Rent

Bereits mit dem Melodram Seite an Seite (Stepmom, 1998) wandte sich Chris Columbus einem fast ausgestorbenen Genre des klassischen Hollywoodkinos zu. Mit Rent liefert der Regisseur der ersten beiden Harry-Potter-Filme (2001, 2002) nun ein Musical ab.

Rent

Künstler am Rande der Armut: Mehr schlecht als recht können sich der angehende Filmemacher Mark (Anthony Rapp), der erfolglose Songwriter Roger (Adam Pascal) und die Tänzerin Mimi (Rosario Dawson) ihre heruntergekommenen Apartments in New Yorks East Village leisten. Doch nicht nur der versnobte Vermieter Benjamin (Taye Diggs), einst Mitglied des eingeschworenen Freundeskreises, bereitet ihnen Kummer, auch die Folgeerscheinungen der Immunschwächekrankheit AIDS gehört zu den alltäglichen Sorgen, die die Freunde teilen.

Mit über 3.000 Aufführungen seit 1996 gehört Jonathan Larsons Version von Henri Murgers Drama La Vie de Bohème, das 1851 in Romanform erschien und auch als Vorlage für Puccinis Oper La Bohème (1896) diente, zu den am häufigsten aufgeführten Broadway-Musicals. Wie jüngst die Verfilmung des Broadwayhits The Producers (2005) zeigte, scheint gerade ein Erfolg dieser Größe die notwendige Absicherung zu sein, damit sich eine Hollywoodproduktion dem inzwischen raren Filmgenre, dem Musical, annimmt.

Rent

Im Gegensatz zum Videoclip-Look der 2002er Verfilmung des ebenfalls am Broadway umjubelten Musicals Chicago (1996), knüpft der Regisseur Chris Columbus mit seiner Fassung von Rent an ehrwürdige Vorgänger wie West Side Story (1961) an. Während Chicagos Anpassung an neue Sehgewohnheiten zugleich auch ein Verzicht auf die besondere Qualität vieler klassischer Musicals bedeutete – längere, komplex komponierte Einstellungen von Tanzchoreografien und Gesangspassagen – zollt Columbus’ Inszenierung des Rock-Musicals eben dieser Tradition Tribut. Doch trotz des anspruchsvollen Szenenaufbaus, der Columbus’ handwerkliches Geschick bescheinigt, gelingt es dem Regisseur nicht das Genre in einem in sich geschlossenen Film zu reanimieren.

Rent scheitert aufgrund der Ausgangssituation, beinahe nahtlos an die Bühnenvorlage anzuknüpfen zu wollen. Denn als würde der Regisseur um die Akzeptanz des heutigen Publikums gegenüber der betont artifiziellen Form des Filmmusicals fürchten, bricht er die Geschlossenheit der filmischen Welt auf und bezieht sich gleich in der ersten Szene auf eine Theatererfahrung. So singen die als Schauspielerensemble kenntlichen Mitwirkenden ein A capella auf einer Bühne, die sich außerhalb der filmischen Erzählung befindet. Dieser Ansatz setzt sich fort, in dem die narrative Struktur der Bühnenversion maßgeblich auf den übrigen Film übertragen wird. So führt etwa die filmdramaturgisch unglückliche Übernahme der Aneinanderreihung mehrer Balladen in der zweiten Hälfte des Films zwangsläufig zur Ermattung und bewirkt, was der energische Einsatz der Schauspieler und die klangvoll abgemischte Tonspur eigentlich zu verhindern suchen – das Desinteresse am Schicksal der Figuren.

Wenn Rent sich auch dank der inszenatorischen Raffinesse positiv von Filmen wie Chicago abhebt, bleibt die forcierte Synthese aus Bühnenstück und Filmmusical doch unausgegoren. Man hätte sich gewünscht, dass Columbus mit dem Erbe des Kino-Musicals selbstbewusster umginge und deutlicher über den Vermarktungsansatz, das erfolgreiche Broadwaymusical nun in Filmform präsentiert zu bekommen, hinausginge.

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