RED

Robert Schwentke lässt in seiner Comicverfilmung eine Riege namhafter Darsteller am Ruhestand leiden, mit Maschinengewehren feuern und Wodka trinken – RED legt unerwartet trockenen Humor an den Tag.

Während man Frank Moses (Bruce Willis) dabei zusieht, wie er seinen Boxsack traktiert, ahnt man: Dieser Mann ist nicht glücklich mit seiner bürgerlichen Vorstadt-Existenz. Ähnlich Sarah (Mary-Louise Parker), die sich aus ihrem Alltag wegträumt, indem sie Schundromane verschlingt und mit x-beliebigen Männern ausgeht. Als sie weintrunken von einem Date nach Hause kommt, hat sie keinen Schimmer davon, dass ihr nächstes Date soeben beginnt – mit einer Entführung.

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Ein in Zwangsrente gesteckter CIA-Top-Agent, retired, extremely dangerous, entkommt einem brachial agierenden Killerkommando und entführt eine hübsch-naive Frau (mit der er zuvor eine Art Telefonflirt hinlegte), um sie außer Lebensgefahr zu bringen. Der Rentner trommelt sein altes Team zusammen, erwehrt sich gewieft der Mordversuche durch den früheren Arbeitgeber CIA, trinkt Wodka mit dem einstigen russischen Feind und deckt eine Verschwörung ungeahnter Dimension in Regierungskreisen auf. So könnte man den Plot von RED zusammenfassen - und würde diesem Film nicht gerecht. Die Story ist im Vergleich zum ebenfalls von Lorenzo Di Bonaventura produzierten Action-Thriller Salt (2010) flach und bald durchschaut, doch dient sie ohnehin nur als Hintergrund, vor dem sich die Charaktere abzeichnen.

Und die Figuren sind durchweg stark. Konzentriert sich die Comic-Vorlage Red (2003/04) auf den Protagonisten Frank, so erweitert die Verfilmung den Pool der Agenten und lässt ein wenig Blut weg, ohne jedoch dem Thema des Comics untreu zu werden: das Herausdrängen alternder Menschen aus einer Gesellschaft, die sie skrupellos mit neuem Humankapital ersetzt und sich nicht um die Konsequenzen schert. Verpackt wird der so heraufbeschworene Konflikt actionreich in Verfolgungsjagden und massiven Schusswaffengebrauch zwischen den in die Jahre gekommenen und den jungen Agenten, wobei sich die Frage stellt, wer hier die Fäden zieht.

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Die entführte Sarah erkennt, dass Frank sie tatsächlich schützen will, und so wird aus der Entführung, mit der RED begann, ein gemeinschaftlicher Road-Trip durch die USA. Ein wenig scheint Sarah sich als Bond-Girl zu fühlen und ihre neue Rolle zu genießen – bis sie im CIA-Verhör landet und sich dem schneidigen Agenten William Cooper (Karl Urban) gegenüber findet. Eingeführt wird Franks erheblich jüngerer Gegenspieler Cooper, als er akribisch Spuren sichert und dabei lässig mit seiner Frau telefoniert. Zwei Minuten später ermordet er einen um Gnade Flehenden. Von Anfang an wird kein Zweifel an seiner kaltschnäuzigen Perfektion im Killer-Handwerk gelassen, zugleich sehen wir ihn als Familienvater, was Frank als Vertreter der alten CIA-Schule nie sein durfte.

Als Sarah im Verhör nach Frank gefragt wird, zischt sie Cooper ins Gesicht: „He is gonna eat you for lunch.“ Sie liegt richtig mit ihrer Einschätzung. In einer der besten Szenen von RED ist der Generationenkonflikt körperlich greifbar: Frank und Cooper liefern sich einen Nahkampf, den Frank überlegen gewinnt. Die Auseinandersetzung erinnert an Jason Bournes philippinisches Kali und ist sehenswerter als so manches der opulenten Feuergefechte.

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Die Familien-Thematik trennt die alten von den jungen Agenten, doch zugleich eint sie die Generationen, denn der banale Satz „Everything you love can be taken away from you“ gilt geradezu universal: Frank will um jeden Preis verhindern, dass Sarah, die er gerade erst gefunden hat, etwas zustößt, Cooper ist über Frau und Kinder erpressbar. Und dann ist da noch Franks Kollegin Victoria (Helen Mirren), eine tragische Figur, die ihrem Leben mit in Eleganz gekleidetem Zynismus begegnet. Victoria scheint diejenige zu sein, die vor ihrer Rente am tiefsten verstrickt war in den Widersprüchen zwischen persönlichen Bindungen und Alternativfamilie CIA. So überrascht sie sogar ihre engsten Vertrauten Frank, Marvin (John Malkovich) und Joe (Morgan Freeman) mit nun ans Licht kommenden Fakten aus ihrer Zeit als junge CIA-Agentin. Brutale und für Victoria selbst schwer zu tragende Facetten, die der grazilen Erscheinung, wie Victoria sie im weißen Ballkleid abgibt, diametral entgegengesetzt sind. Dies wird nur am Rande erzählt, und die darin enthaltene Härte wird mit trockenem Humor abgefedert. Ohnehin lebt RED vor allem vom subtilen Witz der Dialoge.

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Robert Schwentkes Debütfilm war der Thriller Tattoo (2002). Sein schon dort deutlich gewordener Hang zum Düsteren scheint auch in RED wieder durch, wenn die Gegner am Ende in einer abgewrackten Industriehalle aufeinandertreffen; ein Finale, das weit entfernt ist von einem oberflächlichen oder bemüht lustigen Showdown. Doch mit einem solchen hätte man hier auch schon nicht mehr ernsthaft gerechnet. Die von dem Werbespruch „Älter, härter, besser“ geweckte Erwartung einer harm- und vielleicht auch hirnlosen Actionkomödie wurde zu diesem Zeitpunkt schon angenehm enttäuscht.

Trailer zu „RED“


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Kommentare


Gerry

Klasse Film, spannend und gleichzeitig mit einem genialen Humor, klasse Schauspieler (nicht nur Bruce Willis glänzt seit langem mal wieder)...absolut sehenswert.






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