Reifezeit

Reifezeit arrangiert Einblicke in ein harsches Kinderleben zu einem zugleich klarsichtigen wie anrührenden Mosaik des Erwachsenwerdens.

Reifezeit 01

Tick, Tack. Es ist, als sei die Zeit in ihre Einzelteile zerfallen. Nach jedem Tick ist ungewiss, ob ein Tack folgen wird. Dazwischen bleibt Leere, Vagheit, Warten. Der einzelne Uhrenschlag ist so etwas wie das Elementarteilchen in Sohrab Shahid Saless’ Reifezeit von 1976, einer filmischen Primfaktorzerlegung prekären Lebens im Post-Wirtschaftswunder-Deutschland. Über unausmessliche Intervalle hinweg tickt da eine Standuhr in einer ärmlichen Berliner Mietwohnung.

Atomare Raum-Zeit-Bilder

Reifezeit 02

Dort lebt der vielleicht zehnjährige Michael (Mike Henning) mit seiner Mutter (Eva Manhardt), die nachts immer sehr spät und sehr stark geschminkt nach Hause kommt. Im Stockfinstern zerlegt Ramin Reza Molais Kamera den Raum in einzelne Lichtinseln – die Küche, der Schminktisch, das Bett –, dazwischen herrscht körperverschlingende Dunkelheit, die so tief scheint wie die Zeit zwischen den Uhrenschlägen endlos. Und ebenso wie hier jeder Gegenstand quasi aus Schatten modelliert für sich allein steht, so schneidet auch das Sounddesign fast schmerzhaft deutlich einzelne Geräusche aus der Stille. Ein vorüberfahrendes Auto. Der laufende Wasserhahn. Ein zerspringender Teller.

Mutter und Sohn sind gleichsam je für sich Einzelgänger. Sie kommt heim, wenn er eigentlich lange schon schlafen sollte, obwohl er meist noch bang wach liegt. Er geht, wenn auch ohne große Lust, morgens in die Schule, während sie noch schläft. Am Nachmittag sehen sie sich vielleicht. Es wird, wie meist bei Saless, wenig gesprochen, aber umso mehr durch Taten gezeigt und erzählt.

Reifezeit 03

Niemandem muss erklärt werden, dass die Mutter als Prostituierte arbeitet. Es reicht, der stoisch ihre Scham verleugnenden Frau dabei zuzuschauen, wie sie des Nachts vor dem Spiegel sitzt und zunehmend ermattet Reif um Reif vom Arm, Ring um Ring von den Fingern klirren lässt. Als müsste ein Ritter seine Rüstung ohne jede Hilfe Stück für Stück ablegen. Ihre Arbeitswelt bleibt nur angedeutet, muss aber eine harte sein. Die kleine Einzimmerwohnung dagegen ist die Trutzburg, in der sich zwei Ausgeschlossene verbarrikadieren können.

Polyrhythmisches Miteinander

Reifezeit 04

Die Alltage von Mutter und Sohn fügen sich aus Einzelhandlungen allmählich zusammen, wie ineinander greifende Glieder einer Kette, oder besser: wie zwei unabhängige, aber aufeinander eingespielte Rhythmen, denen die unerbittlich tickende Uhr den Grundtakt vorgibt. Dieses Aufeinander-eingespielt-Sein ist getragen von einer berührenden Intimität, die sich paradoxerweise aus sorgsam gewährten Distanzen ergibt. Selten bis nie ist man physisch zärtlich zueinander, streichelt, umarmt oder küsst sich. Aber wenn die zerschmetterte Mutter nach dem Ritual des nächtlichen Abschminkens noch ein Pausenbrot einwickelt und ein paar Münzen herauslegt, wenn der auf Zehenspitzen schleichende Sohn diese Dinge am nächsten Morgen einpackt, bevor er die Tür vorsichtig zuzieht, um die Mutter nicht zu wecken, dann sind all dies am Anderen geformte Gesten, gezeichnet von gleichzeitiger Zuneigung und Rücksichtnahme, unselbstverständlich und füreinander gemacht wie immer neu dargebotene Geschenke. In Miniatur scheint hier eine komplette interpersonale Ethik ausbuchstabiert.

