Regression

Eine Ermittlung im toten Winkel der menschlichen Psyche. Alejandro Amenábar knüpft mit einem äußerlich klassischen, aber innerlich durchaus modernen Paranoia-Thriller an seine anspruchsvollen frühen Genrefilme an.

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Die düstere Welt, die der Spanier Alejandro Amenábar in seiner neuesten Regiearbeit erschaffen hat, wirkt wie aus einem Film noir. Das mag abgedroschen klingen, aber wie hier das kalte Bürolicht durch die Jalousien eines Verhörzimmers fällt, wie bedrohliche Schatten über die Wände tänzeln oder ein unheilvoller Regenschauer vom Himmel prasselt, als hätte Gott dieses Stückchen Erde bereits aufgegeben, all das kann man sich ohne die Verdienste der Schwarzen Serie kaum vorstellen. Und dann gibt es noch Ethan Hawke als gequälten Detective im Trenchcoat, der durch eine Kleinstadt in Minnesota irrt, als wäre es der urbane Neon-Dschungel. Der historische Blick ist ein wichtiger Bestandteil von Regression. Nicht nur, weil er sich ästhetisch auf verschiedene Traditionen des Genrekinos beruft – die vom Film noir über das Paranoia-Kino bis zum Horrorfilm reichen –, sondern auch, weil die Handlung, die hier erzählt wird, in der Vergangenheit spielt, genau genommen im Jahr 1990, als unheimliche Geschichten über Satanisten das Land in Angst und Schrecken versetzten. Gleich mehrmals rückt die Kamera einen Fernseher ins Bild, auf dem eine reißerische TV-Sendung läuft, die sich an den Sensationen des grausamen Kults ergötzt.

Trugbilder und falsche Erinnerungen

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Es beginnt alles mit einem scheinbar gewöhnlichen Missbrauchsfall: Der streng gläubige Familienvater John (David Dencik) soll über seine Tochter Angela (Emma Watson) hergefallen sein, kann sich daran aber nicht mehr erinnern. Als sich Detective Bruce Kenner (Hawke) der Sache annimmt, deutet alles auf eine große Verschwörung hin. Doch niemand scheint sich wirklich erinnern zu können – oder zu wollen. Deshalb soll mithilfe eines Psychologen (David Thewlis) und der Methode der hypnotischen Regression zum Kern der Wahrheit vorgedrungen werden. Schicht um Schicht an Verdrängtem wird entfernt, um einen Fall offenzulegen, der immer ungeheuerlicher wird. Schon bald findet sich Kenner inmitten einer kruden Geschichte über Teufelsanbeter, die das Dorf beherrschen, Babys opfern und allen, die von ihrer Existenz erfahren, eine ungeheure Angst einjagen.

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Der Dunkelheit, von der die Bilder beherrscht werden, kommt bei dieser Ermittlung eine symbolische Bedeutung zu. Sie steht nicht nur für eine Bedrohung, die dann am furchteinflößendsten ist, wenn sie diffus bleibt, sondern auch für einen toten Winkel der eigenen Psyche – einer Sammlung von Ereignissen, bei der man sich nicht sicher sein kann, ob man sie wirklich erlebt hat. In einem typischen Spannungsmoment des Films zeigt uns Amenábar eine Weile die schwarze Leinwand, bis sich schließlich der Kopf eines Panthers abzeichnet. Dabei drängt sich nicht nur die Frage auf, was das exotische Tier im Norden der USA zu suchen hat, sondern auch, welchen Erinnerungen und Bildern man hier eigentlich noch trauen kann.

Ein Kino der ewigen Verunsicherung

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Amenabár beherrschte es schon am Anfang seiner Karriere, die Möglichkeiten des Genrekinos auszureizen. Mit seinem an Metaebenen reichen Abschlussfilm Tesis (1996) bewies er, dass man auch mit wenig Geld einen nervenzerreißenden Horrorfilm inszenieren kann. Danach ging es nicht minder ambitioniert weiter. Es folgten der hochkomplexe Science-Fiction-Film Virtual Nightmare – Open Your Eyes (Abre los ojos, 1997) sowie The Others (2001), ein subtiler Haunted-House-Horrorfilm mit doppeltem Boden. Wenn Amenábar sich nun nach 14 Jahren und zwei eher unüblichen Regiearbeiten wieder seinem Kino der ewigen Verunsicherung zuwendet, wird diese Rückkehr zum Triumph. Wieder steht dabei eine Figur im Mittelpunkt, die mit einer brüchigen Realität konfrontiert wird und schließlich an ihrem eigenen Geisteszustand zu zweifeln beginnt. Der Zuschauer bleibt hier der unzuverlässigen Wahrnehmung des ausgebrannten Detectives verpflichtet. Amenábar beherrscht  dabei spielend die klassischen Mechanismen der Spannungserzeugung, zeigt sich an den Rändern seiner Erzählung aber auch an einem gesellschaftlichen Psychogramm interessiert.

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Wenn es im Kino um den Teufel geht, bietet in der Regel zumindest die Kirche noch Halt. Regression verzichtet dagegen auf sämtliche Sicherheiten. Das ist zwar hauptsächlich ein dramaturgischer Kniff, der auf eine mehr oder weniger überraschende Wendung hinausläuft, zeichnet aber auch ein ausgesprochen düsteres Weltbild, das von einem gesunden Misstrauen gegenüber den klassischen Hütern der Moral durchzogen ist. Das fahle, eingefallene Gesicht des Dorfpfarrers, bei dem Angela unterkommt, wirkt letztlich nicht weniger beängstigend als die geheimnisvollen Satanisten. Selbst die traditionelle Familie ist hier nicht mehr Keimzelle der Gesellschaft oder Hort der Geborgenheit, sondern vor allem ein degenerierter Haufen, der für einen nicht unbeträchtlichen Teil des Übels verantwortlich ist. Man sollte sich nicht davon ablenken lassen, dass Regression in der Vergangenheit angesiedelt ist und mit einer Vintage-Ästhetik spielt. Denn eigentlich hat Amenábar einen ziemlich modernen Film gedreht.

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