt.

Requiem

Die eigentliche Dichotomie des Filmes, an der die Protagonistin schließlich zerbricht, ist nicht die zwischen Stadt und Land, sondern jene von Ratio und einem mythologisch durchtränkten, konservativen, fast fundamentalen Glauben. Diese Trennlinie zieht sich durch das Elternhaus ebenso wie durch die Kirche und Michaelas kleinen Freundeskreis. Der Vater, der alte Dorfpfarrer und Hanna wollen dem Mädchen mit Hilfe von Selbst- und Eigenständigkeit, Medizin und Psychotherapie helfen. Doch der junge beinahe fanatisch wirkende Priester, die versteinerte Mutter und der tumb-hilflose Freund reagieren anders. Sie sind selbst so verängstigt und verunsichert, dass sie Michaelas Masochismus irgendwann nachgeben.

Der rationale Standpunkt des Regisseurs ist dabei in jeder Einstellung unverkennbar: kein Bild zeugt von Hinweisen auf Übernatürlichkeit, kein Schockeffekt zieht den Zuschauer in die Psyche des Mädchens hinein. Denn dort sind keine Abgründe zu finden, sondern ein menschliches Schicksal, das allgemeingültig ist, eben ohne örtliche und zeitliche Gebundenheit. Deep Purples „Anthem“, das dem Film einen Teil seiner eigenständigen Atmosphäre vermittelt, ist mehr stimmungsbildend als zeitkolorierend. Und die schwäbische Umgebung ist nur ein Beispiel für Provinzialität als Nährboden für falsche Träume und fundamentale Gedanken. Keiner der Protagonisten spricht Dialekt.

Requiem

Michaelas Zustand verschlechtert sich, als sie eigenen Wünschen nachgeht, den Körper mit seiner Sexualität konfrontiert und vor allem die Einnahme der Medikamente einstellt. Zur Katastrophe kommt es dann nach dem fatalen Entschluss, die kirchliche und elterliche Fürsorge der ärztlichen vorzuziehen. Dieser Moment der Entscheidung, auf einem Zauberberg, mit wunderbarem Panorama, ist einer der nachdrücklichsten in Requiem. Zu diesem Zeitpunkt hat Michaela bereits einen Exorzismus hinter sich, der als inszenierte Szene so unaufdringlich wächst und so unspektakulär wie intensiv verläuft, dass man erst kaum wahrnimmt, wovon man gerade Zeuge geworden ist.

Der Abspann verweist auf weitere exorzistische Riten und das Ende dieser auf wahren Begebenheiten beruhenden Geschichte. Der Film entpuppt sich als Vorgeschichte eines Grauens, sozusagen als Opposition zu Der Exorzismus von Emily Rose, dem mystifizierten Nachspiel zum selben Vorkommnis. Doch mit diesem Film hat Requiem nichts gemein. Vielmehr konfrontiert er auf Augenhöhe Der Exorzist (1973), einen Meilenstein des Genres, mit den Prinzipien des Horrorfilms. Und siehe da, mit seiner so rhythmisch schleichend gleich bleibenden Geschichte über die psychischen Krankheiten, die man auch Dämonen nennen kann, einer jungen Frau, hat Hans-Christian Schmid etwas ganz erstaunliches geschaffen: Den Anti-Horrorfilm.

Kommentare


Michael

Der Film zeigt sehr gut, wie sich seelische Spannungen und Konflikte auf die Psyche auswirken und man daran zerbrechen kann.
Das Thema Exorzismus ist nicht Hauptbestandteil in diesem Film.
Auslöser der Spannungen in dem Mädchen, ist der Konflikt mit Ihrer Mutter und die evtl. übertriebene Glaubensprägung.
So vermittelt der Film eine absolut realistische Darstellung der wahren Begenheit.
Wirklich sehr sehenswert!


Luzifer

Realistisch? Der Regisseur sollte mal das Buch "Anneliese Michel und ihre Dämonen" gelesen haben.






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