Reifezeit 05

Reifezeit ist nicht nur in dieser Hinsicht ein humanistischer Film. Dieser schwierige, altmodische Begriff soll hier im schlichtesten Sinne verstanden werden: der Mensch als Maß der Dinge. Nie besetzt die Kamera eine Position, die nicht bereits durch einen Blick im Bild erschlossen wäre oder zumindest potenziell von einer Person besetzt werden könnte. Nie düpiert die Erzählung ihre Figuren durch konstruierte Situationen oder erlogene Gefühle. Immer gewährt der Schnitt genug Zeit, um einen Eindruck zu verdauen, eine Handlung nachzuvollziehen, die Dauer des Wartens und Lebens im Film mitzuerleben. Vor allem aber ist es der Blick des Kindes und auf das Kind, der dem Film sein menschliches Antlitz verleiht.

Beobachtungen eines Heranwachsenden

Reifezeit 06

Wie schon im zwei Jahre zuvor gedrehten, geistig und inszenatorisch verwandten Ein einfaches Ereignis wählt Saless den kindlichen Hauptprotagonisten nicht aus sentimentalistischen Gründen. Michael ist nicht Einfallstor für leicht abrufbare Empfindungen des Mitleids. Er stiehlt seinen Mitschülern Schokolade und einer Blinden von gegenüber (Eva Lisse) Kleingeld, bockt die Lehrer an und hat keine Freunde. Saless’ will sein Publikum nicht emotional erpressen. Ihm dient der kindliche Blick im Gegenteil dazu, die Widrigkeiten des Lebens noch klarer hervortreten zu lassen. Kinder liegen in ihrer Noch-nicht-Angepasstheit immer ein bisschen quer zum gesellschaftlichen Normalmodus. Mal werden sie ausgeschlossen, mal lässt man sie viel näher heran als Erwachsene. Wenn die Mutter mit ihrem Zuhälter an der Tür tuschelt, darf Michael zwar nicht nahe genug ran, um zuzuhören, aber niemanden stört sein bohrendes unentwegtes Schauen. So nutzt Saless die kindliche Erfahrung, um unsere Wahrnehmung bedächtig umzuverteilen, in einem Spiel aus mal unverstellten, mal verborgenen Einsichten. Wie die Mutter, die sich ständig schminkt und abschminkt und so allmählich eine unnahbare, verletzliche Schönheit hervorkehrt.

Reifezeit 07

Auf solche Art erzählt Reifezeit denkbar subtil und ganz im Sinne seines Titels vom unerbittlichen Hereinwachsen des Kindes in die vom Alltagstrott geschliffenen Routinen des Erwachsenenlebens. Michael führt die nötigen Handlungen schon aus, aber Mike Hennings feingliedriger Kinderkörper lässt alles – und hierin liegt die denkbar zarteste Poesie – leicht ungelenk und wie einstudiert wirken. Selbst im Zwang lebt Michael noch im Möglichkeitskosmos der Jugend, quasi im Konjunktiv. Ständig hetzt er steile Altbautreppen herab und schleppt sie sich herauf, aber es wirkt, als mime er den von der Arbeitsfron diktierten Malocher vorerst noch. Der Trott ist noch nicht habitualisiert. Dieses kindliche Spiel mit dem Unausweichlichen wird unfassbar verdichtet, als Michael mit geklauter Schokolade vom reicheren Klassenkamerad ein paar Minuten seines größten Traums ausborgt: ein Fahrrad. Aber anstatt wild damit herumzuwirbeln, fährt er nur endlos in engen, monotonen Kreisen. Rund und rund und rund und Tick und Tack – ein Kinderspiel, der Ernst des Lebens.

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