Heal the Living

Filmfest München 2017: Schaltzentren, Umschlagplätze und miteinander vernähte Leben. Die Französin Katell Quillévéré hat mit Réparer les vivants einen Film gedreht, der analytisch kombiniert und erklärt, um dann in der kleinsten Regung plötzlich leidenschaftlich zu entflammen.

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Es gibt Dinge, die hält man für unmöglich, bis man sie sieht. Oder, wie im Fall von Katell Quillévérés Réparer les vivants, bis man sie erlebt. Wie da Tahar Rahim (Ein Prophet (2009); The Cut (2014)) ertappt auf seinen Bildschirm guckt, als die Kollegin ins Zimmer kommt und wissen will, was er sich gerade ansieht, erzählt schon einiges über ihn (und über sie). Dann zeigt Quillévéré den Monitor, auf dem Bilder eines singenden Stieglitzes laufen, schneidet zurück auf das Gesicht des Pflegers Thomas, den Rahim spielt, und sein bübisches Vergnügen über das Tier, es ist kaum auszuhalten: Es ist zart, komisch, lebendig. Selten hat es einen so glasklar analytischen und gleichzeitig pathosfreudigen Film gegeben, der in jedem Augenblick mehr ist als die Summe seiner Teile, weil die Gegenwärtigkeit aller Teile im Vordergrund steht. Der episodische Reigen, der sich anfühlt wie aus einem Guss, entfaltet nach und nach eine bodenständig-transzendente Wirkung.

Eine OP als Geschichtenumschlagplatz

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Sein Tschechow entlehnter Titel, Die Lebenden reparieren, zeigt schon die Haltung des Films: Es wird den Menschen unter die Haube geschaut, damit sie wiederhergestellt werden können, geheilt, vernäht, gesundet, aber mit Narben. Die Erzählstränge, die Quillévéré zusammen mit Gilles Taurand (Wilde Herzen, Les roseaux sauvages (1994); Winterdieb, L’enfant d’en haut (2016)) aus dem gleichnamigen Roman von Maylis de Kerangal adaptiert hat, werden wie dort verknüpft über eine mit Akribie geschilderte Organtransplantation. Die ist Nahtstelle, dabei aber vor allem auch Teil des über den gesamten Film gespannten Netzes an Beziehungen, Figurendimensionen und emotionalen Dynamiken. Wie ein Körper aufgeschnitten wird, damit ein anderer empfangen kann, das hat für sich genommen durchaus einigen Schauwert. Réparer les vivants nutzt diesen Umschlagplatz der miteinander verwobenen Geschichten für eine filmische Affizierung, der nicht mal mehr die klebrigen Klavierkompositionen von Alexandre Desplat im Weg stehen.

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Wie die oben beschriebene Momentaufnahme von Thomas und seiner Stieglitz-Emphase schildert Quillévéré eine selbstständige Situation nach der anderen: Ein Junge verlässt das Bett seiner Freundin, wirft einen Blick zurück, ein helles, bläuliches Licht lässt sie erstrahlen, er fotografiert sie, stiehlt sich aus dem Fenster, springt auf sein Fahrrad und düst in die Ferne. Die Kamera von Tom Harari vollzieht die Bewegungen des Jungen nach, fängt seine geschmeidige Rastlosigkeit ein, die vibrierende Energie, als ein Freund auf dem Skateboard zu ihm stößt und sie gemeinsam weiterfahren, wie um die Wette, nur freundschaftlicher. Die Sequenz, es ist eine von vielen, die fast ohne Worte auskommt, führt die Jungs zu einem dritten Freund in den Minibus, zum Surfen ins Wasser, unter Wasser, durch die Wellen in den Tag. Quillévéré erzählt ein Lebensgefühl, die Freude, da zu sein, und die Möglichkeit, dass das bald ein Ende nimmt. Das Risiko, die Zärtlichkeit des Männerbundes, die Schwere der Augenlider im Morgengrauen hinter dem Steuer.

Körper mit Relief

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Réparer les vivants ist etwas, das es in Europa in aller Regel nur in Frankreich gibt: Ein sich völlig aus den ästhetischen Entscheidungen erklärender Spielfilm, der in sich ruht, stimmig und reichhaltig ist und gleichzeitig ein Panorama an Lebens- und Arbeitswelten erfasst, wie sie nur unter erheblichem Aufwand für eine fiktive Erzählung aufbereitet werden können. Eine Wohltat, dass in Frankreich einer jungen, Mitte 30-jährigen Regisseurin für ihren dritten Spielfilm das Vertrauen eines Budgets von über 6,5 Millionen Euro geschenkt wurde. Es zahlt sich in den Details aus und in der Wucht des Ganzen. Bis in kleinste Nebenrollen ist der Film toll besetzt, mit bekannten wie unbekannten Gesichtern, die, ob jung oder alt, immer etwas davon atmen, dass sich diese Körper tatsächlich durch Licht und Luft bewegen. Sie haben Relief, in den dicken Lippen des Jungen (Théo Cholbi), der sein Studium abbricht und es seiner herzkranken Mutter nicht verraten will, und in den breiten Schultern des Mannes (Steve Tientcheu), der am Computer die Zuordnungen von Organspendern zu -empfängern vollzieht, in einem so mysteriösen wie detailliert gearbeiteten Raum, der auch die Schaltzentrale einer kleinen Weltraummission sein könnte.

Die emotionalen Verstärkungs- und Verteilungszentren sind Mütter: die des sterbenden Jungen und die mit dem kranken Herz. Emmanuelle Seigner gibt die eine, Anne Dorval die andere. Beide sind sie physisch gezeichnet, die eine torkelt vor Leid, die andere aus Kraftlosigkeit. Sie strahlen diese Stärke und Autorität aus, bei der ein einziger Wimpernschlag einen fordernden von einem großzügigen Blick trennt. Durch ihre Berührungen ordnen sie die Welt, durch ihre Aufmerksamkeit machen sie sie ganz. Wenn es keine Ärzte gäbe, dann wäre die Sache völlig klar: Sie wären diejenigen, die die Lebenden wiederherstellen.

Trailer zu „Heal the Living “


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