Reich mir deine Hand
Mit viel Naturmetaphorik erzählt dieser Debütfilm von zwei Zwillingsbrüdern auf dem Weg zur Beerdigung ihrer Mutter – und auf der Suche nach ihrer Individualität.
Ein Roadmovie führt, der Name sagt es bereits, meist eine Straße entlang. Der Held befindet sich auf einer äußeren wie inneren Reise, ein gewisser Symbolismus ist dem Genre nicht fremd. Oft beschwört ein solcher Film die Geschwindigkeit. Pascal-Alex Vincent bezieht sich in seinem Langfilmdebüt Reich mir deine Hand zwar explizit auf Vorbilder wie Monte Hellman (Asphaltrennen, Two-Lane Blacktop, 1971) und Terrence Malick (Badlands, 1973), schaltet aber erst einmal mehrere Gänge zurück. Sein Film ist so langsam, wie es für ein Roadmovie gerade noch erträglich ist. Was nicht nur daran liegt, dass seine Helden einen großen Teil des Weges zu Fuß zurücklegen.
Die Zwillingsbrüder Antoine und Quentin, träge gespielt von Alexandre und Victor Carril, sind unterwegs von Frankreich nach Spanien. Dort wollen sie zur Beerdigung ihrer Mutter, die sie nie gekannt haben. Einer von beiden hat eine Narbe an der Stirn, die nichts anderem dient als der Unterscheidbarkeit. Wenn man auch hier von der Selbstfindung des Helden sprechen will, dann äußert sich diese darin, dass aus der als Einheit empfundenen Geschwisterlichkeit nach und nach zwei unterschiedliche Personen hervorgehen. Gedehnt auf 80 Minuten, ist aus dieser Idee bestenfalls ein Trampelpfad-Movie geworden.
Besonders in seinen langen Naturbetrachtungen wirkt Reich mir deine Hand wie eine ermüdende Hommage an Malick. Da rauschen die Blätter und die Kamera wird bedeutungsvoll zwischen Bäumen auf den Himmel gerichtet. Dass der Film mit einer Anime-Sequenz beginnt, die den Aufbruch der beiden Brüder beschreibt, macht die Sache nicht besser. Einzige Verbindung zwischen diesem Anfang und dem Rest des Films ist die Tatsache, dass Quentin als der künstlerisch Begabte der Brüder ständig einen Zeichenblock mit sich herumträgt.
In der Bildgestaltung wird die Einheit der Brüder zunächst betont, um später immer häufiger trennende Kadrierungen zu verwenden. So fahren sie einmal als Anhalter auf einem Lastwagen mit und setzen sich in eine große Röhre auf der Ladefläche – was deutlich die Assoziation der gemeinsamen Zeit im mütterlichen Bauch hervorruft. Die immer wieder ausbrechenden Kämpfe sehen aus, als raufe da jemand mit sich selbst, als sehnten sich beide danach, ihr wahres Ich zu befreien. Gegen Ende werden Gesichter und Körper von Antoine und Quentin in Opposition gestellt.
Und trotz dieser Individualisierungsbemühungen werden sie doch von ihren Bekanntschaften während der Reise als Einheit wahrgenommen. Ein Mädchen, das sie einen Tag lang begleitet, schläft nacheinander mit beiden Brüdern. Die Begegnung mit zwei jungen Frauen, in deren Ente 2CV sie mitfahren, endet gemeinschaftlich mit Sex zu viert. Trennend wirkt nur eine homosexuelle Komponente, die spät eingeführt wird. Erst diese schwule Begegnung Quentins mit einem arabischen Jungen (im Mondlicht!) sorgt für eine tiefe Irritation bei Antoine. Dass Quentin sowohl den künstlerischen als auch den homoerotischen Part darstellt, entspricht aber auch wieder nur einem Klischee. In diese Kategorie des Althergebrachten fällt auch die Schlussszene, die – wenig originell – am Strand spielt.
Reich mir deine Hand hat schöne Momente und einen ruhigen, getragenen Rhythmus, der in einem Kurzfilm wohl als lyrisch empfunden würde. Aber er findet kein Maß für die Abbildung einer intensiven Zweierbeziehung, die somit einen Dritten – den Zuschauer – ausschließt.
Filmkritik von Thorsten Funke
Veröffentlicht am 23.02.2009
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Film-Angaben
Titel: Reich mir deine Hand
Originaltitel: Donne-moi la main
Frankreich, Deutschland 2008
Laufzeit: 80 Minuten
Regie: Pascal-Alex Vincent
Drehbuch: Pascal-Alex Vincent, Martin Drouot
Produktion: Nicolas Brevière
Bildgestaltung: Alexis Kavychine
Montage: Dominique Petrot
Musik: Tarwater
Darsteller: Alexandre Carril, Victor Carril, Anaïs Demoustier, Samir Harrag, Katrin Saß
Kinostart: 26.02.2009
Copyright Reich mir deine Hand
Fotos: © Edition Salzgeber
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