Red State

„Don't be so fucking middle class!“ Drei Teenager fallen auf das Sexversprechen der nächsten MILF rein und geraten in die Fänge blutrünstiger Fanatiker.

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Alles klar: Das Unheil unserer Gesellschaft ist dessen unverfrorene Toleranz für Homosexuelle. Sie pflanzen sich nicht fort, aber sie werben und rekrutieren Sündiger. Im Tsunami in Thailand hat sich die Hand Gottes so eindeutig gezeigt wie noch nie: Es war die gerechte Strafe für die dort andauernde Unzucht mit Kindern.

Provokativ, direkt, politisch bedeutsam. Das möchte Kevin Smiths Red State am liebsten sein und gibt sich als durchaus ernst gemeinter Horrorfilm einer Satire des Bösen hin. Das sind hier religiöse Fanatiker, die eine pathologische Obsession mit Schwulen und anderen sexuellen Normabweichungen pflegen. Nicht zuletzt wegen der in den letzten Jahren gewachsenen medialen Präsenz und Bedeutung der Tea Party Bewegung bilden sie ein besonders aktuelles Sujet. Die Produktionsgeschichte des Films lädt ihn zusätzlich mit dem Gestus des kulturellen Widerstandes auf: Die geschätzten vier Millionen Dollar des Budgets mussten komplett durch private Investoren gestemmt werden, und Indie-Veteran Smith entschied sich – aus eher undurchschaubaren Gründen –, den Film nach dessen Sundance-Premiere in den USA zunächst in Eigenregie in Form einer Kinotournee zu vertreiben. Beim Filmfestival von Locarno ist er erstmals international zu sehen.

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Dass Red State ein „Indie“ ist, hat Kevin Smith seinem Film geradezu eingeimpft. Vom ersten Bild an ist der Wille zur Entsättigung offenbar, die Handkamera bewegt und die Schauspieler gucken gerne mal nach unten oder weg, so dass ihre Gesichter nicht für Empathie oder gar Sympathie herhalten können. Doch dann kommt der Bösewicht ins Bild. Abin Cooper (Michael Parks), Pastor der Five Points Kirche, rückt recht schnell ins Zentrum der Aufmerksamkeit und macht den Horrorfilm zeitweise zum Slasher. Das ist für Red State durchaus eine gute Sache, denn die Teenager, die die Geschichte mit ihrer Bereitschaft zum gemeinsamen Sex mit einer älteren Frau in Gang setzen, sind doch arg konturlos. Zudem ist es natürlich faszinierend, Fanatikern zuzuhören, sich in ihre Logik hineinzudenken, Motivationen aufzuspüren und auf angenehme Kino-Distanz deren Untergang beizuwohnen. Nur leider bleibt diese Distanz stets zu groß.

Konsequent – aber zum Nachteil des Films – lässt Smith das Spiel seiner Darsteller nie zu viel Intensität gewinnen. Man mag bei der Pastorenfigur an There Will Be Blood (2007) denken und den so erinnerungswürdigen wie extremen Auftritt von Paul Dano als Prediger Eli Sunday. Michael Parks lässt den Wahnsinn in seinem Spiel hingegen kaum durchscheinen, wirkt fast schon zurückgenommen, obwohl seine Figur in der Radikalität ihrer Ansichten den Vergleich mit Eli Sunday nicht zu scheuen braucht. Gleiches gilt für den von John Goodman verkörperten Agenten, der für etwas comic relief sorgt und Red State stärker in die Bahnen eines Thrillers lenkt. So durchzieht den Film lauwarmes Spiel herausragender Darsteller, in deren Reihe Melissa Leo als Lockvogel für die Jugendlichen zu Beginn keine Ausnahme ist.

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Vielleicht ist das auch gut so, weil angesichts weniger Höhepunkte und der fehlenden Dichte des Drehbuchs ein zu großer Akzent auf das Schauspiel durchaus die Gefahr  hätte bieten können, die Figuren zu reinen Karikaturen verkommen zu lassen. Andererseits lässt das Spiel Red State insgesamt leidenschaftslos wirken. Und das bei einem Thema, dessen Allgegenwart man recht direkt ansieht, dass es mit so einigem agitatorischen Engagement für Smith verbunden ist. Wie dieses politisch zu lesen ist, nämlich als Apologie der Menschlichkeit und Toleranz, macht er unmissverständlich deutlich.

Dazu passt nur nicht, wie wenig Haltung er zu den angeblichen Sündigern par excellence, den Schwulen, zeigt. Für mehr als Opferfiguren scheinen sie nicht zu gebrauchen zu sein. So schließt sich der Kreis eines entschlossen wirken wollenden Films, dem es an Willen nicht fehlt, vielleicht auch nicht an Potenzial. Nur ist er nie präzise, selten intensiv und läuft auf keine erkennbare Pointe hinaus. Dass Red State Kevin Smiths wohl bester Film seit langem ist, tröstet kaum.

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