Reine Geschmacksache

Die Tragikomödie über einen Handelsvertreter reiht sich ein in die Vielzahl von Filmen über die existenzielle Angst des Bürgertums. Merkwürdigerweise haben die Protagonisten in diesen Filmen meistens eine ganz bestimmte Art von Beruf.

Reine Geschmacksache

In Filmen gibt es im Wesentlichen drei verschiedene Klassen von Berufen. Entweder einen interessanten oder zumindest skurrilen Job, der es aus reinem Interesse des Publikums verdient, in den Mittelpunkt gestellt zu werden. Dazu gehören zum Beispiel Detektive, Journalisten, Modeschöpfer, Atomphysiker, Gangster, Testfahrer, Künstler, Ärzte oder Börsenmakler. Oft wird daraus ein realistisches Arbeitsplatzdrama, wie es zum Beispiel Alan J. Pakula mit Die Unbestechlichen (All the President`s Men, 1976) für den Journalismus geschaffen hat, ansonsten vielleicht immer noch ein guter Genre-Film.

Dann gibt es - zweitens - Berufe, die weniger glamourös sind, dafür aber durch ihren spezifischen Ort innerhalb einer Gesellschaft guten Stoff für viele Geschichten abgeben. Dazu zählt die Kellnerin im amerikanischen Diner oder der Butler im englischen Landhaus; ebenso der Chauffeur der reichen Lady, der Zauberkünstler im Varieté, der Taxifahrer in New York, der Bestattungsunternehmer in Pasadena und die Lehrerin in einem Mädcheninternat - nichts, weswegen man gleich die Stellenanzeigen durchblättern will, aber gewiss auch nichts, weswegen man dem Kinosessel fernbleibt. Man sieht ihnen nicht deswegen gerne zu, weil sie spannende Dinge erleben, sondern weil sich ihre Erlebnisse auf unaufdringliche Art und Weise aus ihrer Tätigkeit entwickeln.

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Und dann gibt es noch - drittens - jene Art von Berufen, die nichts sind als eine Metapher, eine ein Prinzip verdeutlichende Drehbuchidee. Sie sollen den Gemütszustand des Protagonisten ausdrücken und seine - meist beschränkte - Sicht auf die Welt. In neueren Filmen manifestiert sich anhand einer solchen Tätigkeit nichts weniger als eine grundsätzliche Krise des (Klein)Bürgertums und seiner Protagonisten, die in möglicherweise nicht schlecht bezahlten, aber öden Jobs ihr Leben fristen. Da ist zum Beispiel Kevin Spacey als Call-Center-Mitarbeiter in American Beauty (1999) zu nennen. Seine häufigste Anwendung scheint dieses Konstrukt jedoch im deutschen Film zu finden, vor allem in den letzten Jahren: Daniel Brühl als Versicherungsmathematiker in Ein Freund von mir  (2006), Gustav-Peter Wöhler als Sparkassenangestellter in Urlaub vom Leben  (2005) oder auch Bülent Akincis Der Lebensversicherer  (2006), der dieses Prinzip des symbolischen Berufs sogar im Titel trägt. Zu der Reihe von professionellen Tätigkeiten, die im Kino nicht gut weg kommen, gehört auch der Handelsvertreter, und um einen solchen geht es in Reine Geschmacksache, dem ersten Langspielfilm von Ingo Rasper.

Wolfgang Zenker, genannt Wolfi (Edgar Selge), ist Handelsreisender in Sachen Mode, und zwar mitten in der nordrhein-westfälischen Provinz, in Jülich. Weil er wegen zu schnellen Fahrens seinen Führerschein verliert, muss Sohn Karsten (Florian Bartholomäi, bekannt aus Kombat Sechzehn, 2005) auf seine Reise nach Spanien verzichten und dem Vater als Chauffeur aushelfen. Das tut er natürlich äußerst unwillig. Die Konflikte zwischen Vater und Sohn münden in einen Film, den der Verleih als „Buddy-Komödie“ bezeichnet und der auch deutliche Elemente einer Verwechslungskomödie aufweist, allerdings fast durchgängig einen durchaus ernsten Ton anschlägt.

Reine Geschmacksache

Wolfi verliert viele Kunden, weil ein smarter Konkurrent (Roman Knizka) ihm unter Verwendung unlauterer Methoden und einer modernen Produktlinie mit dem gruseligen Namen „Gracilia“ sein Revier streitig macht. Das Konto ist leer, die Ehefrau rebelliert und außerdem ist Sohn Karsten schwul. Der kleinstädtische Handlungsort sorgt zudem dafür, dass die Personen sich ständig auf der Straße über den Weg laufen, fast wie auf einer engen Theaterbühne. Die verschiedenen Handlungsstränge führen am Ende ganz klassisch zu reichlich Chaos, aber auch hier wieder - trotz spektakulärer Versenkung eines Autos im Gartenteich - mit einer sehr bitteren Note.

Das liegt vor allem an Wolfi, der von Edgar Selge großartig gespielt wird. Der pedantische, seine Unsicherheit mit Grobheiten überspielende, vom Schicksal gebeutelte Mann ist keine Figur für eine Komödie. Man sieht vielmehr der Auflösung einer Existenz zu, und auch wenn seine Charaktereigenschaften das Zeug zur lustigen Person haben, seine Situation hat das nicht. Selge spielt diesen Wolfi, dessen bröckelnde Stellung schon in seinem meistens nur in der Verkleinerungsform auftauchenden Vornamen durchscheint, dankenswerterweise auch nicht als lächerliche Figur, obwohl das Drehbuch ihn immer wieder in lächerliche Situationen schiebt.

Reine Geschmacksache

Die ergeben sich zunächst vor allem aus seiner engen beruflichen Welt, in der bei Besprechungen Wortungetüme wie „Endverbraucher“ fallen und in der er sperrige Garderobenstangen mit geübtem Griff im Kofferraum verstauen muss, oder sich mit mehr oder weniger unwilligen Boutiquenbesitzerinnen (unter anderem die Fassbinder-Schauspielerin Irm Hermann in einer kleinen Nebenrolle) auseinanderzusetzen hat. Regisseur Rasper, der zusammen mit Tom Streuber auch das Drehbuch geschrieben hat, entwickelt aus dem Jobmilieu mehr Handlung als die Macher der meisten der oben genannten Filme. Er umgeht die Falle der Denunziation, die mit solch symbolischem Gebrauch von Berufen einhergeht, indem er die Arbeit halbwegs realistisch inszeniert und Wolfi sogar eine gewisse Ethik entwickeln lässt: Er wehrt sich gegen Billig-Klamotten im Zuge der Globalisierung, und einer dicken Kundin sagt er einfach, dass ihr das enge Teil nicht steht. So wirft der Film letztlich doch noch ein versöhnliches Licht auf die Branche der Handelsvertreter.

 

Kommentare


Zeiram

Ich habe den Film gestern in einer Sneak Preview gesehn und fand ihn eigentlich ziemlich gut. Kein Meisterwerk und auch nicht einer der besten Deutschen Filme aber immerhin recht witzig und gut gespielt. Interessanter als der Film selbst, war jedoch die Reaktion des Publikums. Da sich bei der ersten "homoerotischen" Szene ungefähr die hälfte des "männlichen" Publikums erhob und ging.






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