Relasyon

Ishmael Bernal erkundet Möglichkeiten der Liebe in der falschen Welt und erzählt dabei konsequent aus weiblicher Sicht.

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Von der zügellos polymorphen Sexualität, die durch Ishmael Bernals wohl bekanntesten Film Manila by Night (resp. City After Dark) (1980) pulsierte, ist im zwei Jahre später entstandenen Relasyon nichts zurückgeblieben. Bernal hat einen straighten Beziehungsfilm realisiert, der ganz in der Normalität des Beziehungsalltags aufgeht – seinem eigentlich skandalösen Gegenstand zum Trotz. Beiläufig erzählt der Film davon, wie die junge Angestellte Marilou (Vilma Santos) mit ihrem Geliebten, dem verheirateten Familienvater Emil (Christopher de Leon), zusammenzieht. Hintergrund dieses Arrangements ist, das macht der Film deutlich, das rückständige Heiratsrecht auf den Philippinen. Ehen können hier bis heute nicht geschieden, sondern lediglich annulliert werden, und auch das nur dann, wenn bestimmte, genau definierte Gründe vorliegen.

Mit jeder Filmminute wachsende Würde

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In didaktischen Szenen steckt Relasyon sein Problemfeld ab. Einmal springt ein juristisch gebildeter Onkel bei, um Marilous schwierige Rechtslage im Erbfall oder beim Anspruch auf Unterhaltszahlungen auszuführen. Oder es sind Marilous sehr auskunftsfreudige Freundinnen, die reihum Stichworte liefern zu einer kleinen Soziologie der Optionen, die jungen Frauen in der philippinischen Gesellschaft jener Zeit offen gestanden haben mochten. Neben dem Dasein als Zweitfrauen ohne rechtliche Anerkennung schwebt Bernals Ladenmädchen vor allem eines vor: das bessere Leben in Amerika.

Relasyon bleibt auf den Philippinen, auf dem Boden der Tatsachen. Aber der Film erschöpft sich nicht in Sozialkritik. Hinter dem wohlmeinenden Problemfilm versteckt sich ein Alltagsepos der real existierenden Liebe, so wie und sofern sie in der falschen Welt zu haben ist. Mitunter gerät dieser epische Zug des Films mit seinen erklärten Lehrinhalten in Konflikt. Dass Marilou die Ratschläge des gut informierten Onkels in den Wind schlägt, ist natürlich unvernünftig. Aber es ist gerade ihre sture Unvernunft den widrigen Umständen gegenüber, die uns so für sie einnimmt. Darin auch liegt die leise, mit jeder Filmminute wachsende Würde dieser eigentlich banalen Figur. Ab einem gewissen Punkt dann genügt es, Vilma Santos beim Auftragen des Make-ups zuzusehen – und das Herz will einem zerreißen.

Via Tropfinfusion verabreichter Schmerz

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Relasyon erzählt episodisch vom Gelingen und Scheitern des Zusammenlebens, schlägt sich dabei aber konsequent auf Marilous Seite. Streit, Verhandlungen und Versöhnungen sehen wir mit ihren Augen, gefärbt durch ihre emotionale Perspektive. Manchmal hat es den Anschein, Bernal konnte gar nicht anders, als sich der gelebten Liebe aus weiblicher Sicht zu nähern, sind es doch immer und ausschließlich Frauen, die in Relasyon die schwere Beziehungsarbeit leisten. Die Frage der rechtlichen Anerkennung von Marilou und Emils Partnerschaft wird so als eine Art Arbeitskampf lesbar, auch wenn keine der Figuren es jemals so beschreiben würde.

Fast frei von melodramatischen Spitzen induziert der Film den großen Schmerz, der auf Marilou wartet, wie eine Tropfinfusion: in kleinen, kontinuierlichen Dosen. Emil ist (von Anfang an: er muss sich nicht erst entpuppen) launisch, herrisch, wehleidig – nichts davon aber im dramatisch relevanten Übermaß. Kein Bösewicht, sondern einfach so ein Typ, den auszuhalten unmerklich, dafür aber andauernd weh tut.

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Über zwei Stunden erstreckt sich Marilous kleines Alltagsmartyrium. Der smoothe, vage sehnsüchtige Jazz-Score (er klingt wie New York im Herbst) von Winston Raval legt sich darüber wie ein Refrain. Emils Tod – er stirbt qualvoll an den Folgen einer Hirnblutung – ist ein später Höhepunkt des Films: Rasend vor Kopfweh torkelt und taumelt er durch eine lange, ungeschnittene Einstellung, quer durch die Wohnung, die der prekären Beziehung ein Zuhause sein sollte, Einrichtungsgegenstände und alle Hoffnung auf ein gutes Ende mit sich reißend.

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